Tiroler Pitztal: Ewiger Schnee und Frieden auf Erden

Lichterzauber: Bergadvent im Pitztal

Die "Kapelle des Weißen Lichts".

Dünne Luft am "Café 3.440"

Gipfel-Wirt Sepp Eiter

Der Pferde-Fredl und seine Haflinger

Dieses hohe Tal in Tirol ist nichts für Leute, die nie Zeit haben. Die in der Freizeit nur schnell Party machen wollen, Sport, Shoppen und dann zurück ins Büro. Es ist nichts für Kontrollfreaks, die eine wegen starken Schneefalls gesperrte Straße schon für eine Katastrophe halten. Das Pitztal ist ein Traum für Leute, die im Winter ihren Frieden suchen – und Abstand zum üblichen Gewimmel. Ganz hinten, nah am Gletscher, in einem Dorf namens Plangeross wird noch ein echter Bergadvent gefeiert, im Stadl klingt die Harfe, und auch sonst geht alles mit der Ruhe.

Keine Angst, Skifahrer! Die moderne Wintersport im Pitztal angekommen. Schon in den frühen 1980er-Jahren bohrten sich die Einheimischen mit Hilfe eines Innsbrucker Investors durch den Fels über Mittelberg und bauten eine geräumige Standseilbahn, die schnurstracks in nicht mal sieben Minuten hinauf führt bis auf 2841 Meter. In der lichten Weite des Gletschers hat man die Wahl zwischen fünferlei Liftanlagen und 14 breiten Pisten – es ist eine Lust, dort zu schwingen. Ohne schlechtes Öko-Gewissen. Denn das Präparieren und Festigen der Hänge, versichert Bernhard Füruter von der Gletscherbahn GmbH, sei sogar ein Schutz für den ewigen Schnee.

Eine Kapelle im ewigen Schnee

Das wollen wir nur zu gern glauben. Auch Skimuffel können das atemberaubende Panorama genießen, die Photovoltaik-Anlage neben dem Bergrestaurant bewundern und einen kleinen Anstieg durch den knirschenden Schnee hinauf zur Kapelle des Weißen Lichts machen. Der Tiroler Bildhauer Rudi Wach schuf die Andachtsstätte aus 90 Tonnen hellen Granits. Das Portal aus Titan steht offen, die Sonne lässt ein paar farbige Glasfenster aufleuchten, und dem Wanderer wird es ganz fromm ums Herz, das in der dünnen Höhenluft immer etwas schneller schlägt.

Doch wir sind noch gar nicht ganz oben. Mit den Gondeln der Wildspitzbahn geht es zum „Café 3.440“, das seit 2012 wie ein Ufo auf dem fast dreieinhalbtausend Meter hohen Hinteren Brunnenkogel thront. Hier können Gipfelromantiker bei einem Cappuccino die Bergspitzen zählen (1300 sollen es sein), und sie können sogar standesamtlich heiraten, aber ein Disco-Remmidemmi wie auf dem gleich hohen Schweizer Jungfraujoch wird‘s hier nicht geben. Dafür sorgt schon der amtierende Wirt Sepp Eiter, ein väterlicher Charmeur, der 30 Jahre lang ein Hotel drunten im Tal geführt hat – bis zur Pensionierung: „Dann hat der liebe Gott mich da hoch geholt“, erzählt er, und dass er sich jeden Tag auf die Bergfahrt freut.

Romantische Tour mit dem Pferdeschlitten

Den Bruder vom Gletscher-Sepp werden wir gleich auch noch kennenlernen. Das ist nämlich der markante Fredl, der uns nach der Bergfahrt im Weiler Tieflehn („Den hat der Opa vor 140 Jahren gekauft.“) auf seinem Pferdehof erwartet. Zwei muntere Haflinger ziehen eine Kutsche, die abseits der Straße mit herabgelassenen Kufen zum Schlitten wird. Vier Kilometer Schneeweg hat der Fredl selbst mit dem Bulldog befestigt, heidewitzka geht es mit den lachenden Gästen durchs Tal, in der Pause wird Glühwein ausgeschenkt, und das ist viel schöner als die „Driving Experience“ auf dem naheliegenden Wintertrainingsplatz von BMW.

Der Fredl hätte lieber ein Langlaufzentrum im Pitztal gesehen. Aber die Autofritzen zahlen unwiderstehliche Mietsätze für das schneesichere Gelände. Und die Tiroler können sich ein gutes Geschäft nicht entgehen lassen. Denn besonders hier im höheren, engeren, hinteren Tal, wo die Dörfer auf einer Strecke von 23 Kilometern zur Gemeinde St. Leonhard gehören, gibt es nun mal begrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten. Vor der Entwicklung des modernen Tourismus war der sieben Monate lange Winter ein Fluch. Die Menschen lebten in Verhältnissen, die man heute als erbärmlich bezeichnen würde. Sie waren Selbstversorger mit wenigen Tieren, die Familien wurden oft nicht satt und schickten ihre Söhne und Töchter zum Arbeiten in reichere Regionen. Aus Tirol kamen bis ins frühe 20. Jahrhundert viele der sogenannten „Schwabenkinder“.

Der Schatz der alten Geschichten

Erst seit den späten 1950er-Jahren ist das hintere Pitztal mit Strom versorgt, und es wurde eine feste Straße gebaut, die hinaus Richtung Innsbruck führt, zum Handel, zur medizinischen Versorgung, zur Welt. Heute gibt es Wlan in der kleinsten Pension, doch immer noch einen großen Respekt vor der Natur, dem Schnee, den gelegentlich drohenden Lawinen. Und vergessen haben die Hochland-Tiroler die alten Geschichten nicht.

Immer wieder werden sie auch in Plangeross erzählt, dem Dorf, das sich alljährlich zur Weihnachtszeit in einen gefühlten Adventskalender verwandelt. Jeden Abend bis zur Christmette öffnet ein anderes Haus ein Fenster in Form einer hölzernen Hütte. Im Fackelschein gibt‘s Glühwein, Kinderpunsch und Musik, mal spuken die Kampusse mit ihren Hörnern, Schellen und handgeschnitzten Masken, mal blasen die Kaiserjäger am Waldesrand ins Alphorn. Und alle kommen, obwohl es schneit. Auch den Sepp und den Fredl sehen wir wieder, sie verteilen Lebkuchen und begrüßen uns herzlich, das Pitztal ist eine kleine Welt.

Beide Brüder sind aktiv im Krippenverein, Pferdemann Fredl malt mit markanten Pinselstrichen die Tiroler Hintergrund-Landschaften für die heiligen Kulissen, die von seinen Freunden mit Liebe und kleinen Hölzern zusammengebaut werden. Multitasking ist normal für die Tiroler. „Hier macht jeder, was er kann“, grinst Fredl. Sonntags nach der Adventsmesse hockt man zusammen auf Heuballen in Peters Stadl am Dorfbrunnen. Der Adolf plaudert aus der Vergangenheit des Pitztals, wo es sogar einmal Flachsanbau, Webereien und eine beachtliche Tuchproduktion gegeben hat, bevor die Zeiten sich mal wieder geändert haben. Dann singen die Kinder von Kerzenschein und Dankbar-Sein, oder der Valentin spielt auf dem Hackbrett, und die Plangerosser Frauen spendieren selbstgebackene Butterbrote.

Die Dekoration im Dorf ist dezent: Tannenzweige und stille Sternenlichter. Martina Rimmel-Dobler, die mit ihrer Mama Irmgard und dem Brauchtumsverein Plangeross den Bergadvent organisiert, achtet streng auf Stil. Im gemütlichen Familienhotel Bergland verteilt sie Irmgards selbstgebackene Vanillekipferln und ist stolz darauf: „In Plangeross gibt es keine Weihnachtsmänner und keine blinkenden Lichterketten“. Nur Bratäpfel und Frieden auf Erden.

