Hinsehen! Afrika-Fotos der Walther Collection

„The Black Photo Album“ mit historischen Aufnahmen zu Texten von Santu Mofokeng.

Besucher vor einem Arrangement von Schwarzweiß-Porträts aus dem Werk von Zanele Muholi.

Stolze Bürger von Bamako/Mali, fotografiert in den 1950er-Jahren von Seydou Keïta.

Die Südafrikanerin Jo Ractliffe fotografierte in Angola „Die Länder am Ende der Welt“.

Rollenwechsel von Samuel Fosso (links), Maskierungen von Edosn Chagas.

Endlich hat er mal wieder funktioniert, der amerikanische Traum: Als erfolgreicher Investment-Banker an der Wallstreet ist der Schwabe Artur Walther reich geworden. Reich genug, um in mittleren Jahren nur noch für seine Leidenschaft zu leben, das Sammeln von Fotokunst. In seinem Heimatort Burlafingen, einem Stadtteil von Neu-Ulm, eröffnete er 2010 ein schickes Museum ohne Massenpublikum, nur für angemeldete Besucher. Auch in New York leistet sich Walther einen „Space“. Mit vollen Händen bestückt der 73-jährige Mäzen in diesem Frühjahr eine grandiose Ausstellung um afrikanische Fotografie im Düsseldorfer K21: „Dialoge im Wandel“.

Okay, der Titel ist Trockenfutter. Wie man hört, sollte die Schau eigentlich verlockend „Look at Me“ (Guck mich an!) heißen. Aber das kuratorische Team hatte damit Probleme, weil das Anstarren im Leben von dunkelhäutigen Menschen zu oft als Belästigung empfunden wird. Die politische Korrektheit kann gelegentlich zu einer gewissen Verkrampfung führen. Aber das ändert nichts an der Kraft und Qualität dieses Schatzes von über 500 Bildern, die zudem äußerst reizvoll gehängt und präsentiert werden. Unbedingt zu empfehlen!

Bild der Gesellschaft

Was wir sehen, sind strenge Serien und ästhetische Klarheit. Eine Ordnung, die man in der europäischen Kunst oft vermisst, obwohl man sie zu schätzen weiß. Die Nähe der Konzepte wird an ein paar Beispielen vorgeführt. So hängen August Sanders ikonische Porträts von Typen aus der Weimarer Zeit – Pfarrer und Kunstgelehrter, Briefträger und Polizist – in einem kleinen Raum mit den sorgsam inszenierten Porträts, die Seydou Keïta in den 1950er-Jahren, zum Ende der französischen Kolonialherrschaft, von Bürgern der Hauptstadt Bamakos gemacht hat. Sie sitzen da in malerischen Gewändern vor ornamentalen Stoffen. Von Keïta fotografiert zu werden, bedeutete „Bamakois“ zu sein, schön und kosmopolitisch. Es ergibt sich ein Bild der Gesellschaft, ganz wie bei Sander.

Der südafrikanische Konzeptkünstler Santu Mofokeng (1956-2020) benutzte noch frühere Studioaufnahmen unbekannter Fotografen für eine Dia-Show, die er mit Texten ergänzte: „The Black Photo Album / Look at Me“. Man sieht ernsthafte und feingemachte Leute, die noch den Kolonialherrschaften ähnlich sein wollten. Manche konnten identifiziert werden: Margaret Monkoe zum Beispiel, geboren 1827, gestorben 1931, mit ihren Enkeln Shomang, Thula und Paul. Andere bleiben ein Rätsel, „Who were these people?“ fragt der Künstler.

Das strenge Konzept

Das fragt man sich oft, die Bilder erzeugen Neugier, eine Lust auf leibhaftige Begegnung. Wer sind die Männer und/oder Frauen, die uns ansehen auf den Porträts von Zanele Muholi, die/der sich non-binär beschreibt, keinem Geschlecht angehören möchte? Muholi bezeichnet sich als „visuelle*n Aktivist*in“, ihre Kunst huldigt der queeren schwarzen Szene. Jodi Biebers Serie „Real Beauty (Wahre Schönheit)“ hingegen zeigt eindeutig üppige Frauen, die selbstbewusst in Dessous posieren – wie es ihnen gefällt. Der Wille des Fotografen war entscheidend bei den schwarz-weißen „Rückenansichten“ von Malick Sidibé. Gleich daneben hängt eine Serie von Hinterköpfen mit kunstvoll geflochtenen „Hairstyles“, die J.D. Okhai Ojeikere (1930-2014) im Nigeria der 1970er-Jahre gesammelt hat.

Etwa zur gleichen Zeit begann das Düsseldorfer Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher mit ähnlicher Systematik, alte Industriebauten abzubilden. Die Becherschen „Wassertürme“ passen verblüffend gut zu den afrikanischen „Hairstyles“. Ebenfalls faszinierend ist eine Abfolge von Anzug-Herren mit Hemd und Krawatte, denen Edson Chagas aus Angola 2014 traditionelle holzgeschnitzte Masken verpasst hat. Herrlich irritierend!

Spiel der Identitäten

Das gilt auch für die „African Spirits“, die afrikanischen Geister des Samuel Fosso, 1962 in Kamerun geboren. Er präsentiert Afro-Amerikaner wie den Boxer Muhammad Ali, den Menschenrechtler Martin Luther King und die Black-Power-Heldin Angela Davis sowie andere Berühmtheiten. Oder was? Auf den zweiten Blick erkennt man: Es ist alles ein einziger Mann: Fosso, der Künstler selbst, in treffsicheren Verkleidungen. Ein Spiel um Identität.

Aber es geht nicht nur um das direkte Bild des Menschen in dieser spannenden Ausstellung. Es geht auch um das Land, geprägt von Dramen und Dürren, Fremdherrschaft und atemberaubender Schönheit. Die südafrikanische Fotografin Jo Ractliffe (61) spürte zwischen Eukalyptusbäumen und verlassenen Maisackern in Angola stille Stätten des Grauens auf: Schlachtfelder, Mienenfelder, Massengräber. „Die Länder am Ende der Welt“ heißt ihre Serie. Ihr Kollege Sabelo Mlangeni (42) untersucht hingegen die verschatteten Strukturen der sozial belasteten Metropole Johannesburg: Wie ein melancholischer Reporter durchstreift er die „Big City“. Eine Ausstellung wie eine Entdeckungsreise.

Was, wann und wo?

„Dialoge im Wandel – Fotografien aus The Walther Collection“: bis 25. September im K21, Düsseldorf, Ständehausstr. 1. Geöffnet D.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt; 12 Euro. Jeden 1. Mittwoch KPMG-Kunstabend 16 bis 22 Uhr, Eintritt frei. www.kunstsammlung.de

Kunsthalle: Die

Farben des Glücks

Aquarelle von Dietmar Lutz (oben), Pavillon von Martin Pfeifle, Gemälde von Tatjana Valsang.

Gestische Malerei voller Energie: ein großes Format von Laura Aberham.

