Stadtluft macht unfrei

Erstarrt: Das Riesenrad am Düsseldorfer Schlossturm steht seit November still. Foto: bikö

Über die Segnungen des Landlebens in der Pandemie

Ich hatte keine Farm in Afrika. Aber eine Doppelhaushälfte im Allgäu. Auf dem Hügel über einem Bilderbuch-Städtchen, am Waldesrand. Ein paar Schritte entfernt von der spektakulärsten Aussicht auf die nahen Alpen. Nach 15 Jahren in ländlicher Idylle zog es meinen Ehemann und mich zurück in die Großstadt am Rhein. Wir wollten wieder mitten im Trubel sein, fanden eine Wohnung um die Ecke unserer Lieblingskneipe, mit Kunstkino im Souterrain. Zu Fuß können wir in den Kunstpalast gehen oder in die Oper oder an die längste Theke der Welt, die Düsseldorfer Altstadt. Das heißt: Wir könnten. Wenn Corona nicht wäre und den Städten das prickelnde Leben aus den Adern gesogen hätte. Jetzt sehnen wir uns oft nach der freien Luft des Landes und sind nicht die einzigen. Es bahnt sich eine Stadtflucht an.

Vor der Pandemie gab es zwar auch schon junge Familien, die vor dicker Luft und steigenden Immobilienpreisen in die Peripherien der Metropolen geflohen sind. Wer flexibel Karriere machen und sich dabei bestens amüsieren wollte, den zog es allerdings in die nimmermüde Stadt, zu den unbegrenzten Möglichkeiten, den After-Work-Partys, der Freiheit im Überraschenden. „Downtown“ – unvergessen ist der hymnenhafte Schlager, mit dem die Britin Petula Clark 1964 den Zeitgeist traf, auch in einer deutschen Version: „Bist du allein, von allen Freunden verlassen, dann geh in die Stadt, downtown, da wo das Leben überall in den Straßen so viel Lichter hat ...“ Munter sang Petula vom „Tanz der Leuchtreklamen“ sowie von „Kinos und Bars mit unbekannten Namen“.

Downtown rührt sich nichts mehr

Die sind jetzt geschlossen. Und bald pleite. Theater und Konzerthäuser stehen still da wie Ruinen ihrer Bestimmung. Museen und Geschäfte wurden nur vorübergehend mal unter Einhaltung scharfer Hygiene-Regeln geöffnet. Die Gastronomie versucht, sich mit To-Go-Service über Wasser zu halten, zum Verzehr muss man aber bei uns mindestens 50 Meter weiter entfernt sein. Der Müll ist um zahllose Pappbecher, Pommes-Schalen, Atemschutzmasken und Servietten angeschwollen. Der Wind weht das Zeug durch die Straßen der Städte, die abends wie ausgestorben sind, wenn bei steigender Inzidenz-Zahl die Ausgangssperre verhängt wird.

Der Reiz des Urbanen – perdu. Er hatte schon vor Corona gelitten, denn Petula Clarks „bunter Neonschein“ und andere Energieverschwendungen tragen bekanntlich zur Klimaerwärmung bei. Während junge Leute noch in Scharen ihre Dörfer verließen und in die Stadt zogen, wurde schon gern in Magazinen wie „Landlust“ geblättert. Allerdings eher aus ästhetisch-atmosphärischen Gründen. Apfelkuchen-Rezepte und selbstgeflochtene Frühlingskränze passen ja auch auf städtische Balkons. Die sind uns im zweiten Jahr der Corona-Regeln allerdings sehr eng geworden.

Zu viele Jogger und Welpen

Und eng wird es dem Städter ums Herz, wenn er schon an der Haustür die Maske aufsetzen muss und um seine Mitmenschen einen virologisch einwandfreien Bogen macht. Unbefangen frische Luft zu schnappen war noch nie so schwierig wie heute. Man läuft halt um den Block – oder an den Rhein, wo Spaziergänger an schönen Tagen unfreiwillig einem Demonstrationszug gleichen, bedrängt von Joggern, die ihr Laufband im Fitness-Studio verzweifelt vermissen. Quer über die linksrheinischen Wiesen zu laufen, umkläfft von Welpen, die zum Trost in unvernünftiger Zahl angeschafft wurden, ist in Düsseldorf das luftigste Erlebnis. Man kann sich am Fluss mal ohne Maske auf einen Stein setzen, während das Gedränge am gegenüberliegenden Altstadtufer mit Maskenpflicht, Absperrung der Freitreppe und zeitweise einem grotesken Verweilverbot eingedämmt wird. Hier dürfen Sie nicht stehen bleiben oder gar auf einer Bank sitzen ...

Nun könnte man einen Ausflug machen. Das ist ja im Prinzip gerade nicht verboten. Aber da draußen in Wald und Flur gibt’s kein offenes Ausflugslokal und keine sanitären Anlagen, die der Mensch nach längeren Anfahrten doch gerne aufsucht. So ganz ohne geschäftliche Verbindungen wird der Städter von der Bevölkerung grüner Landstriche außerdem nicht unbedingt gern gesehen. Im Sauerland wurden im Winter barsch etliche Familien vertrieben, die mit den Kindern auf verschneiten Hügeln rodeln wollten und einen Autostau verursachten. Da bleibt man lieber in den Mauern der Stadt und beneidet Mitbürger, die in weiser Voraussicht einen Schrebergarten gepachtet haben und vor einer Laube auf dem Klappstuhl in der Sonne sitzen können. Ach, eine Laube wäre schön!

Distanz ist kein Problem mehr

Früher der Inbegriff von Spießigkeit, sind Kleingärten jetzt eine echte Zuflucht geworden für die bedrängte Städterseele. Die Tochter von Freunden, die mit Mann und zwei Kindern im einst so coolen Berlin wohnt, hat nach zäher Suche eine Parzelle mit Datsche in einem brandenburgischen Kleingartenverein gefunden. Auch wenn die Anreise anderthalb Stunden dauert – die Familie ist glücklich und wird sich mit Beet-Ordnung und anderen Vereinsregeln arrangieren. Hauptsache, man hat ein Stück Natur. Andere beenden das Stadtleben radikal und gehen ganz aufs Land. Ist ja durch die Einführung des Homeoffice jederzeit möglich. Gesicherte Zahlen gibt es noch nicht. Aber die „remote work“, altmodisch Heimarbeit, „könnte zu einer Stadtflucht führen“, meinte das Fachportal Business Insider schon im letzten Sommer.

Sollte sich die Verlagerung von Arbeitsplätzen in den häuslichen Bereich auf Dauer durchsetzen und nicht mehr täglich eine Präsenz im Büro verlangt werden, wären räumliche Distanzen kein großes Problem mehr. Man müsste nur gelegentlich mal pendeln. Verlockend. Im Deutschlandfunk wurde der Rockmusiker Stefan Streck vorgestellt, der mitten in der Corona-Krise nach 30 stornierten Konzerten die Stadt Leipzig verließ und in das Dorf Kölsa zog. Jetzt hat er 160 Quadratmeter und acht Zimmer, wofür er 300 Euro weniger bezahlt als für seine Stadtwohnung. Und: „Ich kann nachts um zwei Schlagzeug spielen ... Ich störe hier niemanden. Das ist ein dolles Gefühl von Freiheit.“ Noch vor kurzem hätten junge Leute in Kölsa vermutlich eher ein dolles Gefühl von Langeweile entwickelt. Auch hegten viele Städter ein gewisses Misstrauen gegenüber der Idylle. Zahlreiche Krimis, in denen Fremde den „Tod im Häcksler“ finden (Tatort von 1991) und Kommissare in öden Dorfkneipen feindselig angestarrt werden, zeugen von dieser Haltung.

Die Yuppies verlassen die City

Das ist vorbei. Vom Land wird Erlösung erwartet. Nicht nur bei uns. Um den rigorosen Lockdowns der französischen Regierung entspannter zu leben, sind begüterte Pariser scharenweise aus der erstarrten Metropole aufs Land in ihre maisons de campagne gezogen und dort ihren Champagner trinken. Weniger Glückliche, die seit über einem Jahr in ihren engen Wohnungen ohne Balkon eingesperrt sind, träumen von einem Domizil auf dem Land, wo die Ausgangssperre keinen großen Schrecken hat.

Die Stadt, wo das Vergnügen verboten ist und die Armut wächst, hat ihren Charme verloren. Selbst das grandiose New York wird von frustrierten Yuppies verlassen. Neulich sah ich einen Film über den Industriedesigner Bill, der nach 20 Jahren in Brooklyn mit der Familie ganz ins Hudson Valley gezogen ist und dort im eigenen Wald happy sein Kaminholz schlägt. Wie er in ein paar Jahren darüber denkt, bleibt abzuwarten. Derzeit suchen alle nach einem Himmel jenseits des Corona-Blues, wollen in ungestörter Natur leben und sich bewegen ohne Maske und Gedränge. Landluft macht frei.

Garstige Gemütlichkeit

Wie der Lockdown die kultivierte Lebensart ruiniert

Jetzt dürfen wir ja wieder – falls die fiese Inzidenz es weiterhin erlaubt und natürlich unter Einhaltung jener komplizierten Regeln, die sich unsere amtlichen Vordenker im Corona-Stress ausgedacht haben. In meiner Stadt haben wir so lala-mittlere Bedingungen, weshalb Geschäfte und Museen theoretisch zwar besucht werden können, aber praktisch nur, wenn zuvor erfolgreich ein Termin gebucht wurde. Mit Uhrzeit, Dauer, kompletter Angabe von Kontaktdaten. Das ist alles anstrengend. Das Sofa hingegen lockt mit vertrauter Gemütlichkeit. Man kann sich in die Kissen werfen, Hosen mit dehnbarem Gummibund tragen, und der Cappucino kostet nichts. Haben wir nach einem Jahr der Pandemie etwa die Contenance verloren?