Weitere Tipps:

Schneeschuhwandern: Es ist nicht leicht, sich ohne Skier durch eine tief verschneite Landschaft zu bewegen. Einsinken kann ziemlich stressig werden. Eine Schneeschuhwanderung hingegen macht glücklich. Die leichten Platten an den Füßen verteilen das Gewicht und verhindern das Abrutschen, das etwas breitbeinige Gehen lernt man schnell – und es wird viel dabei gelacht. Die Skischule Pitztal verleiht Geräte und Stöcke für zehn Euro pro Tag. Wer unsicher ist, bucht eine geführte Wanderung – ganz einfach im flachen Tal oder abenteuerlicher durch die Taschachschlucht. www.skischule-pitztal.at

Einkehrschwung: Das Pitztal ist zum Glück kein Rummelplatz, es gibt nicht allzu viel Ausgehmöglichkeiten in einem Dorf wie Plangeross. Abends essen die meisten Gäste gemütlich in ihren familiären Hotels. Aber mittags muss jeder mal eine Jause auf einer zünftigen Berghütte nehmen. Die „Pitztaler Schihütte“ (mit sch) auf 1800 Meter Höhe im Rifflsee-Skigebiet ist nicht nur beim Einkehrschwung erreichbar. Man kann vom Gletscher-Parkplatz aus (mit Bus-Haltestelle) in etwa 20 Minuten hochlaufen und sich dabei schon mal auf eine anständige Portion Tiroler Gröstl mit Speck und Spiegelei freuen. www.pitztaler-schihuette.at

Souvenirs: Wer sucht, der findet auch im gemäßigt kommerziell ausgerichteten Pitztal sinnvolle Souvenirs. Im schönen Vier-Sterne-Hotel Sportalm in Plangeross (gehobenes Restaurant, Wellness-Bereich, www.sportalm.net) gibt es einen Schrank mit heimischen Produkten zum Verkauf – vom Blütenhonig (10 Euro), über den Stern aus duftendem, wohltuendem Zirbenholz (15 Euro) bis zum kostbaren Tiroler Murmelöl von Chrystal (36,90 Euro). Weitere Naturprodukte findet man im Kaufhaus der Berge an der Dorfstraße in Arzl – und online: www.kaufhausderberge.at

Hinweis:

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Pitztal. Erwachsene zahlen für den Tagesskipass Gletscher und Rifflsee 42 Euro zum Saisonstart im Advent und 52 Euro in der Hauptsaison. Weitere Informationen unter www.pitztal-com

Auf den Spuren der sportlichen Kaiserin: Sisi-Glück in Bad Ischl 

Stilecht: Guide Dorothea vor dem Verlobungshaus von Sisi und Franz Joseph in Bad Ischl.

Familienbande: Valentin Habsburg-Lothringen, der Ururenkel des Herrscherpaares.

Charmante Wirtin: Katrin von der Katrin-Almhütte.

Abendfrieden auf dem Hallstätter See: Herbert steuert ein Plätten-Boot.

Kulisse Salzkammergut: Fototouristen aus Asien in Hallstatt.

Wer will, der kann: um fünf Uhr morgens den 834 Meter hohen Ischler Jainzenberg hinaufwandern, über Stock und Stein. Das tat die Sisi nämlich gerne, sehr zum Leidwesen ihrer hinterher japsenden Hofdamen. Aber bitt’ schön, meine Herrschaften: Ihre Majestät, die Kaiserin Elisabeth von Österreich/Ungarn, hatte eh recht zwanghafte Gewohnheiten. Um ihre 46 Kilo Zartgewicht zu halten, nahm sie zwischen täglichen Leibesübungen oft nur eine Orange und ein Tässchen Rinderblut zu sich. Ihre Fans bevorzugen den „Sisi-Becher“ im Café Zauner: drei Kugeln Vanilleeis, Himbeermark, Schlagobers und zwei Knusperrollen. So feiert man in Bad Ischl das süße Leben und die Erinnerung an hochadelige Zeiten.

Eine Zeitlang sah es ja so aus, als würden sich nur noch ein paar Omas für Sisi und ihren Kaiser Franz Joseph interessieren. Aber dank YouTube und Daily Motion sind die herzergreifenden Spielfilme aus den 1950er-Jahren („Sissi“, leider ewig inkorrekt mit zwei s) zu kultigen Videos im Netz geworden, das Musikdrama „Elisabeth“ wurde zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musical aller Zeiten, und Stephan Köhl, der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Bad Ischl, will „das Kaiserthema neu aufladen“.

Auch die jüngeren Leute im Salzkammergut, die Tiger-Tätowierungen zum Dirndl tragen und Hubert von Goisern rockjodeln lassen, finden Geschichtliches cool und trinken ihr Glas Zweigelt oder ihr Bockbier beim „k.u.k. Hofwirt“, der angesagtesten Bar in Ischl. Wirt Max Hofbauer, ein markanter Typ, hat die Dekoration mit alten Ölschinken und Porträts von Sisi und Franz Joseph 1985 von seinem Vorgänger übernommen und in der Wirtschaft „den Kaiserschmäh weitergedreht“.

Ein fruchtbarer Ort

So lernen die Gäste schnell, dass das berühmte Paar nicht so aussah wie Romy Schneider und Karlheinz Böhm – aber ebenso schön. Und wer es genau wissen will, der fährt mit der Pferdekutsche stilecht zur Kaiservilla, dem sanftgelb gestrichenen Ferienhaus der Hochwohlgeborenen in einem luftigen Flanierpark am Fuß des Jainzenbergs. Die Kaisermama Sophie, bekannt als garstige Schwiegermutter aus den „Sissi“-Filmen, hatte die Villa 1853 von einem Badearzt gekauft und standesgemäß ausbauen lassen – als Hochzeitsgeschenk für ihren Sohn, den Franzl, sowie zum Wohl der Dynastie. Man muss nämlich wissen, dass sie selbst nach fünf Fehlgeburten erst nach Solebädern und Erholung in der guten Luft von Ischl 1830 einen gesunden Thronfolger gebar, eben den Franz Joseph. Und obgleich die Kureinrichtungen von Ischl erst im Aufbau waren und die Wiener Herrschaften recht bescheiden im Haus von Bürgermeister Wilhelm Seeauer am Traunkai logierten (heute das Stadtmuseum), bekam die Sophie noch drei weitere Söhne, die scherzhaft „Salzprinzen“ genannt wurden.

1853 war der erstgeborene Franz Joseph schon fünf Jahre lang Kaiser und sollte nach dem Willen seiner Mutter seine bayrische Cousine Helene aus der Wittelsbacher Familie heiraten. Zur Brautschau kam die vornehme junge Dame nach Ischl – in Begleitung ihrer wilden kleinen Schwester Elisabeth (15), die gern ritt und mit Bauernkindern spielte und ihre Haare selbst zu Zöpfen flocht. Auf der Stelle soll sich der Franzl in sie verliebt haben, ganz wie im Herzkino. Sie fand ihn auch süß. Wenige Tage später waren die beiden verlobt – ein Jahr später heirateten sie. „Als 15-jähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut“, schrieb die verbitterte Kaiserin später. Auch wenn die Amour unter Familiendruck und Staatsraison zermürbt wurde und der Kaiser seine Affären hatte, so fanden sich die Eheleute doch in ihrer Liebe zu Bad Ischl und der Natur des Salzkammerguts, wo sie jedes Jahr die Sommerfrische suchten.

Der Herr Diplom-Ingenieur

Ihre jüngste Tochter Marie Valerie erbte die Kaiservilla, und wenn der Tourist richtig Glück hat, dann begrüßt ihn zur Führung durch die Kaiservilla ein Erzherzog, Sisis Ururenkel persönlich: Valentin Habsburg-Lothringen, der heutzutage ganz österreichisch-bürgerlich mit dem akademischen Titel angesprochen wird: „Herr Diplom-Ingenieur“. Die Ähnlichkeit des hübschen 35-Jährigen mit der werten Frau Ururgroßmutter ist – man sieht es, wenn er neben ihrer Porträtbüste steht – unverkennbar: die Augen, die feinen Züge, das leichte Grübchen im Kinn.