Streifenbild von Jörn Stoya (hinten links) und eine Installation mit Wandobjekt von Jan Albers.

Subtile Feier der Liebe und der Distanz: Vivian Greven zwischen ihren zwei Bildern.

Papierarbeiten von Chris Reinecke, begutachtet von Kuratorin Alicia Holthausen.

Nach zwei Jahren Pandemie wollte die Kunsthalle mal ein bisschen Trost spenden – mit einer Frühlingsausstellung zum Thema Glück. Aber dann kam der Ukraine-Krieg, und den beteiligten 13 Künstler*innen war die Sache plötzlich ein bisschen peinlich. Deshalb wurde das muntere Plakat verworfen, und der Titel „Happiness is a State of Mind“ (Glück ist eine Geisteshaltung) erscheint nun auf leerer Fläche in einer krakelig durchgestrichenen Version. Ungültig gemacht. Leider, denn die Weltlage ändert ja nicht das Geringste an der Wahrheit dieser Aussage. Zum Glück sind die Werke nicht ausgetauscht worden, und die Ausstellung bleibt wie geplant eine Freude.

Gleich vorne am Eingang zum Kinosaal hängt ein wahres Power-Bild: Die 28-jährige Düsseldorferin Laura Aberham hat ein Großformat mit kraftvollen Pinselschwüngen bemalt: „Ich wollte positive Energie vermitteln.“ Das ist ihr gelungen. Und auch der gebürtige Schwabe Martin Pfeifle, Bildhauer und Design-Professor in Düsseldorf, sorgt für gute Laune mit einem begehbaren Pavillon aus Alustangen und PVC-Streifen – außen unauffällig, innen voller leuchtender Farbräume, pink, gelb, blau. Das Objekt wurde für draußen entworfen und braucht eigentlich ein bisschen Wind um zu wirken. Den dürfen die Besucher im Saal nun selber machen.

Jeden Tag ein Bild

Statt des offenen Himmels schwebt über den Köpfen ein Fries aus Aquarellen. Dietmar Lutz, 1968 in Ellwangen geborener und in Düsseldorf lebender Maler und Schüler von Dieter Krieg, schafft jeden Tag ein neues Bild. Schnappschüsse sind seine Vorlagen. In der Pandemie hat er damit angefangen, ein Buch damit gefüllt („Ein Jahr“) und will es nun ein Leben lang fortführen – „etwas manisch“, wie er selbstironisch bemerkt. Lutz arbeitet mit 25-Meter-Rollen vorgrundierter Leinwand, aber es dürfen auch Ausschnitte gezeigt (und verkauft) werden. Zehn Tage vom 20. bis 30.10.2020 hat er für die Kunsthalle ausgesucht: Parkwege und schöne Ansichten, Leute auf der Wiese und am Strand. Nichts individuell Erkennbares, aber offenbar Zeugnisse eines gelungenen Lebens.

André Niebur, Jahrgang 1973, ebenfalls Absolvent der Düsseldorfer Akademie, mag es karger. Seine Bilder kommen zwar aus der Figuration, sind aber so weit reduziert, dass die Farben wie Sonnenflecken auf einer weißen Wand wirken. Der gleichaltrige Christoph Schellberg hat seine Formate schrumpfen lassen. Er zeigt eine Reihe von Miniaturen. Man muss nah herangehen, um die wunderbar leichten abstrahierten Landschaften richtig zu würdigen.

Dämonen und Liebende

Auch Tatjana Valsang verwandelt die Natur in Abstraktion mit Bildern wie dem „Bergschatten“. Das Duo Hedda Schattanik & Roman Szczesny hat seine Freude am Erfinden düsterer Welten am Computer. „Auf dem Weg zum Flughafen“ heißt ein Monumentalwerk mit dämonischen Männchen (eins sieht aus wie Trump), einem höllischen Fisch, einem vor schwarzen Bergen schwebenden Augapfel und einem Schriftband mit dem Bericht eines frustrierten Flugreisenden (daher der Titel).

Im oberen Saal wird’s wieder heller. Da leuchten die aus reinen Farbpigmenten gezauberten Streifenbilder von Jörn Stoya (64) und stärken mit ihrem Anblick jedes abgeschlaffte Gemüt. Vivian Greven, 1985 geboren, benutzt zurückhaltende Farben. Thema von zwei Bildern ist die Liebe. Man sieht, in Rosa, einen Kuss und, in Braun-Grün, zwei Gesichter, die mit einem gewissen Abstand einander zugewandt sind. Da geht es um Sehnsucht und Nähe, aber auch um Distanz.

Das Wuchtige und das Feine

Der weitgereiste Jan Albers (50) hat so etwas wie eine eigene Architektur in den Saal gebaut. Er baute zwei massive Stellwände, deren Außenseiten große Fotos von Ausstellungsräumen zeigen, auf denen jeweils ein skulpturales Wandobjekt hängt. Ziemlich wuchtig. Viel feiner ist das begehbare Objekt von Erika Hock (40), die aus bedruckten Fäden einen geschwungenen, transparenten Raum geschaffen hat, dessen Form an die berühmte Wellen-Vase von Alvar Aalto erinnert.

Wer von innen nach außen schaut, wird alles angenehm verschleiert finden. Aber für die Seitenwand braucht man noch einmal einen klaren Blick. Dort hängen dynamische Papierschnitte von Chris Reinecke, die schon 85 Jahre alt ist, aber kein bisschen müde. Die Kartons, die sie schneidet, sind voller Zeichnungen und Aquarellen – lauter lebendige Strukturen, die Freude machen. Beschwingt verlässt man die Ausstellung. Wie gesagt: Das Glück ist ein Geisteszustand.

Was, wann und wo?

„Happiness Is a State of Mind“: bis 22. Mai in der Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Art Talk mit Kunstvermittler*innen jeden Samstag 14.30 bis 17.30 Uhr. Öffentliche Führungen jeden Sonntag 13.30 bis 14.30 Uhr. Die 13 beteiligten Künstler*innen verkaufen kleine Arbeiten zugunsten der Katastrophenhilfe und anderer Aktionsbündnisse . Oben im Kunstverein werden noch bis zum 24. April verschiedene Video-Installationen gezeigt: „Closer“. www.kunsthalle-duesseldorf.de, www.kunstverein-duesseldorf.de

Das Andere sehen:

Lygia Pape im K20

Die Flüssigkeiten aus dem „Rad der Freuden“ darf man sich auf die Zunge träufeln.

Anfassen erlaubt: Papierschnitte nach dem Konzept von Lygia Pape.

Die Raumskulptur "Windeier" soll an Sandsäcke im Guerillakrieg erinnern.

Lichtspiel: die Silberfäden-Installation "Ttéia 1C" aus dem Spätwerk von Lygia Pape.

Über frühen Papierarbeiten von Lygia Pape schwebt ein "Dynamisches Gedicht".