Womöglich handelt es sich dabei um eine Nebenwirkung der Pandemiemüdigkeit, von den Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch „Pandemic Fatigue“ genannt. Dieses Phänomen führt bei Krawallnaturen zur Missachtung von Vorsichtsmaßnahmen (Maske? Ohne mich!), artige Regelbürger entwickeln laut WHO hingegen „ein Gefühl von Bequemlichkeit, Distanzierung und Hoffnungslosigkeit“. Genauso war das, als ich am ersten Tag der relativen Lockerung lustlos über unsere nahe Einkaufsstraße schlich – mit der matten Absicht, einen Geschenkkarton zu erwerben.

Keine Lust auf To Go

Da keinerlei Andrang herrschte, durfte ich am Eingang des Fachgeschäfts sogar ohne vorherige Anmeldung einen spontanen Termin buchen: „Buchstabieren Sie nochmal den Namen? Telefonnummer? Bitte Hände desinfizieren! Reicht Ihnen eine Viertelstunde?“ Ich schwitzte unter meinem FFP2-Schnabel, stellte nach drei Minuten fest, dass keinerlei Geschenkkartons im Angebot waren, fand auch sonst auf Anhieb nichts begehrenswert und floh, da ich nicht die geringste Luft auf einen Kaffee to go im Pappbecher hatte, nach Hause zu meinem Sofa, um auf dem Smartphone in aller Ruhe virtuell das Gewünschte zu shoppen.

Denn die Wahrheit ist: Alles funktioniert ja so leicht mit der Hilfe unserer geliebten Geräte mit den leuchtenden Bildschirmen. Wir können nicht nur jederzeit unsere Lieblingsserien streamen und uns mit Spielchen ablenken. Wir kommunizieren damit (nur, so lange wir wollen), wir arbeiten oft sehr zielgerichtet, wir treiben Sport (falls wir die Disziplin aufbringen), wir besuchen Konzerte und Vernissagen – und müssen dafür nicht hinaus ins feindliche Leben. Das kam uns im ersten Lockdown vor fast einem Jahr noch völlig verrückt vor. Doch der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier. Und dieses Tier hat sich eingekuschelt in den modernen Höhlen mit allem Komfort.

Irgendwie abgeschlafft

Home sweet Homeoffice! Eigentlich nett, dass der Kongress ausfällt! Gut, dass ich nie mehr zum Flughafen muss! Reisen kann überhaupt so stressig sein. Dieses Frühaufstehen! Diese Warteschlangen! Womöglich gibt es Turbulenzen. Und sind Flieger oder auch Züge nicht sowieso virologisch höchst bedenkliche Verkehrsmittel? Gibt’s nicht immer niesende und hustende Mitreisende? Wenn ich’s jetzt so bedenke: Will ich wirklich eine Kreuzfahrt von Buenos Aires nach Santiago de Chile machen? Huh, nein! Bodensee reicht doch.

Ja, wir sind irgendwie abgeschlafft – und zugleich verwildert. Seit Januar 2020 war ich nicht mehr beim Friseur und habe nun eine Mähne wie zu Jugendzeiten. Leider grau. Der Gatte ist zwar im Sommer nochmal zum Nachschneiden gegangen, aber inzwischen sieht er aus wie ein ungarischer Hirtenhund. Sehr zottelig. Macht nichts. Noch gibt es weder Konferenzen noch Premieren noch größere Festlichkeiten, bei denen der Mensch sich in eine elegantere Erscheinung verwandeln sollte/möchte. Kein Smalltalk, kein steifes Stehen, keine unangenehmen Begegnungen! Und wen soll es schon stören, wenn ich meine Mails im Pyjama erledige?

Melancholische Kalorien

Verzweifelt bieten mir Modemarken, die ich früher mochte, rosenholzfarbene Hosenanzüge und Plisseeröcke mit taillierten Blazern an. Online oder in Form von rührenden Katalogen, die unsere Papiertonne füllen. Danke, nein! Zur Atemschutzmaske sieht ohnehin nichts wirklich schick aus. Was ich mir in diesem Corona-Winter bestellt habe, waren kuschelige Pullis und weite Jeans. Ach, und zwei spottbillige Daunenmäntel für die ewig gleichen Spaziergänge in der näheren Umgebung. Meine feinen Sachen befinden sich abgehängt im hintersten Schrank. Wahrscheinlich passen sie eh nicht mehr. Denn die Pandemie hat ja Kalorien in sich.

Nie in meinem Leben haben wir so gut und regelmäßig gegessen wie in der häuslichen Zurückgezogenheit. Statt zwischendurch und unterwegs eine Kleinigkeit zu essen, wird täglich ordentlich gekocht. Gestern Thai-Hühnchen in Kokoscurry, heute Spaghetti mit Käsesahnesoße, morgen Steaks mit Champignons und Röstkartoffeln. Und hinterher was Süßes, Eis oder Pudding. „Viel leckerer als im Restaurant“, meint der Gatte, dem das wenig zehrende Lockdown-Leben hartnäckige Zusatz-Kilos beschert hat. Er findet es übrigens heimlich sehr angenehm, dass sich ein Mann gerade gar nicht in zugigen Stadien drängeln kann, um seiner Fußballleidenschaft zu frönen, sondern bräsig im Pantoffelkino sitzen bleiben darf. Übrigens: Beim Fernsehen schmeckt die feine herbe Mandelschokolade einfach köstlich zum Rotwein. Der dehnbare Hosenbund kneift ja zum Glück kein bisschen. Ach, ist doch gemütlich bei uns! Schrecklich gemütlich! Wird Zeit, dass wir uns aufraffen, um das Leben da draußen wiederzuentdecken!

Schön kraftvoll hinlegen

Über Versuche, den Lockdown munter zu gestalten

Das war ja zu erwarten. Der Lockdown wird verlängert und verschärft. Unsere Lebensart bleibt geschlossen wie Theater, Museen, Kinos und Kneipen. Nicht mal ein kleiner Boutiquenbesuch ist mehr erlaubt – mit Schweißausbrüchen hinter der Maske beim Anprobieren zu enger Jeans. Wenn wir nicht gerade in der Warteschlange stehen, um Klopapier und unser täglich Brot zu erobern, sollen wir gefälligst auf dem Sofa hocken und gar nichts tun. „Besondere Helden“ des Corona-Jahres 2020 „waren faul wie die Waschbären“, behaupten Rentner aus der Zukunft in den launigen Motivations-Spots der Bundesregierung. Leider ist Faulsein und Chips essen auf Dauer recht ungesund für Körper und Geist.

Auch der im Haus gehaltene Mensch braucht ein artgerechtes Programm. Nein, gemeint ist nicht das Fernsehprogramm oder das unendliche Entertainment der Streaming-Dienste. Obgleich: Es trägt schon zu wohliger Betäubung bei, wenn man die komplette sechste Netflix-Staffel der malerisch metzelnden „Vikings“ in knapp acht Stunden über sich ergehen lassen kann. Das hat zweifellos mehr Unterhaltungswert als das Testbild, vor dem man einst nach Sendeschluss einschlafen musste. Aber es macht letztendlich genauso müde, wobei noch die Erkenntnis hinzukommt, dass sich das schlaffe Leben als Couch-Potato allzu krass vom Helden-Alltag eines Wikingers unterscheidet. Es kommt zu einer kollektiven Frustration, die der Experte Leonhard Schilbach, leitender Psychiater in Düsseldorf und Psychiatrieprofessor in München, „mit Sorge“ betrachtet, da diese Gefühle, wie er in einem Interview des Zeit-Magazins verrät, „oft auch mit Gereiztheit und Antriebslosigkeit einhergehen“.

Die Forderung des Tages

Wie wahr, Herr Professor! Ärzte behalten ja jederzeit ihren relevanten Alltag. Wer einen Bauernhof mit Viehhaltung hat, weiß sicher auch genau, was wann zu tun ist. Aber wie schaffen Familien einen befriedigenden Ausgleich für den virtuellen Nervkram von Home-Office und Home-Schooling? Und was sollen Kurzarbeiter und beschäftigungslose Selbstständige in ihren überheizten Wohnungen machen, um die innere Struktur zu retten? Ein Tagesplan ist Schilbachs Lösung – auch für banale Dinge wie Frühstücken, Joggen, mit der besten Freundin telefonieren: „Ich rate dazu, den Tagesplan wirklich aufzuschreiben, mit Uhrzeiten.“

Nun gut, dazu gehört ja sicher, dass man sich im Laufe des Vormittags (sagen wir, 9.30 Uhr) ordentlich anzieht und nicht nur zur wöchentlichen Video-Konferenz mal eben ein Jackett über den Pyjama zieht. Man sollte sich kämmen, schminken, im Spiegel korrekt aussehen. Aber halt! Erst nach dem Sport mit Steffi. Die irre gut gelaunte, blondbezopfte Vorturnerin im neongelben Shirt ist Vorturnerin auf einer alten Brigitte-DVD („Alles für die Traumfigur“), die ich glücklicherweise nicht mit anderen veralteten Datenträgern entsorgt habe und die mir nun das Fitness-Studio ersetzt. Mit einem Zischen erscheint das Menü, Elektro-Beats machen mir Beine, „wir legen los mit unserem Warm-Up-Programm“, jauchzt die Trainerin.

Erst turnen, dann kochen

Steffi, das spürt man, stammt aus der Zeit der großen Unbefangenheit vor Klimawandel und Corona-Blues. Und sie ändert sich nie. „Schön tief in den Ausfallschritt“, kommandiert sie munter, „nimm die Arme kraftvoll mit!“ Ja, von Schwäche kennt sie nichts, die Neongelbe, „wir drehen uns über rechts auf“, und wir ziehen „die Schultern ganz aktiv nach hinten und unten“, sogar das Hinlegen hat bei ihr Dynamik: „Leg dich kraftvoll ab“, heißt es da. Und „Super!“ lobt sie immer wieder, unbesehen. Ich fühle mich gleich besser. Schon geht es munter fort, zum nächsten Punkt des Tagesplans, nach dem Abarbeiten der Mails. Und das ist das Kochen.