Mit Frau und Kindern wohnt IT-Manager Valentin in einem Seitenflügel des Hauses und unterstützt Vater Markus Habsburg-Lothringen beim Marketing rund um die Kaiservilla: „Ich will das Haus weiter erhalten als Stück österreichischer Geschichte“, bemerkt er fein und präsentiert geduldig die in Ehren vermufften kaiserlichen Salons mit der authentischen Einrichtung aus unzähligen Erbstücken – vom Kneifer Seiner Majestät über den abgeschabten Ledersessel, auf dem er sein Nickerchen zu machen pflegte, bis hin zu ungezählten historischen Geweihen und anderen Jagdtrophäen an den Wänden (schließlich hat der Franz Joseph um die 50 000 „Stück“ Wild erlegt). Mit mehr Rührung sieht man allerdings das weiß bestickte Verlobungstaschentuch von Elisabeth, eingerahmt in der Hauskapelle, und das Sterbekissen, auf dem sie lag, nachdem ein Attentäter sie 1898 in Genf tödlich mit einer Schusterfeile verletzt hatte.

Chinesen in Hallstatt

Ach, Sisi! Ehe dem Touristenmenschen noch ganz morbid zumute wird, braucht er eine Dosis bürgerliches Leben. Dazu taugt ein Ausflug Hallstatt, einer etwa 20 Kilometer von Ischl entfernten Marktgemeinde mit 754 Einwohnern am herrlichen Hallstätter See. Dort könnte es so beschaulich sein – wenn nicht, wie der Taxifahrer weiß, im Jahr knapp 20 000 Busse mit Tagestouristen kämen. Besonders Asiaten sind verrückt nach Hallstatt, seit hier eine koreanische Seifenoper gedreht wurde und der Marktplatz samt den umliegenden Häusern in der chinesischen Provinz Guandong 2012 eins zu eins nachgebaut wurde – wenn auch spiegelverkehrt.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Dichte Scharen asiatischer Gäste betrachten „the real place“, den echten Ort, durch ihre Smartphones, posieren vor Geranienkästen und Souvenirgeschäften, fahren mit der Bergbahn hoch zum „Welterbe-Blick“ und schicken die Bilder in den Fernen Osten, wo die Hallstatt-Sehnsucht wächst. Ein Traum für die Souvenirläden, ein Alptraum für alle, die Ruhe suchen. Nicht einmal im Schau-Salzbergwerk ist Frieden. Bei der anderthalbstündigen zweisprachigen Tour für 34 Euro (!) wird ganz auf Show gesetzt: mit Erlebnisrutschen, bewegten Puppen und Videoprojektionen in 450 Meter tiefen Höhlen. „Do we have fun?“ fragt der salzmännisch kostümierte Guide, haben wir Spaß? Yeah, na klar! „Das ist einfach passiert“, bemerkt gelassen Steuermann Herbert, der uns gegen Abend mit einem der zwei nostalgischen, aber erst 2014 in Betrieb genommenen Plätten-Boote über den See schippert. Und er gibt zu bedenken, dass der Ansturm die zuvor verschuldete Gemeinde finanziell gerettet und für einen Überschuss-Haushalt gesorgt habe. Allein mit dem öffentlichen Klohäuschen, hat der Spiegel herausgefunden, nimmt Hallstatt 150 000 Euro im Jahr ein. Nun ja.

Dann stellen wir gleich die passende Gretchenfrage: Wie hält es das beschauliche Bad Ischl mit dem Massentourismus? Ist man ein bisschen neidisch auf die Umsätze der Hallstätter? Will man China auch auf die Sophie-Esplanade locken, soll es richtig rummelvoll werden auf der lauschigen Promenade längs der Traun? Davon mögen manche Händler träumen. Tourismus-Manager Stephan Köhl aber will den kaiserlichen Kur-Charakter des Ortes bewahren und die Pauschalgeschäfte mit Rundreiseunternehmern meiden: „Man muss auch mal Nein sagen.“ Sehr beruhigend. So kann man auch im Zukunft über Ischl sagen, was dem Kaiser zugeschrieben wird: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

Hinweis: Die Reise wurde unterstützt von den Tourismusverbänden Bad Ischl und Dachstein, Salzkammergut. Übernachtung im Vital Resort Villa Seilern mit historischem Haupthaus und Zimmern im modernen Anbau. Informationen unter www.badischl-at und www.dachstein-salzkammergut.at

Mehr Tipps:

Katrin-Alm: Auch weniger entschlossene Bergsteiger können in Bad Ischl mal Höhenluft schnuppern. Mit den gemütlichen Gondeln der historischen Katrin-Seilbahn fährt man in 15 Minuten hinauf auf den gleichnamigen 1450 Meter hohen Berg, wo es sehr schöne Rundwanderwege gibt und vor allem, etwas tiefer auf 1393 Metern, die zünftige Katrin-Hütte, wo eine junge Wirtin aus Thüringen, die (zufällig!) auch Katrin heißt und ganz reizend im Dirndl ausschaut, ein Schwammerlgulasch oder einen Kaiserschmarrn mit Aussicht serviert. www.katrinseilbahn.com

Steegwirt: Seit 1571 gibt es schon das Gasthaus „Steegwirt“, auch bekannt als Trauneckgut, in Bad Goisern, wo der Fluss Traun in den Hallstätter See mündet. Hier machten die mühsamen Salztransporte ihre Pause, bevor um 1600 eine erste Soleleitung gebaut worden war. Heute sitzen ausgeruhte Gäste im Biergarten am rauschenden Wasser und genießen das „Brat’l in der Rein“, die besten Stücke vom Schweinsbraten in der Pfanne, mit Stöckelkraut und Semmelknödeln. Wer’s weniger deftig mag, wird einen frisch gefischten Saibling mögen und dazu einen Uhudler-Frizzante vom Weinhof Kowald. Wer braucht da noch Prosecco? www.steegwirt.at

Souvenirs: Wer trachtige Mode liebt, findet in Bad Ischl eine reiche Auswahl: Gössl, Schauer, Loden Frey. Die originellsten Mitbringsel gibt es in der Kurapotheke von Bad Ischl am Kreuzplatz, wo schon Kaiserin Elisabeth ihre Mittelchen für Schönheit und Gesundheit bestellte. Ein ganzes Sortiment eigener Produkte mit kaiserlichem Flair hat die Pharmazeutenfamilie Hrovat zu bieten – zum Beispiel Veilchen-Badesalz und Haarshampoo mit Sisis Porträt oder ein Stück von der Kaiser Franz Josef Seife mit Ziegenmilch und Sandelholzduft. www.kurapotheke.at

Brügge: Alte Meister und eine Waffel mit Sahne

Typisch Brügge: Treppengiebel.

Brüggener Wimmelbild

Hotel mit Geschichte: Dukes' Palace

Die großen Schönheiten unter der Städten haben ja oft dieses Problem: Die Verehrer stören. Brügge in Westflandern, Weltkulturerbe, wird an Wochenenden und Ferientagen zum Rummelplatz internationaler Sightseeing-Touristen. Bus- und Kreuzfahrtgruppen (Fluss und Meer sind nah) blockieren Brücken und Gassen, stehen Schlange für eine Grachtenfahrt, versperren die Aussicht auf das gotische Rathaus. Sie kaufen massenhaft cremige Pralinen und viel zu süße Waffeln, das belgische Bier fließt in Strömen. Wahre Liebhaber warten ab, bis sich das Gewimmel am späten Nachmittag verzieht und der wahre Zauber zum Vorschein kommt: das stille alte Brügge.

Rund 8,3 Millionen Besucher wurden im vergangen Jahr gezählt: absoluter Rekord. Bei aller Liebe zum Geschäft – selbst dem Brügger Tourismusbüro ist dieses Treiben manchmal zu bunt. Man möchte die Aufmerksamkeit anspruchsvoller Kulturtouristen nicht verlieren und präsentiert sich als Stadt der Kunst und europäischen Geschichte. Brügge sehen und ein bisschen bleiben – das lohnt sich für alle, die mehr sehen wollen als Souvenirläden und die Spaßmuseen für Pommes, Bier und Schokolade.