Sie hat uns Braque gegönnt, und im Herbst wird es eine Schau über Mondrian geben. Man kann also nicht behaupten, dass Susanne Gaensheimer die alten weißen Meister der Moderne komplett ignorieren würde. Aber immer wieder versucht die Chefin der Kunstsammlung NRW, dem Publikum die Augen zu öffnen für das Werk von Frauen, die nicht zu den ruhmreichen Cliquen der europäischen Avantgarde gehörten. Ein „Museum global“ ist ihr Ziel. In diesem Frühjahr präsentiert sie die erste deutsche Einzelausstellung der Brasilianerin Lygia Pape (1927-2004). Titel: „The Skin of All“, die Haut von allem(n).

Lygia Pape? Soll man sich diesen Namen merken? Die spröde Schau, kunsthistorisch sicher interessant, macht die Annäherung an eine Unbekannte eher schwer. Es gibt im Eingang noch nicht einmal das übliche Porträt, lediglich nervendes Babygeschrei an einem rot gefärbten NASA-Astronautenfilm („Die neue Schöpfung“), womit sich die Künstlerin 1967 an einer Expo in Kanada beteiligte. Der Schlauch, der den Mann im All mit der Raumkapsel verbindet, soll der Nabelschnur entsprechen, lernt man aus dem bilderlosen Begleitheft. Okay ...

Aus Liebe zu den Linien

Im Heft finden sich auch ein paar dürre biografische Fakten. Lygia Pape wurde in Nova Friburgo geboren, heiratete früh, zog nach Rio de Janeiro und schloss sich dort, ohne ein Studium absolviert zu haben, in den 1950er-Jahren der brasilianischen Künstlergruppe Frente an. Entsprechend den Tendenzen im fernen Europa beschäftigten sich die jungen Leute mit geometrischen Formen und Konkreter Kunst. Nach einem aus klaren Formen komponierten Ölbild „Pintura“ von 1953, das Gaensheimer bereits für die Kunstsammlung NRW gekauft hat, schuf Lygia Pape eine ganze Reihe ästhetisch einwandfreier schwarz-weißer Holzschnitte mit sichtbarer Maserung („Tecelares“). Zu sehen sind ebenfalls farbige quadratische Reliefs sowie Tintenzeichnungen („Desenhos“) mit parallel laufenden, leicht gebrochenen Linien.

Am Ende ihres Lebens, schon im 21. Jahrhundert, arbeitete Lygia Pape noch einmal mit der Faszination der feinen Linien. Aus Silberfäden spann sie zwischen Boden und Decke eines dunklen Raums schräge Stränge, die, raffiniert beleuchtet, zu schweben scheinen, fast unsichtbar, wie Spinnenweben im Nebel. Die Installation „Ttéia 1C“ (ein Wortspiel zwischen den portugiesischen Begriffen für Netz und seltsame Sache), nach Papes Konzept rekonstruiert, wirkt ohne Erklärung und ist sicher das schönste Stück der Ausstellung.

Bitte vorsichtig anfassen

Dazwischen gibt es Verspieltes, Wildes und Anstrengendes aus dem sicher bewegten, aber fremd bleibenden Künstlerleben der Lygia Pape. An einem großen Tisch darf man einige streng geschnittene Buntpapiere in die Hand nehmen und vorsichtig damit hantieren, um, unter dem strengen Blick der Aufsicht, Papes „Buch der Schöpfung“ von 1959 irgendwie haptisch nachzuvollziehen. Eine größere Herausforderung ist es, sich auf das sogenannte „Rad der Freuden“ einzulassen. Nach einem Konzept von 1967 stehen 16 Schüsseln mit gefärbtem Wasser auf dem Boden. Wie es die Künstlerin in einem wackeligen Performance-Film aus der Zeit vormacht, dürfen/sollen Mutige sich mit Pipetten die Flüssigkeiten auf die Zunge träufeln, müssen aber mit sauren, bitteren oder scharfen Aromen rechnen.

Danke, lieber nicht! Wir gucken nur – auf die „Windeier“ zum Beispiel, eine Art Kubus aus aufgeblasenen Plastikbeuteln, von innen rot beleuchtet. Lygia Pape erinnerte so 1979 an die Wände aus Sandsäcken, mit denen sich die Sandinisten im Guerilla-Kampf gegen das Somoza-Regime in Nicaragua schützten. Da Brasilien zwischen 1964 und 1985 von einer Militärdiktatur regiert wurde, gehörten Andeutungen von Widerstand zum Werk der Künstlerin. Digitalisierte Filme, projiziert oder auf Monitoren, zeugen von ihren Projekten und Performances.

Die Sache mit den Mündern

Da schlüpft Lygia Pape 1967 am Strand von Rio aus einem quadratischen Plastikei, da füllt sie Boxen mit vertrockneten Ameisen und Kakerlaken. In den 1970ern drehte sie Filme in den Favelas und auf Märkten und würdigte damit die Kreativität der armen Bevölkerung. Um die Frau in der Konsumgesellschaft ging es ihr in einem leicht ekligen Film, in dem geschminkte Münder (einer mit Bart) etwas buntes Glibberiges einsaugen und ausspucken: „Eat Me: A gula ou a luxúria?“ (Iss mich: Völlerei oder Lust?). Einige Super-8-Filme, mit Kopfhörern zu konsumieren, zeigen krause Handlungen, in denen es irgendwie um Gesellschaftskritik und Galeristen-Gemeinheiten geht. Von der Decke hängen Fahnen mit sogenannten „Dynamischen Gedichten“, die eine vergrößerte grafische Anordnung von Wörtern sind: „bãlao lembrança infáncia“, („ballon erinnerung kindheit ...“). Das alles mag für die Kulturgeschichte Südamerikas relevant sein, hat aber wenig Kraft als Kunstwerk hier und jetzt.

Was, wann und wo?

„Lygia Pape: The Skin of All“. Bis 17. Juli in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW, K20, Grabbeplatz 5. Geöffnet Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Jeden ersten Mittwoch im Monat ist Kunstabend bis 22 Uhr bei freiem Eintritt ab 16 Uhr. Ansonsten kostet das Ticket 12 Euro. www.kunstsammlung.de

Anders: Dieter Nuhr als

malender Fotograf

Ganz im Ernst: Im Hetjens erzählt Dieter Nuhr von seiner Kunst.

Shanghai auf einer digital übermalten Großfotografie von Dieter Nuhr.

Blutrot gestaltete Nuhr den Himmel über Urubamba, Peru.

Profil zeigen: Dieter Nuhr vor einer chinesischen Flusslandschaft.

Auf einen Blick: eine Ahnung von „Sylt“ und das Bild einer iranischen Schale.

Der Kabarettist ist auch ein ganz Anderer. Dieter Nuhr (61), der mit seinen scharfsinnigen Monologen große Hallen und Sendereihen füllt, hat, wie er sagt, „viele Identitäten“. Seine Fans lieben ihn für die Erlösung von dem Bösen durch Humor, doch er will nicht nur der Mann sein, „der im Fernsehen Witze erzählt“. Er sieht sich als Reisender, der Bilder und Begegnungen sammelt, und er sieht sich vor allem als Maler und Fotograf. Unter dem Titel „Reisezeit – Zeitreisen“ präsentiert Nuhr im Düsseldorfer Hetjens Museum 30 neue Bilder, die von der Weltensehnsucht handeln.