Nie in meinem Leben habe ich so anhaltend in der Küche gestanden. Vor Corona hat ich weder Zeit noch Lust zum Kochen, wir gingen lieber gleich zum Italiener. Das fand ich übrigens auch feministisch einwandfrei. Nicht ohne Grund schenkte mir eine freche Freundin mal einen Magneten mit dem Spruch „I kiss better than I cook“ (ich küsse besser als ich koche). Als Mahnung haftet das Ding bis heute an meinem Herd, den ich nun, in reifen Jahren, täglich zu benutzen gezwungen bin. Und siehe da: Meine Steaks mit Champignons-Sauce und diverse Spaghetti-Variationen sind auf jeden Fall besser als das lauwarme, halb zerquetschte Zeug, das verzweifelte Restaurants nach draußen verkaufen.

Das Gärtchen leuchtet still

Doch auch der Küchendienst ist flott erledigt – zumal die hungrige Familie derzeit nicht zueinander kommen darf und nur der bescheidene Gatte zu füttern ist. Aufgrund fehlender Inspiration von außen lässt das Tischgespräch zu wünschen übrig. Und wie mein kleiner Enkel im Langeweile-Modus frage ich mich gleich nach dem Abräumen schon wieder: „Was mach’ ich?“ Mickrig sind die Forderungen des Tages. Das Vorgärtchen leuchtet still im Winterschlaf unter weihnachtlichen Lichterketten und bedarf keiner weiteren Betreuung.

Wichtig ist natürlich auch die geistige Herausforderung. Lange ungelesene Bücher wurden bereits bewältigt, sogar Johannes Frieds 736-Seiten-Biografie von Karl dem Großen. Die mögliche Lektüre ist ja unendlich. Und so mancher fühlte sich in diesem Jahr bemüßigt, auch noch die eigenen Memoiren ungefragt in die Welt zu setzen. Über das Self-Publishing-Konzept von Kindle und Amazon geht das inzwischen von zu Hause aus, grenzenlos und kostenlos. Aber keineswegs unkompliziert. Das sicherste Geschäft machen vermutlich Berater, die ihre Self-Publishing-Dienste anbieten.

Wohl dem, der jetzt ein erfüllendes Hobby hat! „Hobbys können Zeit strukturieren, das Hirn trainieren und gute Laune machen“, weiß meine Frauenzeitschrift. Man müsste Klavier spielen können, leider nie gelernt. Manche finden Befriedigung in der stummen Betreuung ihrer Privatsammlungen von Standuhren, Briefmarken oder Schützenscheiben. Ich habe meine halb vertrockneten Schneekugeln sowie meine angeschlagenen Pfeffer-und-Salz-Scherzgefäße aus aller Welt schon vor längerer Zeit dem Bedürfnis nach neuer Klarheit geopfert. Jetzt sitze ich hier und kann nur schräge Sprachschöpfungen aus dem Corona-Jahr sammeln: „7-Tage-Inzidenz“, „Maskenpflicht“ oder, mein liebstes Stück, „Beherbungsverbot“.

Gute Laune gesucht

Auch Weihnachten gilt das Verbot. Es soll ohnehin nicht gereist werden, wir halten uns daran. Facetime mit der fernen Familie ist allerdings kein Ersatz für wahre Begegnungen, zumal die Enkelkinder ähnlich wie ich vor dem platten Bild fremdeln und meistens mit flüchtigem Gruß vorüberhuschen: „Hallo, Oma, wie geht’s?“ Tja, viel ergiebiger wirkt das digitale Programm meines örtlichen Theaters auch nicht. Ein paar junge Ensemblemitglieder machen improvisierten Schabernack im leeren Saal, Dramaturgen erklären im Podcast, was man aufführen würde, wenn man was aufführen dürfte. Alle sind hilflos, sogar Paartherapeuten wie Nadja und Clemens von Saldern, die sich einen Welpen zugelegt und eine Sauna eingerichtet haben. Der Süddeutschen Zeitung verrieten die Berliner Kommunikationstrainer, mit welch bescheidenem Vergnügen sie persönlich den Einschränkungen trotzen: „Manchmal holen wir uns zwei Pizzen ..., essen sie im Auto hinten auf dem Rücksitz, mit Kerze und Barmusik, und kommen uns wieder vor wie Studenten.“

Beneidenswert, ich fände es wahrscheinlich nur kalt und unbequem und würde nörgeln. Das ist höchst kontraproduktiv. „Nie gemeinsam schlecht drauf sein“, empfehlen die von Salderns dringend. Und, alte Kalenderweisheit: „Auf das Positive schauen.“ Na gut. Dann sollte man auch auf keinen Fall versuchen, sich gegenseitig die Haare zu schneiden, jetzt, wo auch noch die Friseure schließen müssen. Lieber wachsen lassen und in trauter Zweisamkeit ein Liedchen singen: „Oh, du fröhliche ...“

Warte noch ein Weilchen!

Über die Geduld, die uns die Gegenwart abverlangt

Gut, dass man nie weiß, was wirklich kommt. Im März, als alle Schotten dicht gemacht wurden und wir mit unseren Ängsten allein zu Haus waren, tröstete man sich mit dem Zukunftsszenario des Trendforschers Matthias Horx. Der versprach der verzagten Volksseele, dass wir im September 2020, also jetzt, dankbar im Straßencafé sitzen und uns freuen, wie viel Gutes die zurückliegende Pandemie doch bewirkt haben würde. Tja, das war wohl nix. Covid-19 wütet weltweit heftiger denn je, viele Branchen sind ruiniert, statt Demut hat sich Krawallgeist breitgemacht. Da hilft nur eins: Alltagsmaske zurechtzupfen und weiter warten.

Im Homeoffice hocke ich und warte auf ein Wunder, den Impfstoff, die Rückkehr der unbefangenen Lebensart. Die Theater spielen mit abgesperrten Reihen vor vereinzelten maskierten Zuschauern und warten verzweifelt auf neue Öffnungen. Chöre proben mit Abstand im Park, sie warten vergeblich auf den großen Auftritt. Kinos stehen leer und warten auf den Untergang. Wirte warten bang auf den Winter, wenn sie ihre Terrassen nicht mehr nutzen können. Man wartet täglich auf die Verlautbarungen des Heute-Journals und darauf, dass die bösen weißen Männer an den Stellen der Macht endlich von guten Seelen abgelöst werden. Man träumt von unmöglichen Reisen und wartet auf die Öffnung der weiten Welt oder darauf, dass man weit entfernte Liebste endlich wiedersehen darf. Man wartet und wartet auf bessere Zeiten.

Bloß keine Zeit verschwenden

Nun ist die Fähigkeit zu warten nicht gerade eine Tugend, die wir eingeübt haben. Im Gegenteil: Wir haben gelernt, keine Zeit zu verschwenden, schnell zum Ziel und zum Ergebnis zu kommen, effizient zu sein, bei der Arbeit und in der Freizeit. Nicht rumstehen, trödeln, schwatzen! Stattdessen diskutieren, agieren, reüssieren! Zeit ist Geld, Leute! Seit jedermann und jede Frau über ein Smartphone verfügen, diese allzeit bereite Verbindung zu allen und allem Anderen, werden auch die leeren Minuten in Wartezimmern, Warteschlangen oder an Haltestellen für Handel, Spiel und Kommunikation genutzt. Wer eine Nachricht aussendet, erwartet unverzüglich eine Antwort. Vorbei sind die Zeiten der langen Ungewissheiten, als man womöglich jahrelang auf einen Brief oder die Rückkehr abwesender Angehöriger warten musste.

Der Zustand des Wartens erscheint uns heute nahezu absurd wie in Samuel Becketts 1953 uraufgeführtem Theaterstück „Warten auf Godot“, an dem sich Generationen von Oberschülern abarbeiten mussten. Zwei Männer, oft als traurige Clowns gespielt, verplempern da ihre Zeit in Erwartung eines dritten, der niemals eintreffen wird. Der eine sagt: „Komm, wir gehen!“ Der andere: „Wir können nicht.“ Der eine: „Warum nicht?“ Der andere: „Wir warten auf Godot.“ Hilfe!

Der richtige Augenblick

Wir wollen nicht mehr warten. Das sieht man nicht nur an der infizierten 26-jährigen Reiserückkehrerin aus Garmisch-Partenkirchen, die nach dem Corona-Test keine Lust hatte, in häuslicher Quarantäne zu bleiben und artig das Ergebnis abzuwarten, sondern durch die Kneipen der Gemeinde zog, wo sie etliche Mitmenschen ansteckte. Warten ist uns zuwider, es sei denn, es dient uns als Ausrede. Wenn ich sage, dass ich nur auf den richtigen Augenblick warte, um etwas zu erledigen oder zu gestehen, dann fehlt mir wahrscheinlich nur der Mut.

Wer warten muss und keine Ablenkung hat, dem wird die Zeit lang. Wie die Kinder möchten wir manchmal schon am Anfang einer weiten Fahrt quengeln: „Wie lange noch? Sind wir bald da?“ Diese Art von Zappeligkeit ist typisch für unseren westlichen Charakter. Geduld, jenes ruhige und beherrschte Ertragen von etwas, das von zäher Dauer ist, wird nur noch in Form von Qi-Gong-Übungen goutiert. Ungeduld ist in der Leistungsgesellschaft keine Schande. Damit darf sogar in Vorstellungsgesprächen kokettiert werden: „Meine schlechte Eigenschaft? Ich bin ungeduldig.“ Gratuliere, das klingt nach Tatkraft und Entschlossenheit! Der aktive Erfolgstyp erreicht in der Regel zeitnah, was er anstrebt.