Das Flair von Brügge kommt aus tiefer Vergangenheit. Überall ist Geschichte, man muss sich darauf einlassen, sogar die Hotels sind davon geprägt. Wir dürfen im „Dukes’ Palace“ übernachten, dem einstigen Prinzenhof, einem burgundischen Palast aus Brügges goldener Zeit. Hier, wo wir komfortabel in unseren Boxspringbetten schlummern, feierte Herzog Philipp der Gute 1430 die Hochzeit mit seiner dritten Frau, Isabella von Portugal. Zur Sicherheit hatte er zuvor seinen Hofmaler Jan van Eyck nach Lissabon geschickt, um die mit 31 Jahren schon nicht mehr ganz junge Braut mit ihrer modisch hohen Stirn zu porträtieren. Dies Bildnis, lange verschollen, war (nach damaligem Geschmack) bezaubernd schön und die Ehe auch politisch gesegnet. Isabella gebar dem Herzog drei Söhne, darunter den späteren Thronfolger, Karl den Kühnen.

Karls liebliche Tochter und Erbin Maria von Burgund (1457-82) starb viel zu früh im Prinzenhof nach einem Reitunfall. Das Volk trauerte heftig um sie, mochte aber ihren Witwer, den Habsburger Maximilian, so gar nicht. Als er 1488 neue Steuern einführen wollte, sperrte man ihn spontan am Grote Markt ein. Durch das vergitterte Fenster musste er mit ansehen, dass sein getreuer Vogt Pieter Lankhals auf dem Marktplatz gefoltert und enthauptet wurde – genau dort, wo heute die Rundfahrt-Kutschen mit den müden Pferden auf zahlende Kundschaft warten.

Dass die Bürger sich trauten, einen österreichischen Erzherzog und römisch-deutschen König (und späteren Kaiser) ins Gefängnis zu werfen, zeugt von ihrem Selbstbewusstsein. Kaufleute und Unternehmer beteiligten sich stets leidenschaftlich am Game of Thrones nach Brügger Art. Anselm Adornes (1424-1483) zum Beispiel, schwerreicher Spross einer italienischstämmigen Kaufmannsfamilie, führendes Mitglied im Orden des Weißen Bären, Veranstalter dramatischer Ritterturniere, Bürgermeister mit globalen Beziehungen, Busenfreund des schottischen Königs, baute neben seinem Herrenhaus sogar eine eigene Kirche in Brügge, die orientalisch anmutende Jerusalemkapelle.

Zur weiteren Stärkung seines Seelenheils stiftete er dahinter ein paar Reihenhäuser für arme Witwen, die heute von seinem Nachfahren Maximilien von Limburg Stirum zu einem kleinen Museum mit Garten und Tee-Lounge ausgebaut wurden (Peperstraat 3A). Wir genießen den etwa halbstündigen Spaziergang in das ruhige St.-Anna-Viertel und lauschen den Geschichten des Guides Johan, der auch von Anselms bitterem Ende zu berichten weiß. Nach einem Karriereknick wurde er in Schottland ermordet, nur sein Herz konnte nach damaliger Sitte zurückgeführt und in seiner Kirche bestattet werden. Wir stehen seltsam berührt vor den Sarkophagen mit den bronzenen Liegefiguren von Anselm und seiner Gattin Margriet, die ihm 16 Kinder geboren hatte. Zu seinen Füßen liegt ein Löwe, zu ihren ein Hund, Zeichen der Treue.

Auch Anselms adeliger Kollege Ludwig von Brügge (1427-1492), Ritter, Diplomat, Kammerherr am burgundischen Hof und Top-Businessmann, sollte nicht glücklich enden. Weil er sich mit Maximilian überworfen hatte, verbrachte Ludwig als älterer Herr drei Jahre als Verräter in Haft, sein Besitz wurde beschlagnahmt. Das lohnte sich, denn die Familie war reich. Man nannte Ludwig auch von Gruuthuse, weil die Familie das Monopol auf Grut hatte, eine für die Bierherstellung nötige Kräutermischung. Später durften die Herrschaften zudem Steuern auf den Verkauf von Bier erheben, ein einträgliches Geschäft.

Zum Ausgleich für den schnöden Gelderwerb sammelte Ludwig gute Bücher und pflegte die Künste. Sein Wahlspruch war: „Plus est en vous“ – frei übersetzt: Es steckt mehr in euch, als ihr denkst. Der Spruch steht in Stein gemeißelt über dem Portal von Ludwigs Stadtpalais, dem heutigen Gruuthuse-Museum. Und er wurde zum Motto für das neue Konzept des Hauses, das nach fünfjähriger Sanierung mit einer großen Party wiedereröffnet wurde. 600 Sammlungsstücke – vom Wandteppich bis zum feinsten Porzellan – erzählen von Politik, Wirtschaft, Kunst und Lifestyle in Brügge vom 15. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Plus est en vous, auch in den Dingen steckt mehr, als man denkt: europäische Vergangenheit.

Damit auch Geschichtsmuffel sich interessieren, gibt’s ein paar interaktive Tricks. Man kann zum Beispiel an Schnupperstationen den Duft von Kaffee, Schokolade und Tabak einatmen, lustige Perücken anprobieren oder an Touch-Screens digitale Schiffchen mit den Luxuslasten der goldenen Brügger Zeiten beladen: Stoffe, Juwelen, Kunstwerke, Waffen. Über den Fluss Reie und einen durch eine Sturmflut entstandenen Meeresarm, den sogenannten Zwin, war die Stadt vom 13. bis weit ins 15. Jahrhundert gewinnbringend mit der See und der Welt verbunden. Dann versandete der Zwin, der burgundische Hof zog sich zurück, die Geschäfte erlahmten, das war der Anfang vom Niedergang.

Die Melancholie im verlassenen Brügge wurde jedoch im 19. Jahrhundert als romantisch und reizvoll empfunden. Der Tourismus begann – und damit Brügges neues goldenes Zeitalter. Vom Belvedere des Gruuthuse-Museums sieht man, was gemeint ist: Über ein Brückchen hinter verwinkelten Häusern drängen die Besucher, von rechts naht ein Ausflugsboot. Aber es gibt sie, die ruhigen Stunden: An einem Mittwoch, 9.30 Uhr, drängeln sich keine Gruppen wartend am Eingang des Groeninge-Museums (Dijver 12), wo in noch unrenovierten Sälen an grauen Stellwänden die berückendsten Meisterwerke hängen: Jan van Eycks „Madonna des Chorherren Joris van der Paele“, 1436 gemalt, mit Frömmigkeit und Brügger Prachtstoffen, oder das strenge Porträt von Jans schmallippiger Gattin Margareta mit ihren spitzen Haarschnecken unter der Haube (1439). Genug der alten Kunst? Na gut, dann kaufen wir uns jetzt endlich eine dieser viel zu süßen belgischen Waffeln. Aber bitte met slagroom, mit Sahne!

Info: Die Reise nach Brügge wurde unterstützt von Visitflanders und Visitbruges. Das wiedereröffnete Gruuthuse-Museum, Dijver 17C, hat einen neuen, modernen Empfangspavillon, in dem man für 14 Euro ein Kombi-Ticket für das Museum und die angrenzende Liebfrauenkirche kaufen kann. www.visitbruges.be

Bornholm: Auf der dänischen Insel der Seligen

Mit Ziegen kuscheln: typisch Bornholm.

Glücklicher Migrant: Claus aus Deutschland.

Expertin für Grünes: Vera aus Ulm.

Einfach herrlich: der Strand von Dueodde.

Feine Vorspeise im Stammershalle Badehotel.