Nun kennt man einige Darsteller, die gerne mal was malen. Bei Nuhr gibt es dafür eine solide Basis. Der in Wesel geborene und in Düsseldorf aufgewachsene Beamtensohn studierte Kunst und Geschichte an der Essener Gesamthochschule – auf Lehramt. Seinem Vater zuliebe machte er ein ordentliches Staatsexamen, wollte aber immer nur als Maler leben: „Ich habe Terpentin geatmet.“ Das mit der „Bühne“, wie er es nennt, war eigentlich nur so ein „Hobbyprojekt“. Sein Talent fürs Kabarett, das er zunächst mit dem Düsseldorfer Kollegen Frank Küster und seit den 1990er-Jahren solo betrieb, führte ihn jedoch an die Spitze der Branche.

Von Patagonien bis Nordkorea

Das Showgeschäft läuft bestens. Und es erlaubt ihm, seiner Leidenschaft zu folgen: der Reiselust. Bis Corona uns alle stoppte, war er fünf bis sechs Mal Jahr mit der Kamera unterwegs, „von Patagonien bis Nordkorea“, um sich ganz losgelöst inspirieren zu lassen. Seit gut zehn Jahren zeigt Nuhr seine künstlerischen Fotografien in Galerien zwischen seinem Wohnort Ratingen und Spanien oder China, wobei er sich besonders freut, in Ländern geschätzt zu werden, die ihn überhaupt nicht als Bühnenstar kennen.

Die Pandemie hat die Bedingungen geändert. Statt etwas Neues zu fotografieren, arbeitete Nuhr mit Archivmaterial und entdeckte die unendlichen Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung. Das Tablet wurde seine Leinwand, erlaubte die Schichtung von Bildern, das Experimentieren mit Zeichnung und Farbe. Seinen „digitalen Pinsel“, so Nuhr, habe er selbst programmiert. Es gab ja Muße genug für den Künstler, der nicht reisen durfte und sich auf das bereits Erlebte besann, vom Trip nach Norwegen 1976 bis zur großen Asientour 2019. „Auch eine Zeitreise“, sagt er, sei das gewesen.

Die Idee der Zeitreise

Und zur Idee der Zeitreise passen für ihn die Exponate des Hetjens Museums. Zerbrechliche Schätze, deren Wert er erst unter Führung der temperamentvollen Direktorin Daniela Antonin erkannte. In den Gefäßen und Objekten aus Keramik und Porzellan sah er „10 000 Jahre menschlicher Geschichte“, Kreativität und Erfindungsreichtum. Viele Stücke stammen aus fernen Regionen, die Nuhr bereist hat. Er hat einige davon fotografiert, die Ergebnisse bearbeitet, als seien es geheimnisvolle Landschaften oder Skulpturen. Entsprechend gut passen die Dinge zusammen.

Zu entdecken ist Nuhrs „Reisezeit“ nun im Erdgeschoss des Museums. Sehr fern von prallen Katalogansichten. Rot ist der Himmel über den Bergen von Urubamba (Peru), auch auf den golden schimmernden Fluss hat der Künstler ein paar Tropfen Rot getupft, fast wie Blut. Die schillernde, aufstrebende Stadt Shanghai liegt da an den Ufern des Huangpu unter einer rotgelben ungleichmäßigen Schraffur, die wirkt wie Zersetzungsspuren auf einem alten Negativ. Das vordere Ufer ist schwarz, eine große dunkle Dschunke treibt vorbei. Alles ist angehalten, zum Schweigen gebracht vom Künstler. Ein ruhiges Abenteuer des Schauens.

Landschaften und Linien

Was genau man sieht, spielt keine Rolle. Aber raten darf man mal. Über eine zweieinhalb Meter breite Aufnahme des Flusses Li Jiang, die vor einigen Jahren entstanden ist, hat Nuhr das Foto einer brüchigen Betonwand gelegt. Woanders meint man, Gewebe oder Tapete zu erkennen. Manchmal sind es auch freie Linien, die Nuhr digital eingezeichnet hat.

Die Kombination der Motive hat keine völkerkundlichen, sondern ästhetische Gründe. Zu einem kugeligen Becher mit Männerkopf aus dem alten Peru, den Nuhr wie ein Denkmal fotografiert und unter eine fleckig-transparente Farbschicht gesetzt hat, passen die Wasserfälle des Agua Azul in Mexiko, deren blaue Farbe sich in Grau, Gelb und einen Hauch von Rostrot verwandelt hat. Eine einfache Schale aus dem Iran erscheint wie ein Weihegefäß auf einem zwei mal zwei Meter großen Bild, das ganz in der Nähe einer drei Meter langen Nordsee-Landschaft hängt. Die Wolken von „Sylt“ hängen gelblich über dem Wasser, die Dünen sind fast verschwunden unter Schlieren. Überall droht der Zerfall, und der Schmerz darüber ist sichtbar in der Schönheit, die Dieter Nuhr zelebriert. Ganz im Ernst.

Was, wann, wo

Die Ausstellung „Reisezeit – Zeitreisen“ mit 30 neuen Bildern von Dieter Nuhr wird am Dienstag, 15. März, für das Publikum geöffnet. Zu sehen ist sie dann bis 31. Juli im Hetjens, dem Düsseldorfer Keramikmuseum in der Altstadt, Schulstr. 4. Geöffnet Di. So. 11 bis 17 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. Eintritt: werktags 5 Euro, sonntags frei. Führungen und Rahmenprogramm: www.duesseldorf.de/hetjens

Junger Blick: Klasse Scheibitz im KIT

Sophie Esslinger malte „gute nacht (fahr zur hölle)“. Rechts: KIT-Chefin Gertrud Peters.

Mirjam Falkensteiner ließ sich für ihren „Horizont“ von Man Ray inspirieren.

Unverkennbar ein Selbstporträt: Luca Calaras malte sich allerdings ohne Augen und Mund.

Gertrud Peters zeigt auf die „Kreaturen“ von Andreas Steinbrecher. Links ein Pferd von Luca Florian.

Nach der roten Farbe der Ziegel nennt Johannes Herrmann sein Kaminbild „Karmin".

Vielleicht liegt es daran, dass der Meister in Berlin lebt und sein eigenes Ding macht. Auch mussten sich seine Schüler*innen – wie wir alle – zwei Jahre lang in pandemischer Distanz voneinander entwickeln. Jedenfalls ist es auffällig, wie unterschiedlich die jungen Männer und Frauen der Klasse von Thomas Scheibitz malen und denken. Da gibt es keinen vom Professor bestimmten Stil, sondern 27 sehr verschiedene Werke von 15 Studierenden der Akademie Düsseldorf. „Der Bogen im Auge“ ist der Titel ihrer Ausstellung im KIT.