Befreiung von der Emsigkeit

Normalerweise gibt es kaum noch Gründe, lang zu warten. Selbst die Bürokratie hat sich schon Anmeldesysteme ausgedacht, um Wartezeiten zu verkürzen oder transparent zu machen. Ein Zeitfenster wird reserviert, eine gezogene Nummer sorgt für Warte-Gerechtigkeit. Was Warten heißt, erleben wir allenfalls in der automatisierten Warteschleife einer sogenannten Hotline. Doch während sich der übliche Ansagetext wiederholt und nervtötende Musik dudelt, können wir ja das Handy ablegen und unsere Mails checken. Wir lassen die Zeit keineswegs ungenutzt verstreichen, wir wollen keine Befreiung von unserer eigenen Emsigkeit.

Schon lange gibt es hier keine Mangelwirtschaft mehr, die nach dem Zweiten Weltkrieg oder in sozialistischen, vordigitalen Gesellschaftsformen das geduldige Anstehen für gewisse Waren einfach notwendig machte. Die Corona-Krise hat uns eine kleine Ahnung davon gegeben, als wir in der ersten, hysterischen Hamsterzeit des Lock-Downs vor dem Supermarkt anstanden, um noch ein paar Rollen Klopapier oder eine Packung Spaghetti zu ergattern. Da konnten wir plötzlich wieder warten. Es blieb uns ja nichts anderes übrig.

Wann kommt die Erlösung?

Dass jetzt wieder genug Klopapier vorrätig ist und mehr Kunden auf einmal den Laden betreten dürfen, befreit uns aus der Warteschlange. Aber nicht vom großen absoluten Warten auf Erlösung von der Pandemie, auf ausgelassene Feste ohne Angst vor Ansteckung, auf ein Ende der Kurzarbeit, auf Rummel und Reisen und darauf, dass die Menschheit vielleicht doch geläutert aus der Krise hervorgeht. Demnächst, bald, nächstes Jahr?

Wir müssen lernen, schrieb die amerikanische Psychologin Alexandra Woods Logue schon 1998 in ihrem vergriffenen Fachbuch „Der Lohn des Wartens“, wie man „die evolutionäre Impulsivität auf natürliche Weise in Geduld oder stärkere Selbstkontrolle verwandeln kann“. Das kennen wir ja aus Kung-Fu-Filmen mit charismatischen Meistern, die ihren Schülern beibringen, nie voreilig zuzuschlagen, sondern die Spannung bis zum richtigen Moment auszuhalten. Warten, geduldig sein! Um sich in Geduld zu üben, werden in Klöstern gleich welchen Glaubens von jeher alltägliche Dinge mit Demut und Achtsamkeit erledigt. Ich warte nicht dösig, ich kehre vor meiner Tür.

Hobby verzweifelt gesucht

Frauenzeitschriften empfehlen uns Wartenden derzeit vermehrt Meditation sowie die Entfaltung eines Hobbys: Gärtnern (macht man leider sowieso), Fotografieren (auch nicht sehr originell) oder etwas ganz Kreatives: „Töpfern ist das neue Yoga“, lese ich da. Nun kann ich mir schlecht vorstellen, in meinem Wohnzimmer eine spritzende Scheibe mit feuchtem Ton zu drehen. Aber ich besann mich auf die liebe Handarbeit, strickte bereits im Lock-Down einen stocksteifen Schal für künftige sibirische Winter und habe letzte Woche mit zierlichen festen Maschen einen Flicken für den durchlöcherten Ärmel meines Morgenmantels gehäkelt. Das wäre mir nie eingefallen, wenn ich nicht vom Warten komplett zermürbt wäre.

Niemand weiß, wie lange der Zustand der Einschränkungen und der Ungewissheit noch anhalten wird. Wir können nur weiter warten und darauf hoffen, dass manche Kalendersprüche sich bewahrheiten. Wie meinte doch gleich der große Romancier des untergehenden Zarenreichs, Leo Tolstoi? „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“

Geliebtes Fernweh 

Über die unstillbare Lust, die Welt zu entdecken

Schon gut, wir haben verstanden! Mit der Vielfliegerei und dem hektischen Hin und Her auf dem blauen Planeten verteilen wir Viren und schlechte Gewohnheiten, während wir das Klima zerstören. Was wir zuvor so gerne verdrängten, ist in der Besinnungszeit der Corona-Krise klar ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt. Um die Natur und unsere Ressourcen zu schonen, sollte der mobile Mensch in Zukunft auf das Shopping-Weekend in New York verzichten und das Business-Gewimmel der Messen und Kongresse reduzieren. Maß halten haben wir ja jetzt gelernt. Aber das Fernweh ist unvernünftig und zieht uns hinaus in die Welt.

Stopp! Ein bisschen Demut ist angemessen. Es geht uns ja noch gut in diesem Land. Die Kranken werden professionell versorgt, der Lock-Down war weniger streng als in Nachbarländern. Wir durften jederzeit familienweise vor die Tür, radeln, joggen, spazierengehen, radeln, joggen, spazierengehen, radeln, joggen ... Leider hat man irgendwann keine Lust mehr, immer nur das Vertraute zu tun und zu sehen. Natürlich ist es schön daheim, man kann es sich gemütlich machen und ein Planschbecken im Garten aufstellen, aber das Gefühl dafür wird schal. Um es zu erneuern, muss man den Ort wechseln, die Komfortzone verlassen, reisen – und dann zurückkehren in das häusliche Behagen.

Traum von der Grand Tour 

Das Fernweh ist keineswegs eine Erfindung der motorisierten Zeit. Die „Grand Tour“, also die große Reise nach Italien, Spanien oder auch ins Heilige Land, war schon seit der Renaissance ein ersehnter Befreiungsakt und eine Bildungsmaßnahme für die Söhne höherer Herrschaften. Auch Maler und Dichter nahmen Mühsal, drohende Krankheiten und endlos holpernde Kutschfahrten in Kauf, um Inspiration zu finden und ihren Horizont im wahrsten Sinne des Wortes zu erweitern. Das Wort vom Fernweh wurde allerdings erst später geprägt. Der Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871) soll es erfunden haben, ein Offizier und leidenschaftlicher Globetrotter, der, wie er sagte, niemals an Heimweh, vielmehr an Fernweh leide – und den selbst erfundenen Begriff in seinen zahlreichen Reisebeschreibungen aus dem Orient benutzte.

Wurden die Völkerwanderungen der Vergangenheit noch von wirtschaftlichen und kriegerischen Absichten ihrer Anführer angetrieben, so entwickelte der romantische Geist des 19. Jahrhunderts eine individuelle Lust auf das Unbekannte, das Abenteuer des Einzelnen, wie es im volkstümlichen Maienlied mit dem Text von Emanuel Geibel zum Ausdruck kommt: „Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, / so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.“ Dass den Reisenden in der Ferne nicht nur schöne Überraschungen erwarten, sondern auch Irrungen und Gefahren, gehörte zur Idee des Wanderns, der ewigen Suche. Die Brüder Grimm notierten sogar ein besonders gruseliges Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“.

Die Magie des Fremden

Fürchten möchte man sich bitte nicht auf Reisen, aber eine gewisse Anspannung erleben, sich dadurch neu spüren. „Wenn wir immer das Gleiche betrachten, bringt uns das nicht weiter“, sagte die in Basel arbeitende Philosophin Susanne Schmetkamp kürzlich in der Schweizer Fernsehsendung „Sternstunde der Philosophie“ und plädierte für den Perspektivenwechsel: „Man braucht das Fremde, um sich selbst zu verstehen.“ Ach, wie wahr! Nichts ist zu vergleichen mit dem frischen Lebensgefühl, der leichten Aufregung beim Erwachen in einem anderen Land. Am liebsten, gestehe ich hier unter Hintanstellung äußerster Bedenken, erwache ich an Bord eines Schiffs in einem Hafen, den ich zuvor niemals sah.

Ich weiß, es ist politisch-ökologisch nicht mehr korrekt: Ich trauere den unbefangenen Zeiten der Kreuzfahrt hinterher. Vielleicht soll ich mich dafür schämen, aber nichts kann mich und mein Fernweh mehr begeistern als das kalkulierte Abenteuer einer Seereise mit schwimmendem Komfort. Ich muss mich ja nicht um die Sonnenliegen am Pool streiten. Ich suche mir einen Korbstuhl im Schatten, lese in Ruhe und schaue immer wieder aufs herzerweiternde Meer – neuen Zielen entgegen. Nachts wiegen mich die Wellen, fern aller Verpflichtungen, morgens legt das Schiff irgendwo an, wo ich nicht unbedingt wochenlang bleiben möchte. Aber ich möchte mal gucken. Und ich habe Unvergessliches erlebt.

Das kalkulierte Abenteuer

Mit dem Schiff waren wir zum Beispiel in Ägypten, China, Israel, Kuba und Katar, Vietnam, Singapur, Mexiko und Kolumbien. Wir haben die Pyramiden von Kairo gesehen, die Tempel von Bangkok, die Kultstätten der Maya. Wir haben manche Extra-Tour gemacht, mit schwankenden Booten die einsamen Lakkadiven im Indischen Ozean besucht und auf dem Weg nach Bollywood den Gestank in den Slum-Straßen von Mumbai ertragen. Dabei haben wir uns, sagen Kritiker zu Recht, den Verhältnissen nie für längere Zeit ausgesetzt. Unsere Reisen waren keine Expeditionen. Aber wir haben vieles verstanden, auch wenn wir abends wieder an Bord gehen durften, um Foxtrott zu tanzen und vertrauenswürdige Lachshäppchen zu essen.