Die Insel macht es ihren Liebhabern nicht leicht. Sie verlangt Geduld und Entschlossenheit. Man muss nach Kopenhagen fliegen und in eine andere Maschine umsteigen oder mit dem Auto bis nach Sassnitz auf Rügen fahren (ja, das ist schon ziemlich weit), um von dort mit der Fähre noch einmal dreieinhalb Stunden überzusetzen. Die Deutschen lieben Bornholm trotzdem – dieses kleine Stück Dänemark da hinten in der Ostsee vor der schwedischen Küste. Hyggelig ist die Insel, gemütlich, mit ihren bunten Häusern, lauschigen Wäldchen und würzigen Fischfrikadellen.

Manche lieben sie so, dass sie ihr Leben hinter sich lassen, um ein Bornholmer zu werden. Claus zum Beispiel. Er heißt Rodeck mit Nachnamen, aber das spielt hier keine Rolle. Alle duzen sich sowieso, und der ehemalige Verwaltungsbeamte aus Remscheid hat sich immer so herrlich entspannt in einstigen Ferien, dass er nach seiner Frühpensionierung vor sieben Jahren für umgerechnet 120 000 Euro mit seiner Frau einen umgebauten Bauernhof auf der Lieblingsinsel kaufte und umzog. Drei Jahre lang musste er Dänisch lernen, jetzt darf Claus an den Kommunalwahlen teilnehmen. Als forscher „local guide“ zeigt er deutschen Gästen die Insel, die Rundkirchen, die einst auch als kleine Burgen dienten, die malerische Festung Hammershus, die rot-gelben Gassen des Dorfes Gudjhem. Und dabei lobt er seine Bornholmer, ihr Sozialsystem und ihre Vertrauenswürdigkeit: „Hier steht alles offen, keiner schließt ab.“

Auch Vera Keim, die „aus der Ulmer Gegend“ kommt, hat hier ihr Paradies gefunden. Der Vater ihres Kindes ist Bornholmer, sie lebt in einer Wohngemeinschaft mit ökologisch orientierten Freunden, Hund und freilaufenden Hühnern am Waldesrand. Mit einem einheimischen Partner betreibt sie eine Freilandgärtnerei auf den Hügeln über Gudhjem. Von ein paar ausgeliehenen Landschweinchen, deren Gehege immer neu abgesteckt wird, lässt sie den Boden auf natürlichste Art umgraben. Wir gucken noch verdattert, da hat Vera schon ein paar Zucchini und kleine Kürbisse für unser Abendessen geerntet. Wir sollen noch ein paar orangefarbene Ringelblumen pflücken für den Salat. Na los! Ja, die kann man essen. Wie überhaupt sehr vieles, was am Wegesrand und am Strand so wächst. Vera hat uns bei einem Spaziergang manches kosten lassen – vom Tagetes-Kraut, das wie Lakritz schmeckt, bis zum Stranddreizack, der aussieht wie Grashalme und würzt wie Koriander. Auch die Triebspitzen der Fetten Henne, die wir nur als Zierpflanze kennen, kann man im Frühling in die Suppe oder den Salat schneiden.

Nun, da halten wir uns lieber an den bekannten Schnittlauch aus dem Garten des Madkulturhus, dem Esskulturhaus namens Gaarden, das neben einem historischen Museumshof am Rand von Gudjhem gebaut wurde. Hier empfängt uns am späten Nachmittag die Köchin Lotte und Mikkel Bach-Jensen, der Manager der neuen Vereinigung „Gourmet Bornholm“. Aber bedient werden wir nicht in der helllichten Großküche. „Ihr kocht euer Dinner selbst, ich mach keine Witze“, erklärt er uns auf Englisch. Wir sollen die Workshop-Atmosphäre kennenlernen, in der das Gaarden aktiven Gästen und vielen Schülern ein Gefühl für das Zubereiten guter, natürlicher Lebensmittel vermittelt. Sogar das Schlachten von Hühnern oder Kaninchen steht auf dem Themen-Programm. „Kinder sollen lernen, wo das Essen herkommt“, stellt Mikkel fest. Dänen sind nicht zimperlich.

Ich muss zum Glück nur ein handliches Stück vom einheimischen Kalb säubern und in kleine Streifen schneiden für einen Wok mit Gemüse. Ein paar Kollegen machen den Salat, andere das Eis mit frischen Beeren, der Tisch wird selbst gedeckt. Lotte und Mikkel bewachen uns streng. Die Sache mit dem bewussten Essen ist ihnen ernst. „It’s a big thing“, sagt Mikkel, eine große Sache für Bornholm. Vor dem Dessert werfen wir deshalb einen Blick in den behaglichen Shop des Esskulturhauses und sehen, welche modernen, handwerklich arbeitenden Food-Produzenten sich auf Bornholm niedergelassen haben: Es gibt da Most und Karamellbonbons, Senf und Bier, Käse, Schokolade und sogar Olivenpasta made in Bornholm. Mit einem Aquavit aus „Den Bornholmske Spritfabrik“ lässt sich sicher auch das Traditionsgericht „Sol over Gudjhem“, ein golden geräucherter Hering mit einem rohen Eigelb, besser verdauen.

Aber vor allem will die Bornholmer Gourmet-Branche zeigen, dass es neben belegtem Smørrebrød (Butterbrot) und deftigen Fischgerichten eine neue Vielfalt gibt. Nebenbei bemerkt, ist für die letzten Fischer in der Ostsee ohnehin nicht mehr viel zu holen. Die Räuchereien müssen oft Ware aus der Nordsee dazukaufen. Aber davon spricht man nicht so gerne. Man präsentiert lieber das Neue – wie die Sanddorn-Plantage von Camilla und Mads Meisner, einem netten Aussteigerpaar aus Kopenhagen. Auf dem Land bei Nexø züchten sie die orange leuchtenden Beeren und kochen daraus in der eigenen Hofküche köstliche Marmeladen, Säfte, Sirups. Ein bisschen teuer ist der Vitamin-C-reiche Genuss (60 Kronen, rund 8,50 Euro für ein Mini-Glas), aber cool bis hinein in die vegane Szene von Berlin. Alles am Sanddorn kann übrigens verwertet werden, die getrockneten Schalen schmecken im Müsli, aus den Kernen werden kosmetische Öle gepresst. „Høstet“ (Ernte) heißt die feine Marke der Meisners, und weil sie gute Manager sind, mixen sie ihren Besuchern erst mal ihre Spielart von Mojito mit Sandorn-Sirup, weißem Rum und frischer Minze. Skål, na dann Prost!

Am nächsten Morgen bei Lene Schrøder gibt es Kaffee mit Ziegenmilcheis, erstaunlich mild im Abgang und ein Genuss für alle Freunde von Ziegenmilchprodukten. Der Käse ist gerade so gut wie ausverkauft, die erst 2017 gegründete Meierei produziert noch nicht mehr als 50 Liter Milch am Tag. Rund 60 Ziegen meckern fröhlich auf den weitläufigen Weiden und lassen sich auch von Besuchern gerne streicheln. Erst vor wenigen Jahren ist die gelernte Tierärztin nach Bornholm gezogen, um hier mit ihrer Partnerin, die ebenfalls Lene heißt, ein ländliches Leben zu führen. Lene die Erste liebt ihre Ziegen. Und sie ist beherzt genug, die Böckchen selbst zu schlachten, kurz und schmerzlos, mit Nackenschuss. Bis dahin, versichert sie und lächelt breit, hätten die Tiere ein gutes Leben.

Und wir haben auch ein gutes Leben auf Bornholm. Besonders beim Mittagessen im nostalgischen Stammershalle Badehotel an der Ostküste bei Gudhjem. Hier gibt es wahre Hygge im Erker und als Gruß aus der Küche würzigen Speck vom Landschwein auf Apfelmus zu köstlichem Brot mit Lakritz und Fenchel. Dorsch in einer Kohlrabischleife, Seeteufel an Brokkolischäumchen und einem slowly, ganz langsam geschmorten Rindfleisch, superzart. Viele Bornholmer Restaurants haben einen neuen Ehrgeiz entwickelt, nachdem das „Kadeau“, ein malerisches Holzhaus am Strand südlich von Aakirkeby, vom Guide Michelin mit einem Stern ausgezeichnet wurde. Wir dürfen mal von außen gucken, sind aber sowieso noch satt von der fetten Fischplatte aus der Räucherei des Bilderbuchortes Svaneke, wo wir zudem am Nachmittag in der Chokoladeri von Janne Lundberg, die mal eine Bankerin war, und Daniel Mikkelsen ungeheuer süße Schaumküsse aus Eiweiß und Sirup auf Nussplätzchen gepritzt, in Schokosauce getunkt und gleich probiert haben.