Eine gewisse Scheu ist geblieben von dieser seltsamen, immer noch nicht überwundenen Corona-Zeit. Nicht einmal für ein Statement mit Abstand mögen die Studenten ihre Atemschutzmasken abnehmen. Immerhin gibt es das gemeinsame Projekt – die Schau im Tunnel unter dem Rheinufer, wo sie ihre Bilder an der rechten, leicht gebogenen Wand brav nebeneinander gehängt haben. Zur ruhigen Betrachtung dessen, was die neue Kunst aus den alten Prinzipien Linie und Farbe macht.

Der Blick nach innen

Ein Selbstporträt zum Beispiel. Ganz klein, bescheiden. Man erkennt sofort den blonden Lockenkopf von Luca Calaras (23), die Nase. Aber er hat sich keine Augen und keinen Mund gemalt, oder er hat sie übermalt. Da geht es offenbar nicht um den Blick nach draußen und auch nicht um Kommunikation, sondern um „Gedankenprozesse“, sagt der junge Mann. Games und Comics beeinflussen seine Malerei. Ein einsames Geschäft wie der Popsong, den Julian Westermann geschrieben und gesungen hat und der alle halbe Stunde in der Ecke zu hören ist. Der Text ist unverständlich, aber auch, so der Künstler, „was Innerliches“.

Ja, man kann nicht gerade sagen, dass die junge Malerei vor Kraft und Lebendigkeit strotzt. Etwas richtig Wildes hat lediglich Sophie Esslinger geliefert, deren schwarz-gelb-rotes Formengewitter „gute nacht (fahr zur hölle)“ als Großformat die hintere Ecke markiert. Vieles wirkt ziemlich schwermütig wie die sechs dunkelgrün vernebelten Leinwände mit diskreten blauen Linien und drei Punkten, die Mirjam Falkensteiner als „Horizont (nach Man Ray)“ auf dem Boden arrangiert.

Unbewusste Erinnerung

Ein großer, dunkler Hund wie aus Stahl ist eine unbewusste Erinnerung („Souvenir Inconscient“) für Piet Fischer (geboren 1997), auch sein graues „Auto in Landschaft“ bringt neben subtilen Schwarz-Weiß-Abstufungen eine Düsternis. Dagegen lässt der etwas ältere Johannes Herrmann (Jahrgang 1982) in einem roten Kamin ein Feuerchen leuchten, geradezu herzwärmend. Was ihn formal interessiert, ist „flächige Räumlichkeit“, die Dinge haben keine Tiefe, bleiben schwerelos. Luc Palmer wählt gleich die Abstraktion mit seinen Schlangenlinien, die geheimnisvolle Spuren sein könnten und ganz gut aussehen auf Schwarz und Zitronengelb.

Andreas Steinbrecher bedient sich munter in der Kunstgeschichte. „All Ihr Kreaturen“, zähnefletschende Raubtiere, Hirsch und Adler, umringen auf einem ovalen Bild ein pausbäckiges Engelchen. Man spürt einen melancholischen Humor wie auch bei Minju Kang, die ulkige Personengruppen in eine graue, aufgelöste Umgebung malt. Professor Scheibitz selbst, bekannt für seine klaren Strukturen zwischen Gegenstand und Abstraktion, ist mit einem bunten „Auge“ dabei, allerdings vernebelt ein weißer Fleck den Blick. Geradezu rührend wirken da zwei Vitrinen mit Gegenständen, die den jungen Leuten wichtig sind – vom rosa Kuschelhasen bis zur Analog-Kamera, vom Skizzenbuch bis zum Gameboy. Trost für die Künstlerseelen.

Was, wann und wo?

„Der Bogen im Auge“: 15 Studierende der Akademieklasse Scheibitz zeigen Malerei im KIT (Kunst im Tunnel), Mannesmannufer 1b. Bis 12. Juni, Di.-So. 11 bis 18 Uhr. www.kunst-im-tunnel.de

Kunst der Wasserfrau:

Ilna Ewers-Wunderwald

Nach 100 Jahren wiederentdeckt: die Malerin Ilna Ewers-Wunderwald.

Mit feinstem Strich: die Tierwelt von Ilna Ewers-Wunderwald.

Durch ihre Illustrationen wurden Bücher zu Kunstobjekten.

Im selbstentworfenen Reformkleid: Ilna in Freiheitspose.

Mit der Gestaltung von Speisekarten kaufte sie sich Schiffsreisen.

Ein braves Fräulein war Karoline Elisabeth Wunderwald nicht: Die Tochter eines Düsseldorfer Handwerkers träumte vom Leben à la Bohème. Sie wollte mitspielen, Künstlerisches schaffen wie ihr Bruder, der an der Akademie studieren durfte, was den Frauen im Kaiserreich verboten war. 1895 ging die 20-Jährige auf eins der wilden Feste des Vereins Malkasten und lernte den jungen Schriftsteller Hanns Heinz Ewers kennen. Sie wurden ein Paar, heirateten 1901. Ilna Ewers-Wunderwald nannte sie sich fortan. Und weil sich Ewers’ Nachlass heute im Heine-Institut befindet, kann man sich dort auf die Spuren der „Rebellin des Jugendstils“ begeben.

Eingerichtet wurde die kleine, aber faszinierende Schau von Sven Krömsel und Hauskurator Martin Willems. Krömsel, ein erfahrener Literaturwissenschaftler, ist Experte für den Ästhetizismus um 1900 im Allgemeinen und das Werk von Hanns Heinz Ewers im Besonderen. Während Ewers’ Bestseller „Alraune“, eine leicht verruchte Fantasy-Erzählung, bis heute gedruckt wird, geriet seine hochtalentierte Frau – wie so viele Künstlerinnen der klassischen Moderne – in Vergessenheit. Bis Krömsel sie wiederentdeckte.

Die Dame war nicht prüde

Der erste Blick fällt auf zwei große Fotoplakate mit Porträts einer brünetten Schönheit der Belle Époque, nachdenklich auf dem einem Bild, keck grinsend auf dem zweiten, wo sie sich an einem Strand die Strümpfe wieder anzieht, mit großem Hut und hochgerutschten Röcken. Die Spitze ihrer Unterwäsche blitzt hervor. Es gibt im Archiv auch Fotos, die sie ganz nackt zeigen, denn Ilna und ihr Hanns waren nicht prüde. Nachdem sie als lockere Stars im Berliner Kabarett „Überbrettl“ aufgetreten waren und Schlager wie „Ringelringelrosenkranz“ gesungen hatten (Tondokumente in der Schau), zogen sie 1902 für zwei Jahre nach Capri, dem damaligen Zentrum der Reformbewegung, die auch dem Nudismus frönte.