Für den März 2020 hatten wir nach längerer Pause mal wieder eine Schiffsreise gebucht. Sie sollte uns von Norditalien nach Casablanca bringen und von dort aus über Spanien und Portugal bis nach Großbritannien, Southampton. Natürlich wurde alles storniert. Wir sind ja alle mit unserem Fernweh zu Hause sitzen geblieben. Reiseportale, die mich als willige Kundin kennen, versuchen nun, mir die Option auf eine Südamerika-Tour im Irgendwann zu verkaufen, oder sie gehen auf Nummer Sicher und locken mich sofort nach Ostfriesland. „Birgit, für Wirdum gibt es Last-Minute-Angebote!“ jubelte es mir heute aus dem Netz entgegen, und weil der Algorithmus offenbar gerade bei „W“ unterwegs war, wird mir auch noch Wertingen (Bayern), Weißenberg (Sachsen) und Warnemünde an der Ostsee angeboten.

Eistorte in der Nähe

Da lacht das Fernweh uns aus, aber es muss jetzt mal stille sein. Tatsächlich steht mir der Sinn in dieser Saison eher nach kleinen Fluchten. Neulich zum Beispiel sind wir mit dem Auto nach Kornelimünster gefahren (ganze 83 Kilometer von unserem rheinischen Wohnort entfernt), haben dankbar ein leider nur halb geöffnetes Kunsthaus besucht und schließlich auf einer Café-Terrasse in Aachen hinterm Dom eine spektakuläre Eistorte genossen. Der Dom Karls des Großen, Weltkulturerbe und gewöhnlich von Bustouristen massenhaft heimgesucht, konnte danach noch in aller Ruhe besucht werden. Das Fernweh ist damit natürlich nicht zufrieden, es drängt gen Süden, will wenigstens mal eine andere Sprache hören, mit Einheimischen radebrechen, unverständliche Speisekarten entziffern. Aber, sorry: Die Berichte über die ersten deutschen Touristen, die jetzt mit Sondergenehmigungen wieder nach Mallorca fliegen durften, maskiert und desinfiziert, scheinen mir nicht sehr verlockend.

So versuche ich, der Wanderlust (im Englischen ist „wanderlust“ übrigens das Wort für Fernweh) auf bescheidenere Art zu folgen und hoffe, dass wir im Juli mit den Enkelkindern nach Juist übersetzen können. Ganz oben im Norden unseres Landes. Eine Insel im brausenden Meer, fast wie ein riesiges Schiff. Da sitze ich dann am Strand, stecke die rastlosen Füße in den Sand und schicke mein Fernweh hinter den Horizont in die Zukunft, wo es hoffentlich wieder einmal auf große Reise geht.

Leider verrückt geworden

Mit Maske im Museum, immer leicht beunruhigt - das ist die neue Normalität.

Was das Leben mit dem Virus aus uns gemacht hat

Das Ding ist nun mal in der Welt. Wir können es nicht ändern. Alles, was wir tun und denken in diesem verflixten Jahr, muss erst durch den Corona-Filter. Und während wir in der ersten Zeit der Pandemie morgens beim Aufwachen noch einen Moment lang dachten, alles sei wie immer, so ist das Gefühl für die Heimsuchung unserer Welt inzwischen so tief verwurzelt, dass wir keinen unbefangenen Gedanken mehr fassen können. Und mitten in dem Maskentheater, das unsere „neue Normalität“ prägt, sind wir alle ein bisschen verrückt geworden.

So richtig schlecht gegangen ist es uns ja nicht während der Kontaktsperre. War doch auch ganz schön, mal mit Fug und Recht die Schule und das Büro zu schwänzen. Keinerlei Mangel mussten wir leiden – mit Ausnahme der anfänglichen Klopapier-Krise, die ja eher ein Witz war. Wenn wir nicht gerade die Erziehung quengelnder Kleinkinder mit der Organisation professioneller Videokonferenzen vereinbaren mussten, haben wir es uns im Lock-Down sogar ziemlich gemütlich gemacht. Zum Trost sehr lecker gegessen, gegen die Befürchtungen ein Gläschen Wein mehr getrunken, vermutlich ein paar Kilo zugelegt. Der Alltag war in seiner Einschränkung so sauber festgelegt, dass manche innere Unruhe verschwand.

Mit den Neurosen kuscheln

Denn es war ja nicht nur der Stillstand täglicher Pflichten, sondern auch der Ausfall der tausend bunten Möglichkeiten, die uns üblicherweise umtreiben: Fitness-Studio hier, Familienfest da, Stammtisch, Sonntagsausflug, Theater-Abo, Städtereise. Natürlich könnte man auch sonst auf das eine oder andere verzichten, aber dann hätte man das unangenehme Gefühl, das Leben zu verpassen oder die Freunde zu kränken. Wie Höhlenmenschen der Moderne, gesegnet mit Streaming-Diensten und Zentralheizung, haben wir uns eingekuschelt und unsere Neurosen gepflegt.

Wie es Höhlenmenschen so an sich haben, lernten wir schnell, nur der eigenen Sippe zu trauen und den anderen da draußen als potenzielle Gefahr anzusehen. Plötzlich fanden wir es total beruhigend, dass die Grenze zu unseren Nachbarländern geschlossen und Europas Einigkeit mal eben auf Eis gelegt wurde. Sogar beim Spazierengehen wollte man lieber ganz allein bleiben. Mehr als einmal habe ich um Familien, die mir entgegenkamen, einen irrationalen Bogen gemacht, und Jogger angepfiffen, die zu nahe an mir vorbeischnauften: „Hey, muss das sein?“ Das atemberaubende Erlebnis des Einkaufens mit Mund-Nasenschutz macht mich immer noch nervös, und ich bin erleichtert, wenn ich nach Hause komme, die Tür hinter mir zumachen kann. Hände waschen, aufatmen.

Denunziant und Sündenbock

Freunde zu umarmen oder gar mit Küsschen-Küsschen zu begrüßen, kann sich derzeit keiner vorstellen. Hände schütteln? Igitt! Dafür kennen wir Geschichten über wachsame Nachbarn, die während der Kontaktsperre nach der Polizei gerufen haben, weil sie eine unbotmäßige Plauderei im Vorgarten nebenan anzeigen wollten. Und plötzlich ist er wieder da, der kleine fiese Denunziant hinter der Gardine. Selbst die Polizei wünschte sich in den vergangenen Wochen mancherorts mehr Gelassenheit. Wir erlebten ein Deutschland wie in „Krähwinkels Schreckenstagen“, über die der Freiheitsdichter Heinrich Heine 1854 seine Vormärz-Spottverse schrieb: „Wo ihrer drei beisammen stehn, da soll man auseinander gehn.“ Manche Mitbürger reagierten dermaßen hysterisch auf Regelverletzungen, dass ihnen auch schärfere Maßnahmen gefallen hätten: „Der gehört abgeführt!“ hörte man so manches Mal.

Das ist schon ziemlich crazy, und man kann nur hoffen, dass wir eines Tages, wenn das Virus dank der Pharma-Forschung und der Stimme der Vernunft hoffentlich unter Kontrolle gebracht wurde, zu Toleranz und Offenheit zurückfinden. Derzeit muss bedauerlicherweise festgestellt werden, dass Angst und Wut etliche verwirrte Mitmenschen auf das weite Feld der Verschwörungstheorien getrieben haben. Einen Chef-Bösewicht haben sie auch schon ausgemacht: Bill Gates, der Multi-Milliardär und Big Spender, ist der Dr. Mabuse im Psychothriller dieser Gesellschaftskreise.

Der Müll und der Maskenball

Dagegen sind die kleinen Irrsinnigkeiten der neuen Normalität ja harmlos. Kaum hatten wir uns vorgenommen, unnützen Müll möglichst zu vermeiden, so erzeugten wir im Lock-Down durch Bestellungen und To-Go-Service beängstigende Berge von Kartons, Plastikfolien und Alu-Packungen, ganz zu schweigen von weggeworfenen Einweg-Latex-Handschuhen und Feuchttüchern am Wegesrand. Nun ja, ökologisch denken wir dann später.

Immer wieder verwendet wird immerhin die waschbare, virologisch nicht ganz einwandfreie Maske für Mund und Nase. An die haben wir uns irgendwie gewöhnt. Sie wird mittlerweile sogar allerliebst gestaltet. Begabte Näher und Näherinnen stellen sie in Heimarbeit selber her, viele Läden bieten sie zur Neueröffnung als Nebenprodukt an. Fashion-Victims wissen, dass sie im Netz auch passende Masken zu Prada-Pumps und Louis-Vuitton-Täschchen finden können. So ein braun gemustertes Seidenläppchen mit Ohrenbändern im Fendi-Look kostet da schlappe 190 Euro. Ist aber gerade ausverkauft.

Kling-Klong im Kopf

Andere Firmen empfehlen die Maske selbst als Markenprodukt. Die Firma „Masked“ aus Seukendorf zum Beispiel macht „Masken salonfähig“, bietet eine ganze Kollektion, nur echt mit dem aufgenähten Etikett, und empfiehlt das Tragen dieses neuen „modischen Accessoires“ für 24,90 Euro ganz unabhängig von Corona – wegen der „schlechten Luftqualität“.

Die bloße Vorstellung verursacht mir Schnappatmung. Aber auch ich habe mich im Verlauf der Krise einige kuriose Produkte virtuell aufschwatzen lassen – von aufklebbaren Nagellackstreifen für die mondäne häusliche Maniküre (Einsteiger-Set für 48 Euro) bis zu einem Kling-Klong-Instrument, das mir und den Meinen wohlige Entspannung schenken sollte. „My Kalimba“ ist eine Art Daumenklavier für musikalische Laien, das im Werbespot eine ganz süße Katze mit sphärischen Klängen beruhigt hat, was mich zutiefst überzeugte. Nach sechs Wochen ist mir das mit Kreditkarte bezahlte Ding endlich geliefert worden und liegt seither in einem Plastiksamt-Säckchen in der Schublade. Jedes Kinder-Xylophon macht mehr Sinn. Aber ich behalte es mal, als Erinnerung an eine total verrückte Zeit.