Eins steht fest: In Bornholm gibt es reichlich und Gutes zu essen. Zum Glück ist da der ungeheuer weite Strand von Dueodde im Süden der Insel. Vom Parkplatz mit einigen Kiosken führt ein 500 Meter langer Holzsteg durch duftende Kiefernwäldchen und Dünen bis zum Meeresrand, wo gar nichts verkauft wird. Die Natur ist frei. Stundenlang kann man hier wandern, mit den Füßen im weißen Sand und im erstaunlich warmen Wasser. Und allein dafür lohnt es sich, diese Insel hinten in der Ostsee wieder zu besuchen. Mit Geduld und Entschlossenheit.

Kurz und bündig

Inselfakten: Die 588 Quadratkilometer große Insel Bornholm in der Ostsee vor der schwedischen Küste gehört nach wechselvoller Geschichte seit 1658 zu Dänemark. Sie hat knapp 40.000 Einwohner und eine abwechslungsreiche Landschaft mit Hügeln, Wäldern, Feldern, Felsküsten und einem langen weißen Sandstrand.

Währung: Dänische Krone. Rund sieben Kronen entsprechen einem Euro.

Anreise: Die schnellste Verbindung sind Flüge über Kopenhagen. Da die meisten Besucher aber mit dem Auto kommen, empfiehlt sich die Fährverbindung von Sassnitz (Rügen) zur Bornholmer Hauptstadt Rønne (rund dreieinhalb Stunden, Tickets ab 69 Euro, www.bornholmslinjen.de).

Besondere Adressen: Ziegenzucht und Meierei Lykellund Gedemejeri, Kraekketsvej 3, Österlars. Esskulturhaus Gaarden, Museum und Shop, Melstedvej 25, Gudhjem. Svaneke Chokoladeri, Svaneke Torv 5. Sanddornplantage Høstet, Ibskervej 34, Nexø. Allgemeine Informationen: www.bornholm.info

Hinweis: Die Reise wurde organisiert und finanziert von Destination Bornholm und VisitDenmark.

 

In den verborgenen Gärten der Normandie

Monets Garten - auch im Regen schön.

Spazieren mit Schlossblick: Château Bizy.

Annie Blanchais in ihrem verborgenen Garten.

Kunst in der Natur mit Benoît Delomez.

Im Park des Château von Brécy: Didier Wirth.

Madame geht nie durch ihren Garten, ohne hier eine welke Klematis abzuzupfen, da ein verrutschtes Zweiglein hochzubinden. „Ich habe immer eine Schere und Blumendraht dabei“, schmunzelt Annie Blanchais. Die Erde an ihren Händen ist wie ein Zeichen der Verbundenheit mit dem, was wächst und ihr Wohlbefinden schützt. Vor 20 Jahren hat die ehemalige Tänzerin angefangen, einen 2500 Quadratmeter großes Grundstück rund um ihr verwunschenes Haus in dem Kurort Bagnoles-de-l’Orne nach eigener Eingebung zu gestalten. Seit 2011 empfängt sie Besucher in ihrem „Jardin retiré“, dem zurückgezogenen Garten. Und sie ist nicht die einzige. In über 120 grünen Paradiesen in der Normandie kann der Urlauber seine Seelenruhe finden.

Wer sich selbst um einen Garten kümmert, der muss zu Hause bleiben und will es genau so. „Ich verreise nicht mehr“, verrät Annie vergnügt und wirft ihren langen blonden Tänzerinnenzopf über die Schulter. Sieben bis 14 Stunden täglich arbeitet sie in ihrem Refugium, folgt unermüdlich den romantisch verborgenen Wegen, die blauen Turnschuhe sind von feuchtem Gras durchweicht. Ihre Welt findet sie hier, zwischen englischen Rosen (so süß duftet „Lady Hamilton“ an ihrem weichen Stiel), Hortensien namens „Hamburg“ und dem seltenen Tibet-Baum.

Wo Monets Seerosen blühen

Auch Claude Monet (1840-1926), der allseits vergötterte Impressionist, entdeckte die Vielfalt im Gleichen, nachdem er 1883 bei einem Spaziergang in Giverny für sich und seine Familie ein elegantes Landhaus mit Garten entdeckt hatte und den langen Rest seines Lebens mit eigenen Händen buddelte und pflanzte. Jenseits der Straße legte er den berühmten Seerosenteich an, den er wieder und wieder malte, weil das Licht auf dem Wasser immer neue Bilder schuf. Das kann man auch heute noch ahnen, wenngleich der Rummel in Monets Garten – im letzten Jahr kamen über 630 000 Besucher – die Stille ruiniert hat.

Zu Gast bei der Herzogstochter

Neun Kilometer entfernt, in Vernon, ist genug Luft zum Atmen. Im 20 Hektar großen Park des Château de Bizy, wo Isabelle, die 86-jährige Tochter des fünften Herzogs von Albufera, noch heute in einem Seitenflügel lebt, kann man stundenlang durch alte Alleen wandern und ein bisschen melancholisch die verlassenen Stallungen, vermoosten Brunnen und bröseligen Reliefs betrachten. Einst galt das Schloss als das normannische Versailles, und die von 150 Dienern betreuten Herrschaften genossen hier die Geselligkeit. Nach der Revolution wurden die Skulpturen am Rand der Wasserspiele abgeschlagen, heute fehlt es an Geld für Investitionen. Doch die Natur, unbeeindruckt von den Zeitläuften, blüht majestätisch fort.

Der Duft der Zitronen

Das gilt auch für das Château von Acquigny, dem Sitz der Familie d‘Esneval seit 360 Jahren. Gebaut wurde es schon im 16. Jahrhundert zur Feier der Liebe von Anne de Montmorency und ihrem Ehemann Louis de Silly. Deren Initialen und das wiederholte Relief zweier verschlungener Hände an der Fassade zeugen noch heute von einer großen Amour. Agnes d‘Esneval, eine grauhaarige Frau mit festem Schuhwerk und Strickjacke, ist eher der pragmatische Typ. Sie führt die Gäste selbst durch das 16 Hektar weite Gelände. Man sieht noch aus der Ferne das Schloss in berückender Schönheit vor den grünen Hügeln liegen. Dann wandert man weiter, am Fluss entlang, wo die Blätter der Platanen in einer Brise flüstern, entdeckt die Heilkräuter, die der junge Gärtner der d’Esnevals mit handgeschriebenen Schildern versehen hat, und genießt das Konzert der Vögel und den Duft der Zitronenbäumchen.

Von der Taverne zur Ferme

Wer sich Zeit lässt und gemächlich über schmale Straßen von einem Ort zum anderen fährt, den belohnt das normannische Gartenleben mit Freude jenseits hektischer Städte und Attraktionen. Wir fahren zwei Stunden weiter nach Sées, wo wir uns in einer zünftigen Taverne au Normandy zwischen lauter Einheimischen mit gewaltigen Portionen von Muscheln und fett gefüllten Pfannkuchen, sogenannten Galettes, stärken. Danach geht es zur Ferme Ornée in Carrouges. Den 15 Hektar großen Garten ist so etwas wie der grüne Hafen des weitgereisten Abenteurers und Fachbuchautors Jean-Pierre Morby. Aus Prinzip düngt Morby nur mit Pferdemist, er benutzt keine Pestizide und lehnt eine aufwändige Bewässerung ab. Die normannische Natur, hat er festgestellt, lässt viele Arten von Blumen, Hecken und Farnen ganz von selber wachsen.