Wenn sie nicht gerade nackt in der Sonne lag oder mit dem Gatten tollkühn die Felsen emporkletterte, zeichnete und malte Ilna. Und sie entwarf lockere Gewänder, sogenannte Reformkleider, ohne Korsett und Mieder. „Ich habe mich geschüttelt, habe mir selbst bewiesen, dass in mir ein heißes Leben pulsiert“, so wird sie zitiert. Damals, auf Capri, entdeckte sie ihre Lieblingsmotive – Unterwasser-Welten: Fische, Muscheln, einen fantastischen Wassermann. Immer wieder tauchte sie ein in das Meer der Gedanken: „Es kommt dann eine Unruhe und Sehnsucht über mich, der ich selbst körperlich unterliege.“

Ein fliegender Fisch

Die schnellen Gesten der Avantgarde bleiben ihr allerdings fremd. Mit feinster Feder und dünnsten Pinseln arbeitet sie: „Ein Dutzend abstrakte Bilder könnte ich mit einem dicken Pinsel machen, ehe ich eines in meiner Linienführung fertig bringe“, stellt sie fest. Das Ergebnis ist nicht so plakativ, wie man es vom Jugendstil erwartet, sondern fein und exquisit wie japanische Tuschzeichnungen, beeinflusst aber auch vom Symbolismus mit seinen Geheimnissen. Eine Seeschlange starrt da mit leuchtenden Augen, stille Kämpfe werden ausgefochten zwischen zarten Krebsen und einem Kraken, der einen Fisch im Würgegriff hat. Die Schönheit der Geschöpfe hat etwas Fantastisches, ob es nun eine schaumige „Blaue Qualle“ ist oder ein „Fliegender Fisch“, dessen fedrige Formen den Berliner Bildhauer Kunstschmied Gösta Gablick zu einer filigranen Skulptur aus Stahl, Glas und Blattgold inspirierte.

Das Objekt hängt in der Mitte des Raums, schwebt über dem Boden, losgelöst wie die Sehnsüchte von Ilna Ewers-Wunderwald. Mit ihrem Mann unternimmt sie weite Reisen bis in die Karibik, nach Südamerika, Australien, Japan, China und Singapur. Eine Reihe von Zeichnungen erinnert an eine Indien-Reise 1910, an berauschende Erlebnisse. Das Paar hat nicht viel Geld, weiß sich aber zu helfen. Mit Ilnas fantasievollen Entwürfen für Speisekarten und positiven Kritiken erkaufen sie sich Schiffsreisen. Die Herrschaften an Bord sind begeistert von den Zeichnungen auf dem Menü.

Arbeit als Arznei für alles

Ilnas elegante Illustrationen machen auch die Bücher ihres Mannes zu Kunstobjekten. Sie passen gut zusammen. Aber Ewers ist nicht treu, sie leben oft getrennt. In einem Brief 1908 beklagt sie sich, dass er sie wie ein Wesen ohne Empfindung behandele: „Und ich empfand immer eine gewisse Empörung, wenn ich allzu deutlich auf deine persönlichen Affären stieß.“ Beruflicher Erfolg, Ausstellungen in Berlin und München sowie eine neue Liebe machen ihr Mut, einen Schlusstrich zu ziehen. Sie verlässt Ewers, zieht zu dem Komponisten Gustav Krumbiegel nach Leipzig und lässt sich 1912 scheiden.

Dem neuen Glück bleibt nicht viel Zeit. Krumbiegel fällt 1914 im Ersten Weltkrieg. Ilna Ewers-Wunderwald geht zurück in ihre Heimatstadt Düsseldorf, 1922/23 nimmt sie an Ausstellungen im Kunstpalast teil. „Die Arbeit ist meine einzige Arznei für alles“, schreibt sie. Aber ihre Euphorie ist vorbei. Sie zieht sich weitgehend ins Privatleben zurück, geht auf nostalgische Wanderungen. Als die Nazis an die Macht kommen, flieht sie vor den neuen Verhältnissen bis an den Bodensee, wo auch Kollegen wie Otto Dix und Julius Bissier ihre Ruhe suchen. Dort lebt sie mit ihrer Freundin, der Bildhauerin Ellie Unkelbach, in Allensbach, am äußersten Rand des sogenannten Reichs und arbeitet in der Stille weiter. Tier- und Pflanzenbilder von großer Zartheit und Genauigkeit trotzen den menschlichen Katastrophen. 1957 stirbt Ilna Ewers-Wunderwald.

Was, wann und wo?

„Ilna Ewers-Wunderwald. Rebellin des Jugendstils“: bis 22. Mai im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, Bilker Str. 12-14. Di.-Fr. und So. 11 bis 17 Uhr, Sa. 13 bis 17 Uhr. Eintritt: 4 Euro. Führungen und Vorträge. Tel. 0211 / 89-95571. www.duesseldorf.de/heineinstitut

Lichtblicke: Max Liebermanns Malerei

Unter dem Selbstporträt Liebermanns: Martin Faass hat die Ausstellung kuratiert.

Feier des einfachen Lebens: Liebermanns „Kartoffelernte“ von 1875.

Auf Augenhöhe: Monets „Waldweg“ (links), Liebermanns „Allee in Overveen“.

Sonnenkinder: Um 1900 malte Liebermann „Badende Knaben“ an der Nordsee.

Das nahe Paradies: Immer wieder malte Liebermann seinen Garten am Wannsee.

Schluss mit Mode, Models und Chichi! Nach Claudia Schiffers glamouröser Fashion-Show wird im Erdgeschoss des Düsseldorfer Kunstpalastes endlich wieder Malerei gezeigt. 120 Bilder des großen deutschen Impressionisten Max Liebermann (1847-1935) und einiger seiner Idole und Zeitgenossen bringen Licht ins Dunkel der pandemischen Befindlichkeit. In vollkommener Stille darf man durch die elegant gestrichenen Säle wandeln und neu das Sehen lernen. Eine Wohltat!

Keine Angst vor kühnen Kombinationen hat Palastdirektor Felix Krämer. Das gemischte Konzept ist so etwas wie seine Erfolgsmethode, langweilig wird’s nie am Ehrenhof. Während oben im Haus bis Mai noch die Beats der „Electro“-Schau wummern und sogar das Club-Publikum ins Museum locken, werden sich konservative Besucher über die ruhige Präsentation von Liebermanns Lebenswerk freuen. Eine kleine besondere Idee gibt es auch in der Ausstellung, die zunächst im Hessischen Landesmuseum von dem Liebermann-Experten Martin Faass gezeigt wurde: Schon im nationalistisch bewegten Kaiserreich verstand sich der gefeierte Maler als „ein europäischer Künstler“, der die Grenzenlosigkeit der Kunst betonte.

Beschaulichkeit statt Drama

Der junge Professor Theodor Hagen an der Weimarer Kunstschule bestärkte den Berliner Industriellensohn Liebermann in seiner offenen Weltsicht. Er nahm ihn 1871 mit nach Düsseldorf, wo er ihn dem für seinen Realismus gerühmten ungarischen Kollegen Mihály Munkácsy vorstellte. Der Mann malte kitschfreie Szenen wie den „Letzten Tag eines Verurteilten“, der am Anfang der Ausstellung zu sehen ist. Liebermann ließ sich von der Wahrhaftigkeit inspirieren, das Drama interessierte ihn nicht. Er malte lieber ganz unaufgeregt arbeitende Menschen auf dem Land, Familien bei der „Kartoffelernte“, Meisjes mit Häubchen in der „Nähschule“, fleißige „Konservenmacherinnen“ beim Gemüseputzen, Männer mit Holzpantinen, die Pause in der „Lotsenstube“ machen.