Von der Sehnsucht

Düsseldorfer Innenwelten in der Corona-Quarantäne

Zuerst hat es sich gar nicht so übel angefühlt. Fast befreiend. Nachdem auch das standhafteste Café geschlossen wurde und die Kontaktsperre von unseren furchtsamen Seelen wie eine Erlösung begrüßt wurde, konnten wir unsere Termine löschen. Ersatzlos gestrichen wurden Meetings und Konferenzen, Vernissagen und Verabredungen. Davon hatte man in Zeiten von großem Stress oft geträumt: die Pflicht loszuwerden, einfach zu Hause bleiben zu dürfen. Hurra, die Schule brennt! Doch jetzt, vier Wochen später, spüren wir, was die Corona-Krise uns zerstört: nicht nur Handel und Wandel, auch Kultur und Lebensart. Der Slogan unserer Stadt klingt uns wie Hohn: Nähe trifft Freiheit? Nicht mehr.

Erstaunlich, wie schnell erledigt ist, wofür wir nie Zeit hatten: Bücher sortieren, Fotos einkleben, die Schränke auch mal von oben abstauben. Okay, man könnte noch den Keller entrümpeln – aber wohin mit dem Zeug? Kleidercontainer quellen über, beim Recyclinghof stehen Autos in der Warteschlange. Und überhaupt: keine Lust, im Home-Office schwächelt der Antrieb. Lieber schlafe ich zu lange, hocke im Pyjama auf dem Sofa und blättere in der Frühlingsausgabe eines noch vor Corona produzierten Magazins für reifere Damen. Was der Heidelberger Altersforscher Andreas Kruse da sagt, zeigt das ganze Dilemma: „Wir brauchen Bewegung und fruchtbringende soziale Kontakte... Das Problematischste ist unfreiwillige soziale Isolation.“ Ach ...

Das ganz normale Leben

Ganz wie in normalen Zeiten werden den Leserinnen gepflegte Abenteuer empfohlen: ein Malkurs im Kreativhof bei Worpswede, eine Kurzreise zur Sammlung Nannen in Emden, eine Flugreise zu den Weingütern von Südafrika. „Sehnsucht ist ein Wegweiser“, heißt es im Psycho-Dossier des Magazins, und um zu erkennen, was das Leben reicher macht, solle man sie für sich in Worte fassen. Das ist gerade leicht. Wir möchten Freiheit und Nähe wiederhaben. Wir sehnen uns nach den Kindern, die in anderen Städten oder gar Ländern leben, wir wollen ans Meer fahren, mit den Enkeln im Sand spielen und unsere Freunde umarmen. Und obwohl wir selbst auch was Leckeres kochen können, sehnen wir uns auch nach Geplauder beim Lieblingsitaliener, nach Begegnung, sogar nach der Arbeitswelt.

Darüber wird bereits viel diskutiert. Man hofft auf allmähliche Lockerungen der Kontaktsperre – vor allem zum Wohle der Wirtschaft. Was mich allerdings irritiert, ist, dass kaum jemand spricht von dem, was uns erst zur zivilisierten Gesellschaft macht: Kultur. Das verordnete Koma von Kunst und Kino, Konzerten und Theater scheint die meisten Menschen nicht allzu sehr aufzuregen. Man hat ja Netflix und die Mediatheken. Und es gibt ja charmant zerzauste Musiker und Mimen, deren häusliche Konzerte und Rezitationen zu digitalen Rührkisten zusammengeschnitten werden.

Wann geht die Vorstellung weiter?

Natürlich schätze ich es auch und muss sogar ein bisschen weinen, wenn französische Chansonniers „La Tendresse“, die verlorene Zärtlichkeit, besingen und deutsche Fernsehstars das Hohe Lied aus der Bibel aufsagen: „Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei ...“. Aber letztendlich kann uns das doch nicht das echte Theater ersetzen, die Feier des Augenblicks. Kurz, nachdem das Düsseldorfer Schauspielhaus wiedereröffnet und zum 50-jährigen Bestehen umjubelt wurde, fiel der letzte Vorhang, und Strindbergs „Traumspiel“, fertig inszeniert, hatte bis heute keine Premiere. Ausgefallen ist auch die für Gründonnerstag geplante Uraufführung von Lothar Kittsteins Ibsen-Erneuerung „Volksfeind for Future“, und ausfallen wird im Mai das gesamte Festival „Theater der Welt“, ein internationales Ereignis.

Still und leer steht das Schauspielhaus hinter der Baustelle für den Köbogen II, der immerhin der Vollendung entgegenwächst. Zahlreiche Männer arbeiten auf der Baustelle – als wäre nichts. Die Wirtschaft darf noch reell handeln, die Kultur kann ja ein Video auf die Website setzen. Wir beschweren uns nicht, denn die Angst hat uns im Griff. Wenn uns jemand im letzten Jahr prophezeit hätte, dass wir den Verlust demokratischer Grundrechte wie Bewegungs- und Versammlungsfreiheit klaglos akzeptieren und uns kollektiv in Hausarrest begeben, hätten wir es nicht geglaubt. Jetzt sitzen wir mit unserem Sicherheitsbedürfnis auf dem Sofa, starren auf Infektionszahlen und bestellen uns Atemschutzmasken statt Frühjahrsmode.

Sorge um das geistige Lebensmittel

Das ist ziemlich gruselig. Ich hoffe, dass dieses verdammte Virus uns nicht gänzlich das kritische Denken abgewöhnt. Und dass wir Düsseldorfer nicht nur Fußballspiele und Kirmesrummel schmerzlich vermissen, sondern auch Kunstausstellungen. Niemand sieht derzeit die Fotos von Peter Lindbergh und die Rokoko-Malereien von Angelika Kauffmann im Kunstpalast. Ohne Publikum hängen im K20 Picassos meisterhafte Gesichter aus den Kriegsjahren. Die Eröffnung der Ausstellung über Charlotte Posenenske, eine Meisterin der Minimal Art, wurde „verschoben“. Bis wann? Auf der Website steht „tba.“, to be announced, die supercoole Abkürzung für „wird noch bekanntgegeben“. Hoffentlich vor dem geplanten Ende der Schau am 2. August.

Die Sorge um die Gesundheit hat uns so eingeschüchtert, dass wir das geistige Lebensmittel Kultur fast vergessen haben. Dabei ließen sich gerade in Museen und Kunsthallen sicher eher als in der Kneipe nebenan virologisch einwandfreie Abstandsregeln einhalten. Das Gleiche gilt übrigens für Galerien und Buchhandlungen. Gebt uns die Kunst so schnell wie möglich wieder!

Frau Hallo lässt grüßen

Die individuelle Ansprache ist verschwunden

Hallo erst mal! So begrüßte in den 1990er-Jahren der westfälische Komiker Rüdiger Hoffmann das Publikum. Erinnern Sie sich? Alle lachten sich schlapp. Heute ist das gar nicht mehr so komisch. Denn der flapsige Gruß hat sich allen Ernstes in der Kommunikation durchgesetzt, in seiner ganz flotten Form („Hi!“) oder schleppend („Haallooh“), mündlich oder schriftlich, beruflich oder privat. Passt immer und überall. Kein Mensch scheint mehr zu wissen, wie wir heißen. Wozu auch? Gestatten, mein Name ist Hallo! Ich bin jedermann.

Noch nicht so lange her, da war es eine Selbstverständlichkeit, dass man die Namen seiner Nachbarn kannte und „Guten Morgen, Frau Müller-Lüdenscheid!“ sagte, wenn man ihnen vor der Tür begegnete. Vorbei! In dem übersichtlichen Fünf-Parteien-Haus, in dem wir jetzt schon seit sechs Jahren wohnen, kennt und nennt nur der Herr von gegenüber unseren Familiennamen, weil er schon mal die Post entgegennimmt und ich gelegentlich sein Gärtchen gieße. Die anderen vier Parteien, ein älteres Ehepaar, ein junger Mann sowie eine Familie mit zwei Kindern, verweigern sich dem Old-School-Gruß. Obgleich ich alle unverdrossen beim Namen nenne, gönnen sie mir nichts als das übliche „Hallo!“

Bitte um persönliche Ansprache

Dabei lächeln sie, plaudern gelegentlich sogar ein bisschen über das Wetter. Das Hallo ist ja keineswegs ein Zeichen von Unfreundlichkeit. Es soll nett sein. Auch in unserem Stammlokal um die Ecke, wo uns der sympathischste Kellner gern mit Handschlag begrüßt, merkt man sich einfach nicht unseren Namen, mit dem wir gelegentlich einen Tisch reservieren. Nee, wir heißen einfach Hallo.

Nun könnte man noch einwenden, das sei nur so in der anonymen Großstadt, wo wir seit ein paar Jahren wieder leben. Aber selbst, wenn sich die Anwesenden untereinander gut kennen, machen sie sich kaum noch die Mühe der persönlichen Ansprache. Ich möchte wetten, dass in den meisten Büros das allgemeine „Hallo!“ den individuellen Morgengruß ersetzt hat. Und weil das so locker-leicht ist, dominiert es auch in der Korrespondenz. „Hallo zusammen“ ist die gängige Formel im Mail-Verkehr, der an mehrere Personen gerichtet ist. Die Chefredaktion eines dynamischen Online-Portals, für das ich mitunter schreibe, pflegt ihre Anfragen mit einem forschen „Hallo“ einzuleiten, obwohl das Eintippen von „Liebe Birgit“ (wir duzen uns) wirklich nicht unzumutbar mehr Zeit und Mühe kosten würde.

Warum duzen Sie mich?