Moderne Kunst im Grünen

Dominique und Benoît Delomez hingegen, ein Künstlerpaar, haben ihren „Jardin Intérieur à Ciel Ouvert“, den Innengarten unter freiem Himmel, auf der ehemaligen Mülldeponie von Athis angelegt und mussten erst einmal 50 LKW-Ladungen frischer Erde aufschütten lassen, um etwas zauberhaftes Neues zu schaffen. Nicht nur Pflanzen sind hier zu entdecken, sondern auch Installationen und Skulpturen, die sich diskret einfügen in das Ensemble. Ein gläserner Kubus mit verspiegelter Ecke verschiebt die Perspektiven, ein ausgehöhlter Bambushain wirkt wie ein kleiner Tempel, aus einem abgestorbenen Baum wurde ein „Insektenhotel“. Die Kunst verneigt sich vor der Natur. Und am Ende des kleinen Spaziergangs kann man noch in aller Ruhe den Karpfen im Teich zusehen.

Monsieur weilt im Park 

Eine ganz andere Dimension hat das Château von Brécy, wenige Kilometer von der Küste bei Bayeux. „Monsieur est dans le jardin“, Monsieur ist im Garten, teilt ein Bediensteter den Besuchern mit. Aber was heißt hier jardin? Der weltgewandte Pariser Unternehmer Didier Wirth, Präsident der französischen Stiftung Parks und Gärten, und seine vor einigen Jahren verstorbene Ehefrau Barbara haben das um 1700 entstandene Lustschlösschen mit romanischer Kapelle und französischem Terrassenanlagen 1992 gekauft und in ein spektakuläres Anwesen verwandelt. Alle Hecken und Bäume, akkurat beschnitten, werden hier einem herrschaftlichen Gestaltungswillen unterworfen. Ganz oben weist ein schmiedeeisernes Tor in den Himmel, aber dahinter geht es weiter. 130 Hektar umfasst der Besitz mittlerweile, Monsieur wollte sich die Umgebung nicht zubauen lassen.

Übernachten bei Freunden

Wer von diesem Lebensstil beeindruckt ist, kann in der Normandie etliche Schlösser mit Gästezimmern finden. Wir übernachten aber gern in ländlichen „Chambres d‘Hôtes“, einer Art Bed & Breakfast auf französische Art – Dîner auf Wunsch. Sophie und François von der Ferme des Isles haben ihr Karrieren in der Pariser Immobilienbranche abgebrochen, einen Bauernhof in Autheuil Authouillet bei Vernon gekauft, mit Vintage-Möbeln und gesammelten Kuriositäten ausgestattet und fünf komfortable Gästezimmer eingerichtet. Nach einem behaglichen Essen mit den anderen Gästen an der großen runden Table d’Hôtes – François hat Ente mit jungem Gemüse gekocht – schlummert man vortrefflich zum Nachtlied der Stille.

Informationen:

Die Reise wurde organisiert von AtoutFrance. Allgemeine Informationen über www.normandie-urlaub.com. Die beschriebenen Parks und Gärten sind, mit Ausnahme von Monets Gärten in Giverny, privat geführt. Die Gärten des Château de Brécy in Creully sur Seulles sind im Sommer Dienstag, Donnerstag und Sonntagnachmittag von 14.30 bus 18.30 Uhr geöffnet. Informationen und Öffnungszeiten für die anderen erwähnten Schauplätze unter: www.lejardinretire.fr; www.claude-monet-giverny.fr; www.chateaudebizy.com; www.chateau-acquigny.fr; www.fermeornee.eu; www.jardin-interieuracielouvert.com; www.lafermedesisles.com

Buchtipp: Ein besonders ausführlicher und liebevoll recherchierter Reiseführer über alle Aspekte der „Normandie“ ist im Michael Müller Verlag erschienen. Autor: Ralf Nestmeyer. 456 Seiten mit herausnehmbarer Karte, 21,90 Euro.

Kein Land in Sicht: Mit der Queen Mary II. von New York nach Europa

Good bye, New York: Die Queen Mary sticht in See.

Spaziergang auf dem Deck

Frische Luft und Weitblick

Me and Her Majesty

Teatime mit Harfe

Das kalkulierte Abenteuer einer Kreuzfahrt ist lustig. In der Komfortzone eines Ozeandampfers schaukeln die Touristen massenhaft über die Meere. Wohlgenährt und warm getanzt erwarten sie den nächsten Hafen und freuen sich über eine risikofreie Spritztour durch fremde Welten. Aber wie fühlt sich das an, wenn es überhaupt keine Landausflüge gibt? Nichts als hohe See? Sieben Tage lang? Wir haben es ausprobiert und sind mit einem legendären Ozeanriesen, der Queen Mary II., von New York nach good old Europe gefahren.

Sonntag

Der erste Tag einer Seereise gilt nicht. Das Einchecken von zweieinhalbtausend Passagieren in zugig-grauen Hafenhallen ähnelt nun mal einem Einwanderungsverfahren, auch für Ladys and Gentlemen. Im Zickzack der Warteschlange irgendwo am Rand von Brooklyn füllen wir eine Gesundheitserklärung aus, wonach wir weder Ebola noch Husten haben, während eine eiskalt blasende Klimaanlage für die ersten Erkältungen sorgt. An Bord sucht man erst mal die Kabine, bangt ums Gepäck, schlabbert einen hastigen Lunch am Büffet (ich nehme zerkochtes Huhn mit Erbsen in weißer Soße, very British) und wird schon von der Sirene zur Notfallübung getrieben: Schnaufende Mitreisende der Notfallgruppe G umklammern ihre Schwimmwesten, humpeln die Treppen herunter und versammeln sich unter gebellten Anweisungen am G-Punkt auf Deck 7. Es kann nur schöner werden. Und das wird es, very beautiful: Zur Sail-away-Party am Pool präsentiert sich die Skyline von Manhattan unter blauem Himmel, die Luft ist karibisch warm, wir schwenken US-Fähnchen und singen im gut gelaunten Chor „New York, New York“, während die Freiheitsstatue uns hinterher winkt. Bye, America! Der Atlantik wartet.

Montag

7.30 Uhr: Der Balkon vor der Kabine ist nass. Kein Meer zu sehen. Nur diffuses Weiß. Die Queen fährt durch dichten Dunst. Ich öffne die Tür, es weht kühl herein. Das Nebelhorn dröhnt mit warmem Bass ins Unbestimmte, leise pfeift dazu der Wind. „Das find ich schön“, behaupte ich. Der Gatte geht erst mal duschen. Beim leichten Frühstückskampf am Büffet wird von einem grantigen Shortsträger das Wetter beklagt („lousy cold“). Wir wollen lesen und setzen uns in den angenehm temperierten Chart Room, wo Fiona auf der Harfe spielt und Herrschaften der Generation 80plus in den Fauteuils schlummern. Nur kurz schrecken sie auf, als ein brasilianisches Girl aus dem Juwelierladen einen Vortrag über die feurige Wirkung von Rubinen beginnt. Die Anzahl der gebrechlichen Passagiere auf der Transatlantik-Route ist auffällig hoch. Viele sitzen im Rollstuhl – sie werden hier nicht durch zu anstrengende Landausflüge frustriert. Und eine Kabine an Bord eines elegant eingerichteten Ozeandampfers ist auch nicht teurer als ein Platz im gehobenen Pflegeheim. Ehe wir darüber ins Grübeln geraten, gehen wir zum Anfänger-Cha-Cha-Cha mit dem furiosen Tanzpaar Nadja und Vladimir. Der Gatte verhaspelt sich beim New-York-Step (auseinander, zur Seite, Wechselschritt) und fällt am Nachmittag in ein hartnäckiges Koma, das er Nickerchen nennt.