Die Motive fand er meistens in den Niederlanden, seiner „Malheimat“, in die er immer wieder zurückkehren sollte, um das spärliche Licht unter grauem Himmel und in dunklen Räumen aufzuspüren – ganz, wie die alten Meister es getan hatten: „Es ist kein Zufall, dass Rembrandt ein Holländer war“, bemerkte er viel später. 1873 aber zog es den 26-Jährigen erst mal nach Paris, und dabei war es ihm ganz egal, dass Deutschland erst kürzlich Krieg gegen den „Erzfeind“ Frankreich geführt hatte. Denn dort spielte die moderne Kunst. Und „Millet, den verehre ich am meisten“.

„Jugendlich aufstrebendes Leben“

In Barbizon, der Künstlerkolonie südlich der Metropole, suchte Liebermann das Flair des älteren Idols Jean-Francois Millet, der „Reisigträgerinnen“ statt feiner Herrschaften gewürdigt und einen armseligen Holzpflug in der rauen Ackerfurche verewigt hatte. In diesem Geist malt Liebermann 1874 einen schlichten „Bauernhof in Barbizon“ mit ein paar Gänsen auf dunkler Erde. Und obwohl die französischen Kollegen keine Freundschaft mit einem Deutschen suchen, darf Liebermann doch im Pariser „Salon“ ausstellen und bekommt eine „ehrenvolle Erwähnung“. Zur Weltausstellung 1889 organisiert er eine deutsche Kunst-Beteiligung und avanciert sogar zum Ritter der französischen Ehrenlegion. Und um die steif akademische Kunst in seiner Heimatstadt Berlin aufzuschrecken, gründet er in den frühen 1890er-Jahren die progressive „Berliner Secession“, ein Zeichen, wie er selbst sagte, „jugendlich aufstrebenden Lebens“.

Etwa gleichzeitig wird es hell in seinem Werk, so überwältigend ist der Einfluss des französischen Impressionismus. Auch in der Ausstellung sieht man die Entwicklung deutlich. Obwohl Liebermann ein genauer Porträtist war, wie man schon an den Selbstbildnissen als arrivierter Kunst-Gentleman sehen kann, spielen die Gesichter in der bäuerlichen Menge beim „Schweinemarkt in Haarlem“ (1894) keine Rolle mehr. Es ging jetzt um Figuren im Licht, das die Farben der Natur wundersam verändert.

Der Geist des freien Frankreich

Und siehe da: Das „Gartenrestaurant an der Havel“ mit den hingetupften Gästen unter flirrenden Bäumen könnte, rein malerisch betrachtet, auch an der Seine liegen. Auf Augenhöhe präsentiert die Ausstellung einen „Waldweg“ des französischen Superstars Claude Monet (von 1865) und eine holländische „Allee in Overveen“, die Liebermann 1895 mit etwas größerer Geste gemalt hat – und die sich im Vergleich bewährt. Das Publikum war schon damals hingerissen, und die Kundschaft zahlte gut für Bilder von Liebermann, der 1897 zum Professor der Berliner Akademie der Künste ernannt wird, deren Präsident er 1920 wird.

Berühmt sind Liebermanns sonnendurchflutete Bilder vom Nordseestrand, wo er um 1900 nackt badende Fischerjungs malt und in den Jahren darauf mit freiem Pinselstrich weiß gekleidete Damen, ruhende Herrn und spielende Kinder zwischen Strandkörben skizziert. Der verfluchte Erste Weltkrieg beendet die unbefangenen Kunstreisen. Liebermann zieht sich mit Frau und Tochter in sein Sommerhaus am Wannsee zurück und entdeckt den Reiz des Nahen. Wie Monet malt er wieder und wieder seinen Garten, die Beete, die Stauden, die Blüten im wechselnden Licht, die Wiese, das Wasser. Ein privates Paradies. Damit endet diese schöne Ausstellung.

Kein glückliches Ende

Das bittere, zutiefst beschämende Ende der Geschichte wird im Kunstpalast nur kurz erwähnt. Doch es muss in aller Deutlichkeit erzählt werden. Max Liebermann, Ehrenbürger Berlins, ist als Jude 1933 schlagartig eine geächtete, verfolgte Person. Voller Zorn legt er die Präsidentschaft der Akademie nieder, malt letzte Bilder, in denen er weiter das Licht feiert. Er stirbt 1935 mit 87 Jahren, rechtzeitig genug, wie seine Witwe Martha später sagt, um die ganze Katastrophe nicht mehr zu erleben.

Sie selbst wird gezwungen, die geliebte Wannsee-Villa an die Deutsche Reichspost zu verkaufen, muss Bilder zum Spottpreis abgeben, verpasst die Chance zur Emigration und nimmt sich im März 1943 mit Schlaftabletten das Leben, um der angekündigten Deportation nach Theresienstadt zu entgehen. So hell die Kunst auch sein mag, die dunkle Wahrheit darf niemals verdrängt werden.

Was, wann und wo?

„Ich. Max Liebermann. Ein europäischer Künstler“: bis 8. Mai im Kunstpalast am Ehrenhof 4-5, Düsseldorf. Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr, an Feiertagen bis 19 Uhr. Eintritt: 14 Euro. Audioguide: 3 Euro. Katalog: 29,80 Euro. Für Kinder können Hörspielfiguren auf Tonieboxen ausgeliehen werden. www.kunstpalast.de

Ausgelöscht: Richters

Birkenau-Zyklus im K21

Ein "Grauer Spiegel" reflektiert das Publikum und die vier Bilder des Birkenau-Zyklus.

Gerhard Richters Ehefrau Sabine Moritz (rechts) mit Direktorin Susanne Gaensheimer im K21.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, NRW-Ministerin für Kultur, vor Gerhard Richters „Birkenau-Zyklus“.

Gerhard Richter will nicht mehr malen. Aber er zeichnet. Neue Arbeiten aus diesem Jahr.

Durch Übermalung verwandelte Gerhard Richter Schnappschüsse in kleine Meisterwerke.

Wenn ein weltberühmter Künstler spontan eine Ausstellung anbietet, kann plötzlich alles ganz schnell gehen in einem Kulturinstitut, das gewöhnlich Jahre im Voraus plant und grübelt. Der allseits verehrte Gerhard Richter, dessen 90. Geburtstag (am 9. Februar) naht, wollte seinen „Birkenau“-Zyklus noch einmal im Rheinland zeigen, ehe die vier großen Bilder nach Japan wandern und letztendlich in der Berliner Nationalgalerie verbleiben. Im Düsseldorfer K21, dem Haus für die Gegenwartskunst, werden die abstrakten, aber bedeutungsschweren Gemälde nun bis zum Frühling gezeigt – dezent ergänzt mit neuen Zeichnungen und kleinen Fotoübermalungen.