Dafür benutzen Wildfremde meinen Vornamen und duzen mich, um eine geschäftsfördernde Nähe vorzutäuschen. „Was machst du gerade, Birgit?“ fragt mich Facebook, als sei ich Mr. Zuckerbergs geschätzte deutsche Tante. Die allzeit aufploppende Werbung ist natürlich auch ganz vertraut mit mir. „Entdecke unsere Kollektion“, „finde das perfekte Geschenk“, so heißt es da. Und wenn ich tatsächlich mal was bestelle, geht es weiter mit dem digitalen Halli-Hallo: „ Hi Birgit, thank you for your order“.

Ja, ich weiß, im englischsprachigen Ausland ist es üblich, sich beim Vornamen zu nennen, und es gibt gar kein Sie. Aber unser Kulturkreis sieht den feinen Unterschied durchaus noch vor, und ich finde es einfach ärgerlich, wenn eine Mail an „Sehr geehrte Damen und Herren“ mit „Hallo, Birgit“ beantwortet wird. Kein Wunder, dass sich auch im wahren Leben keiner mehr die Mühe macht, unsere kompletten Namen zu lernen. „Hallo, ich bin die Tanja, wir duzen uns hier alle“, ist die gängige Begrüßung nicht nur im Sportverein, sondern auch auf Dienstreisen mit mir völlig unbekannten Teilnehmern. Am Ende weiß man gar nicht genau, mit wem man da eigentlich unterwegs war.

Die neue Lockerheit

Hallo, das gefällt mir nicht! Denn es ist ja kein Zeichen gewachsener Verbundenheit, sondern lediglich eine Vereinfachung, die auch eine Verarmung ist. Wobei ich mir nicht einbilde, dass die Erwähnung meines Nachnamens allein zu differenzierten Beziehungen führt. Das Management meines neuen Fitness-Studios setzt in seinen Werbe-Mails zwar den vollen Namen ein, aber macht sich nicht mal die Mühe, das Geschlecht des Kunden zur Kenntnis zu nehmen: „Liebe/r Birgit Kölgen“.

Nun, in Zeiten von Diversity und politischer Korrektheit weiß man ja nie, was sich hinter Birgit verbirgt ... Ich empfehle ein geschlechtsneutrales: „Hallo, Liebes!“ Ach je, die neue Lockerheit macht einen ganz meschugge. Hallo nochmal.

Wir Umwelt-Sünderlein

Trotz guter Absichten schummeln wir uns durch

Es ist ja kein Volk eifriger als wir, wenn es darum geht, die Hinterlassenschaften des Wohllebens zu sortieren. So kompensieren wir die Tatsache, dass die Deutschen pro Nase und Jahr 220 Kilo Verpackungsmüll verursachen – mehr als alle anderen Europäer. Peinliche Statistik. Dafür zeigen wir denen da draußen, was ordnungsgemäßes Entsorgen bedeutet. Während zum Beispiel in Paris die meisten Hausgemeinschaften nach wie vor aufs Recycling die Marseillaise pfeifen und alles völlig indifférent in einen stinkenden Container werfen, muss Vati bei uns jeden Samstagvormittag zum Verwertungshof fahren, um das Plastik, das Gartengrün und die Zeitungen in handlichen Bündeln abzuliefern.

In den Dschungeln der Großstadt am Rhein, wo ich lebe, sind die allgemeinen Sitten zwar lässiger, und es gibt immer wieder Klagen über Gemüsereste in der Plastiktonne, aber: Das Sendungsbewusstsein der Wohlmeinenden hat umso mehr Power. Man kann mich im Keller unseres Miethauses dabei erwischen, dass ich Dreck, der von den Nachbarn fahrlässig in die gelbe Tonne geworfen wurden, mit spitzen Fingern heraushole und unter politisch unkorrekten Flüchen in den Restmüll translosziere.

Dreck weg fürs Gewissen

Das funktioniert auch im größeren Stil. In den letzten Jahren ist es zu einer Art Hobby für aufrechte Mitglieder des Gemeinwesens geworden, überquellende Container und Schmutzecken zu fotografieren (!) und der Müllabfuhr zu melden. Auch pflegen wir den unsäglichen Abfall, den das Partyvolk in dieser lebensfrohen Stadt hinterlässt, an straff organisierten Dreck-weg- und Clean-up-Tagen in heiterer Leibesübung aufzulesen. Wir sind vor nichts fies, ziehen Gummihandschuhe an und sammeln Flaschen, Rotzfahnen, Pizzakartons und Beutel mit Hundehaufen genau so wie Zigarettenkippen, die wie Ekel-Konfetti über der Stadt verteilt sind.

Das beruhigt das Gewissen ungemein. Und es lenkt ab von der Erkenntnis, dass wir andererseits tagtäglich selbst einen kleinen Müllberg produzieren, für den wir uns genieren müssen. Wir gehen zwar mit Stoffbeuteln und ländlich charmanten Weidekörben in den Supermarkt, aber wir kaufen Shampoo und Putzmittel in stabilen Einweg-Plastikflaschen. Käse und Schinken aus artgerechter Schweinehaltung sind eingeschweißt, das Studentenfutter kommt aus einer Tüte, deren Verbundmaterial einer Sintflut trotzen würde, und selbst die Bio-Tomaten in ihrer Pappschachtel haben einen Folienschutz.

Sauber zurückbringen

Mag ja sein, dass ich vom dünnwandigen Kunststoffbecher meines Bio-Joghurts artig den Kartonmantel abziehe, aber übrig bleibt die Tatsache, dass ich für ein paar Löffel Joghurt drei verschiedene Materialien zu entsorgen habe: Plastik, Papier, Aludeckel. Und die Erdbeeren vom Bauern Bossmann, die ich zum Joghurt esse, wurden mir am Stand auch in einer Plastikschale verkauft. „Können Sie sauber zurückbringen“, heißt es da. Und wieder mal spüle ich mit frischem Wasser ein Stück Müll aus und mache mir noch einen köstlichen Espresso aus einer dieser massiven Kaffeekapseln.

Okay, es gibt Menschen, die geben sich mehr Mühe. In einem leider entfernten Stadtteil hat ein netter „Unverpackt“-Laden aufgemacht. Da könnte ich Nudeln, Müsli, Körner lose kaufen und in eigenen Behältern abwiegen lassen. Seife, Waschmittel und andere Flüssigkeiten werden dort ebenfalls zum Abfüllen in Mehrwegflaschen angeboten. Sehr sinnvoll. Ziemlich mühselig. Mal eben auf dem Heimweg spontan was besorgen, ohne an die Ausrüstung zu denken – das gibt es nicht für den strengen Unverpackt-Charakter. Und wer ist schon so konsequent? Da geht man doch lieber flott zum Supermarkt an der Ecke und kauft den kleinen Müllberg wieder mal mit. Demnächst, nimmt man sich vor, wird alles anders.

Avocado unterm Plastikdeckel

So schummeln wir Sünder uns durch. Besonders unterwegs. Hätte man einen Imbiss in eigener Butterbrotdose dabei, müsste man den gesunden Avocado-Chicken-Salat im coolen „Frittenwerk“ (handgeschnittene Pommes) nicht aus einer beschichteten Recycling-Pappschüssel mit hygienisch festem Kunststoffdeckel essen. Auch Imbissketten mit einwandfreiem Essen haben ja oft eine verheerende Öko-Bilanz. Für echtes Geschirr ist oft überhaupt kein Platz vorgesehen, und die Effizienz-Manager haben den Tellerwäscher eh schon vor langer Zeit nach Hause geschickt.

Kürzlich in Lille, in einer Eckfiliale der beliebten Café-Kette „Paul“, gab es duftende Quiche und Brioche nach französischer Tradition auf Pappe, die der geschätzte Gast am Ende doch bitte selbst, s’il vous plaît, mitsamt Kaffeebecher, Plastikglas, komplettem Plastikbesteck sowie ungenützten Zuckertüten und Servietten in den Müllcontainer kippen soll. Man will das nicht, aber man tut es trotzdem. Und holt für die Familie leckere Pizzen im Kartonturm.

Verbote dringend erwünscht

Böse Bequemlichkeit, üble Gewohnheit. Da gibt’s nur eins, liebe Freunde: straffe Verbote! Europa, wir flehen dich an, unsere Schlappheiten durch Bestimmtheit auszugleichen! Hersteller müssen gezwungen werden, ihre Duschgels und Waschpulver lose zum Nachfüllen zu verkaufen, Einweggeschirr darf es möglichst nicht mehr geben, Wurst und Käse gehören in die eigene Tupper-Dose, und auch der Lieferservice braucht ein sinnvolles Rückgabe-System seiner Transportbehälter. Umständlich, gewiss, aber überlebensnotwendig. Darauf trinken wir reuigen Sünder jetzt einen Coffee to go aus der eigenen Tasse. Wohl bekomm’s!

Hilfe, die Zukunft ist da!

Früher Science Fiction, heute unser Alltag

Und, wonach greifen Sie nach dem Aufwachen zuerst? Nun gut, es gibt vielleicht ein Küsschen für den Menschen neben uns. Aber dann schnappt man sich dieses kleine flache Gerät, das, neben einem einstaubenden Rilke-Band, auf dem Nachttisch liegt. Hat es nicht gerade so vertraut gebrummt? Hallo, du mein Wecker voller Musik, mein Telefon, meine Verbindung zur Welt, mein Minikino, mein Alleswisser, mein Immerfürmichda-Dings! Guten Morgen! Magst du mal eben meinen Puls fühlen? Natürlich, das kannst du auch, mein süßes Roboterchen. Denn wir leben unter Bedingungen, die in der Rock’n’Roll-Ära noch pure Science-Fiction waren. Hilfe, die Zukunft ist da!