Dienstag

Heute schlafen wir länger, denn wir sind noch erschöpft vom Ball in der Disco, wo man im Abendkleid frei zappelte, verschont von den Herausforderungen der Cha-Cha-Cha-Fraktion. Das 35-Dollar-Porträt vor falscher Mondscheinkulisse, das ein bleiches Mitglied des Fototeams unter „Fantastic“-Rufen von uns fertigte, wollen wir auch mit Rabatt nicht kaufen. Unsere Selfies haben mehr Charme. Das Geschäft der Bordfotografen wird aussterben. Wir sind auch nicht mehr so richtig vital. Der Anblick des sanft und grau wogenden Ozeans sowie die Abwesenheit einer funktionierenden Internet-Verbindung machen müde. Statt zügig über das windige Außendeck zu walken, was der Sportsmann macht, bummeln wir über frisch gesaugte Teppichböden vom Royal Court Theatre, wo ein pensionierter TV-Moderator den Amerikanern das britische Königshaus erklärt, zur nächsten Bar, wo wir Apfelsaft trinkend das Mittagsläuten erwarten. Um 12 Uhr tönt die Schiffsglocke, damit wir, wie der humorvolle Captain Christopher Wells gestern durchsagte, wissen, wie viel Uhr es ist. Heute gibt er uns einen Zusatz-Thrill mit der Bemerkung, dass wir am Abend die finale Position der Titanic erreichen und sich durchaus Eisberge dort herumtreiben. Wie es sich gehört für britische Seefahrer, bewahren wir Haltung und ziehen uns fein an, um beim Captain's Dinner mit der deutschstämmigen Hausdame Andrea Kaiser ein wenig Konversation zu machen. Konversation ist die zentrale Herausforderung auf der Queen Mary. „Where do you come from“, woher kommen Sie? Das ist die Frage, mit der 1000 Amerikaner und 800 Engländer an Bord ein Gespräch eröffnen. Ein Professor aus Cambridge will mit uns über die Entstehung der Magna Charta plaudern, ein abstinenter mormonischer Kirchenhistoriker aus Utah verrät, dass seine stille Frau sich vor Wasser fürchtet, und ein bulgarisches Auswandererpaar, das vor 50 Jahren in New York sein Glück machte, fährt in die Heimat fährt, um Musiker zu unterstützen – „for charity, you see“.

Mittwoch

Rough seas today. Die See ist rau. Ich ziehe den dicken Mantel an, um dem Wind zu trotzen, doch: Das Außendeck wird gerade mal geschlossen. What shall we do, was machen wir da? Nach der täglichen Betrachtung der Handtaschenauswahl im Bordshop könnte man im Salon Sir Samuel's einen Jasmintee trinken und sich den kostenlosen Cookie des Tages verkneifen. An der Handarbeitsrunde mit Sozialhostess Imogen darf ich nicht teilnehmen, weil mir ein Strickzeug fehlt. Wir dösen ein bisschen im Kino, wo um die Mittagszeit ein Lehrfilm über die Beschaffenheit des Universums in eine Planetarium genannte Kuppel projiziert wird. Der Fünfuhrtee schmeckt leicht nach Chlor. Wir sind halt lange auf See.

Donnerstag

Immer noch windig und, wie der Captain bemerkt, „rough seas“. Schon packen die Boys vom Bordshop die Westen mit Puschelkragen aus, da wird es draußen heller, und wir dürfen ein wenig „unexpected sun“, unerwartete Sonne, erleben, bis der Himmel sich erneut bedeckt. Nach einem halben Stündchen auf dem Deckchair – die Polster müffeln leicht feucht – konzentrieren wir uns wieder auf die inneren Werte des Schiffs. In der Bord-Bibliothek gibt es 29 Bände der Britannica und unzählige andere Bücher. Abgeschnitten von der digitalen Kommunikation, lesen die Passagiere stundenlang, schreiben Reisetagebücher und legen Puzzles aus 250 Teilen. Ich betrachte zum zehnten Mal die Bilder der Bordgalerie: Neu-impressionistische Herbstwälder gibt es schon für viereinhalbtausend Dollar. Für ein bunt-kitschiges Seestück mit Queen Mary vor Sidney – türkise Wellen, rosa Wolken – zahlt der Fan über 18 000 Dollar. Da hätte ich doch lieber drei oder vier kleine Brillantringe aus dem Bordshop von H.Stern. Man wird leicht irre auf dieser Route.

Freitag

Das Meer hat sich beruhigt, zur Abwechslung regnet es. Abwarten und Earl-Grey-Tee trinken. Um 12 wird die Uhr wieder ein Stück vorgedreht. Dann könnte man Samba tanzen mit Vladimir oder Tücher falten mit Imogen, aber wir haben schon wieder Hunger und gehen zum Lunch ins Britannia-Restaurant: kleiner Salat vor einem uns unbekannten Fisch namens Roughy, danach Eiscreme des Tages. Macht das viele Essen dick oder nicht, that's the question. Wir haben zum Glück keine Waage und reden uns ein, dass die Portionen klein sind. Außerdem gehen wir nachmittags in den Canyon Spa Club und strampeln auf dem ächzenden Laufband gut 88 Kalorien ab. Auch zehrt an uns die Frage: Was ziehen wir heute Abend zur dritten und letzten Gala an? Bei der After-Dinner-Show „Apassionata“ wird das Ballett glitzern, ich nicht. Das Paillettenkleid wurde bereits am Dienstag vorgeführt, bleibt nur das kleine Schwarze.

Samstag

Der letzte Seetag. Ist da etwa die Sonne? Zum ersten Mal seit dem Aufbruch glitzert das Meer statt zu schäumen. Es ist kühl, könnte aber schön werden. Zum ersten Mal sehen wir ein anderes Schiff in der Ferne. „We come closer“, wir kommen dem Rest der Menschheit näher, prophezeit eine Lady beim Frühstück. Eine gewisse Unruhe macht sich breit. Plötzlich wird die Zeit knapp. Einige Rätsel können wohl nicht mehr geklärt werden. Hat der Gentleman, der seine Mahlzeiten stets im Stehen einnimmt, einen Spleen oder eine Rückenkrankheit? Wie schmeckt der Toast in den Bereichen der First Class, die hier „Queens Grill“ heißt? Sind eigentlich alle alten Engländer seefest? Im Aufzug wird heftig geplaudert. Man meckert gar nicht. „It was a great experience“, versichert eine amerikanische Blondine, es war ein großes Erlebnis. Genau.

Sonntag

Southampton. Um acht Uhr müssen wir die Kabine verlassen. Versammlung im eiskalt klimatisierten Theater für unsere Gruppe Rot Fünf. 8.30 Uhr werden wir vom Schiff ausgespuckt. Transfer zum Flughafen. Der letzte Tag einer Seereise gilt nicht.

Extra:

Die Königinnen der Meere

1967/68 waren die Königinnen erst einmal am Ende. Queen Mary und Queen Elizabeth, die stolzen, 1936 und 1940 gebauten Transatlantikliner der britischen Reederei Cunard, mussten nach verlustreichen Jahren aus dem Verkehr gezogen werden. Wer über den großen Teich wollte, nahm das Flugzeug.

Reisen auf die gemächliche Art war aus der Mode gekommen. Eine neue Queen Elizabeth wurde in den 1970-Jahren bereits im Kreuzfahrtgeschäft eingesetzt. Die Queen Mary II. folgte 2004, nachdem die 1839/40 von dem kanadischen Geschäftsmann Samuel Cunard für den Postverkehr mit England gegründete Reederei von der amerikanischen Carnival Corporation übernommen worden war.

Die Manager von Carnival sind so klug, der Queen Mary ganz ihren britischen Stil zu lassen. In den Salons, Bars und Restaurants des Schiffs geht es zu wie in einem englischen Herrenhaus in den früheren Jahren des vorigen Jahrhunderts: Es gibt Vorträge und Konversationen, gepflegte Hausmusik und konservatives Theater. Die vorwiegend älteren, anspruchsvollen Passagiere spielen Bridge, tanzen „in the oldfashioned way“, kleiden sich zum Dinner um. Es wird fast so viel Champagner getrunken wie Tee. Neben kleineren Kreuzfahrten ist das Kerngeschäft der Queen Mary die alte Nordatlantikroute zwischen New York und Southampton oder Hamburg – in aller Ruhe und in sieben Tagen.

www.cunardqueens.de