Es soll sie ja geben. Ein paar ältere Herrschaften, die sich der neuen Technik verweigern. Sie haben kein Smartphone, sie kennen kein Internet: „Brauch ich nicht, will ich nicht“, murren sie. Doch sie kennen ihre Fernbedienung und lassen gerne ganztägig den Fernseher laufen. Früher flimmerte da ein Testbild, jetzt ist immer Seifenoper. Blöd, aber faszinierend. Genau so etwas hatten wir befürchtet, damals, als wir den Fortschritt noch mit Skepsis sahen. Aber zum Glück gibt es – zumindest in der westlichen Zivilisation – keinen dämonischen Staatsapparat, der uns dumm hält, um uns für fiese Ziele zu benutzen, was Dichter, Denker und wir Gelegenheitsrevoluzzer stets befürchtet hatten. Es ist vielmehr die betörende Technik, diese geschäftstüchtige Circe des 21. Jahrhunderts, die uns mit ihrem Zauberkünsten und Lockgesängen in ihren Bann gezogen hat. Und wir wollen uns nicht mehr von ihr trennen. Denn sie macht uns das Leben schon sehr bequem.

Raumschiff Enterprise für jeden

Wir müssen nie mehr wieder nach einer Telefonzelle suchen, nach Münzen kramen und uns über zerfledderte Telefonbücher ärgern. Unser Smartphone kennt sowieso alle Nummern, stellt jederzeit und überall die Verbindung her. Selbst aus der Gletscherspalte können wir noch Mutti anrufen, denn das Mobilfunknetz umfasst entlegenste Winkel der Erde. Und Akkus halten auch immer länger. Tatsächlich funktionieren unsere Handys heute reibungsloser als der Kommunikator, mit dem Captain Kirk in der Fantasie von 1966 Kontakt zu den Kollegen vom Raumschiff Enterprise aufnahm. Ein ziemlich klobiges Klappding war das – und doch vollkommen utopische Technik für Menschen, die allenfalls ein knarrendes Walkie-Talkie kannten.

1966, das muss man mal bedenken, war noch nicht einmal das Fax-Gerät erfunden, das sich die Enterprise-Macher ausgedacht hatten. Wer hätte damals geahnt, dass auch das Bildtelefon mit beliebiger Projektion – dolle Sache in der Sternenflotte – für uns alle bald schon eine Selbstverständlichkeit werden würde? Gerade so, wie Captain Kirk und sein geschätzter Halbvulkanier Mr. Spock (der mit den spitzen Ohren) die knurrenden Klingonen-Generäle vor dem Zusammenstoß auf ihren Schirmen sehen konnten, gucken wir heute der Schwiegermutter über Skype oder Facetime in die Augen. Und dank Highspeed Flatrate kostet das nichts extra.

Diskretion war gestern

Die ewige Verfügbarkeit kann auch ein Fluch sein. Es gibt keine Ausreden mehr. Vorbei die Zeit, als man tatsächlich in die Ferien verschwinden konnte – mit dem vagen Versprechen, nach einer Woche vielleicht einmal anzurufen („Aber verlass dich nicht drauf …“). Ständige Statusmeldungen – „Sind jetzt am Autobahnkreuz“, „Haben die Meiers getroffen“, „So sieht der Strand aus“ – gehören zum Unterwegs-Sein. Und es werden zeitnahe Antworten erwartet. Schließlich verpetzt mir meine WhatsApp sofort, wann die Lieben meine Nachricht gesehen haben.

Diskretion war gestern. Finstere Mächte, geheime Dienste könnten jede meiner Mails und Messages theoretisch auch gesehen haben. Da nützen Anti-Viren-Programme nichts. Wir wissen alle, dass die gründliche Bespitzelung des Einzelnen technisch kein Problem mehr darstellt. Genau das hat George Orwell, der alte Pessimist, in seinem 1948 vollendeten, von der Zeit überholten Zukunftsroman „1984“ befürchtet. „Big Brother is watching you“ – ja, ja, der wie auch immer geartete große Bruder kann/könnte alle Räume und Straßen beobachten, unsere Gespräche abhören, unsere Handys und Autos jederzeit orten. In den 1970er-Jahren wären wir ausgeflippt vor Entsetzen. Heute ist die Privatsphäre ein weniger streng gehütetes Revier.

Das Posten als Lebensbeweis

Mit kindlichem Vergnügen geben wir der Öffentlichkeit bei Facebook preis, wo wir heute Abend essen gehen, was wir auf dem Teller haben, wie süß der Hund wieder guckt. Die virtuellen Friends verdrehen schon die Augen, treiben es aber ähnlich. Ich poste, also bin ich, das ist die Devise der Social-Media-Gesellschaft. Und während die Vorsichtigen wenigstens kurz überlegen, was sie da unauslöschbar in die Welt setzen, so begeben sich tollkühne oder auch dummdreiste Freiwillige in die Arenen der Reality-Shows, scheuen weder Dschungelprüfungen noch Wohnzimmerknäste und lassen sich vor der Kamera demütigen. Eigentlich nicht zu fassen: Orwells Begriff vom „Big Brother“ ist seit der Jahrtausendwende der Titel der erfolgreichsten Sendung mit voyeuristischem Konzept.

Verzeihen Sie, Mr. Orwell, der Sie die Menschheit mit dem gruseligen Großen Bruder vor dem faschistoiden Überwachungsstaat warnen wollten! Wir Science-Fiction-Wesen haben aus Ihrem düsteren Zukunftsbild einen Witz gemacht. „Wir amüsieren uns zu Tode“, ermahnte schon in den 1980er-Jahren der Medienwissenschaftler Neil Postman die Welt. Aber wir leben noch, trotzen dem Terror und der Klimakatastrophe und gucken jetzt Serien gleich staffelweise auf Netflix. Unsere Empfindlichkeiten haben sich offenbar erheblich verändert. Die nicht abschaltbaren Teleschirme in Orwells 1984er-Szenario können uns einfach nicht mehr schrecken.

Schöne neue Welt

Natürlich regen wir uns zwischendurch mal ein bisschen auf – über Gentechnik, Leihmütter, eingefrorene Eizellen, Embryonen aus dem Reagenzglas und geklonte Tiere. Lauter Phänomene aus der klassischen Science-Fiction-Literatur, die mir nichts, dir nichts Wirklichkeit geworden sind. Immer wieder gern zitiert wird in diesem Zusammenhang der 1932 entstandene Zukunftsroman „Schöne neue Welt“ des britischen Intellektuellen Aldous Huxley. Noch heute beschäftigen sich artige Abiturienten mit dem pädagogisch konstruierten Stoff über einen globalen Staat, der die Menschheit in Großlabors aufzieht und perfekt kontrolliert. Für Vergnügungen ist gesorgt, allzu starke, individuelle Gefühlsregungen sind hingegen unerwünscht und werden von der Obrigkeit gewaltsam unterdrückt.

Da allerdings irrten Huxley und andere Vordenker. Es ist alles noch viel raffinierter. Wir in der Zukunft Angelangten dürfen durchaus individuell fühlen und handeln. Das allumfassende Netz bietet uns nicht nur ständige Konsum-, Kommunikations- und Unterhaltungsmöglichkeiten. Nein, es nimmt auch unsere Wutausbrüche und Verschwörungstheorien offenherzig entgegen, Tag und Nacht. Liebesschwüre und Hasstiraden werden genauso tolerant gespeichert und leidenschaftslos verbreitet wie Referate über die Erderwärmung. Und was das Beste ist: Das System hilft uns bei dem Referat. Wie eines dieser allwissenden Elektronengehirne aus der Science-Fiction-Literatur weiß es Antworten auf alle Fragen. Gefüttert vom Wissen zahlloser einander kontrollierender Individuen, entwickelt es zum Glück (noch) kein gemeines Eigenleben wie der Supercomputer HAL 9000 aus Stanley Kubricks 1968er-Werk „2001 – Odyssee im Weltraum“. Aber das kann ja noch kommen.

Das Greifbare und das Unfassbare

Bisher lieben wir unser allwissendes Elektronengehirn und googeln uns durchs Leben, auch wenn uns hin und wieder ein Unbehagen beschleicht. Was ist, wenn der große Stecker mal gezogen wird? Wenn die iCloud, diese mysteriöse Datenwolke der weltbeherrschenden Firma Apple, vom Wind des Unberechenbaren verweht wird? Wenn die Systeme kollabieren? Dann, werte Mitmenschen, bleibt, was derzeit nicht mehr allzu heftig gefördert wird: das eigene Wissen. Wohl dem, der dann noch Meyers Taschenlexikon in 25 leider veralteten Bänden besitzt! Das sind bekanntlich nur wenige Menschen. Die Vernichtung der privaten Bibliotheken musste keineswegs, wie in Ray Bradbury 1953 erschienenem Science-fiction „Fahrenheit 451“, mit Gewalt betrieben werden. Junge Leute schleppen sich bei ihren globalen Umzügen nicht mehr mit 100 Bücherkisten ab. Große Bücherwände sind aus den Katalogen der Möbelhäuser verschwunden. Zwar kaufen kultivierte Damen gerne Literatur zum Verschenken. Auch sieht man im Urlaub Leute mit Krimis auf dem Liegestuhl. Aber auf Dauer ist das e-book nun mal praktischer.

Alles ist so praktisch. Wir können über das Smartphone zu Hause das Licht anmachen. Wir müssen uns keine Zahlen und Fakten mehr merken. Das Auto fährt bald von selbst. Und schon jetzt führt uns das Navigationssystem zu jedem Ziel, das wir uns vorher über Streetview schon mal angeguckt haben. Wir müssen nicht mal mehr mit dem Finger auf Tasten drücken. Die Technik reagiert auch auf unsere Stimme. Denn Science-Fiction ist Realität geworden. Es wird Zeit, den eingestaubten Rilke-Band vom Nachttisch zu nehmen und mal wieder einfach so auf knisterndem Papier ein Gedicht zu lesen: „Wenn es nur einmal so ganz stille wäre …“. Dann denken wir noch mal nach. Über uns und die Zukunft, in der wir angekommen sind.