Die große Richter-Schau zum 90. Geburtstag ist das nicht, soll es nicht sein. Jubel gibt es genug in aller Welt und auf dem Kunstmarkt. Seit 18 Jahren hält Gerhard den ersten Platz in der internationalen Starparade, dem Kunstkompass der Wirtschaftszeitschrift Capital. Der gebürtige Dresdner, der bereits ein aufstrebender Maler in der DDR war, ehe er 1961 in den Westen floh und sich an der Düsseldorfer Akademie neu erfand, wollte jetzt eine kleine, konzentrierte Präsentation seiner Birkenau-Bilder. Er hat das Konzept selbst entwickelt, unterstützt von seiner dritten Ehefrau Sabine Moritz (52), die übrigens die letzte Studentin gewesen sein soll, die er vor der Pensionierung als Akademie-Professor 1993 angenommen hatte.

Das Kenntliche verschwindet

Zum Leidwesen hiesiger Kunstlokalpatrioten lebt Richter seit 1983 in Köln. Aber die Verbindung zu der anderen Rhein-Metropole ist geblieben. Er freue sich sehr, wieder einmal in Düsseldorf auszustellen, lässt der alte Eigenbrötler die viel jüngere Gattin ausrichten, denn die 22 Jahre, die er hier verbrachte, seien sehr wichtig für ihn, „eine Zeit, in der sich alles entwickelt hat“. Und auch, wenn er heute aus gesundheitlichen Gründen die öffentlichen Auftritte scheut, lebt er immer noch ein bisschen in der Szene, die für ihn so fruchtbar war. Hier entwickelte er in den 1960er-Jahren die Idee, Fotografien auf Leinwände zu übertragen – in einer unscharfen, geheimnisvollen, sehr malerischen Weise. Hier ließ er das Kenntliche auch wieder verschwinden, komponierte nüchterne Farbtafeln.

Später ärgerte Richter die Fans seiner figurativen Bilder, indem er Motive unter bleiernem Grau verschwinden ließ und schließlich monumentale Abstraktionen schuf. Er, der so fein malen kann, benutzte eine Rakel, eine Art Schaber, um wilde Farben ungleichmäßig auf die Leinwand zu schichten. So etwas geschah auch mit den vier Bildern, die als „Birkenau-Zyklus“ bereits ihren Platz in der Kunstgeschichte eingenommen haben. Man sieht Schwarz, Weiß, Rot, Violett und Grün in schrappig-expressiver Struktur. Sonst sieht man nichts. Dieses Werk bezieht seinen Inhalt allein aus der Erklärung. Es geht um das Konzentrationslager Birkenau.

Das „unmalbare“ Grauen

Der junge Richter, der seine Kindheit in der Nazi-Zeit erlebt hatte, war schon früh umgetrieben von der Ungeheuerlichkeit des Holocaust. Er sammelte Fotos und Dokumente, um sich künstlerisch damit auseinanderzusetzen, wie er es mit Bildern aus der eigenen Familiengeschichte gemacht hatte. Doch er verwarf die Ergebnisse. „Unmalbar“ erschien ihm der Schrecken. Ab 2013, inspiriert durch den französischen Philosophen Georges Didi-Huberman und dessen Buch „Bilder trotz allem“, versuchte er es erneut und übertrug vier Fotografien auf die Leinwand, die 1944 heimlich von einem jüdischen Häftling im Vernichtungslager Birkenau aufgenommen worden waren. Man sieht darauf aus der Entfernung, wie nackte Frauen in die Gaskammer getrieben werden und wie die Leichen von Opfern verbrannt werden, draußen, vor der Silhouette des Birkenwalds.

Niemand weiß, wie die Bilder waren, die Richter zumindest schon auf die Flächen skizziert hatte. Denn er ließ sie radikal verschwinden, begrub sie 2014 unter brüchigen Farbschichten. „Ich wusste, dass ich mit figurativen Bildern scheitern würde“, so wird er von Susanne Gaensheimer, der Chefin der Kunstsammlung NRW zitiert, und er wäre am Ende „erleichtert“ gewesen. Doch man soll wissen, dass sie unter der Abstraktion liegt, die unmalbare Wahrheit. Abzüge der vier historischen Fotografien geben an der Querwand unmissverständlich Auskunft. Und ein vierteiliger „Grauer Spiegel“ gegenüber den Gemälden reflektiert die Besucher ungenau, wie umherirrende Gespenster.

Kurz vor der Auflösung

Niemand kann sich diesem „Reflexionsraum“ (Gaensheimer) und seiner tiefen Traurigkeit entziehen. Er wirkt wie das letzte Wort des Künstlers, der im letzten Jahr beschloss, seine Arbeit als Maler zu beenden. Aber Bleistift, Ölkreide und Tuschfeder hat er doch in die Hand genommen und in letzter Zeit eine Reihe hauchfeiner Zeichnungen geschaffen, so ganz anders als die kraftvollen Großbilder. Man sieht schwankende und gerade Linien, leichte Farbspuren und schwarzes Gewölk aus dem Reich der Schatten. Auf manchen Blättern meint man Saiten zu erkennen, zwischen denen nebulöse Figuren schweben. Kurz vor der Auflösung.

Die kleinen Foto-Übermalungen im ersten Raum stabilisieren das Gemüt. Richter hat ganze Reihen von Schnappschüssen, wie er sie auch in seinem Sammel-„Atlas“ benutzt, mit dünnem Pinsel und Mini-Rakel verändert. Ein kahler Busch am Mäuerchen wird da von Farbwinden verweht, ein Winterbaum am Wasser bekommt abstraktes Laub, wie Vögel ziehen Farbspritzer durch einen blauen Himmel. Die Kunst kann auch ein Trost sein.

Was im K21 zu sehen ist

„Gerhard Richter. Birkenau-Zyklus, Zeichnungen, Übermalte Fotos“: bis 24. April 2022 in der Bel Étage der Kunstsammlung NRW Düsseldorf, K21, Ständehausstr. 1. Im Untergeschoss ist nach einer Verlängerung noch bis zum 6. Februar die Ausstellung „Marcel Odenbach. So oder so“ zu sehen. Der 1953 geborene Künstler aus Köln ist Professor für Medienkunst an der Düsseldorfer Akademie. Er schafft jedoch nicht nur atmosphärisch dichte Video-Installationen, sondern überrascht mit monumentalen Zeichnungen und Collagen auf Papier. Ein Besuch lohnt sich. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Besuch nur mit Maske und 2G-Nachweis. www.kunstsammlung.de

Innerlich tanzen:

Techno im Kunstpalast

Club-Feeling im Kunstpalast: Ein Smiley am Eingang hebt die Laune.

Im schummrigen Licht geht’s um versunkenen Lifestyle.

Tanzen ohne Angst vor Nähe: New Yorker Clubs der 1970er-Jahre.

Eine Disco-Kugel in Schädelform weist den Weg in „Imaginäre Welten“.

Klangmaschine der besonderen Art: Karlheinz Stockhausens "Rotationstisch".

Clubs und Discos müssen wieder schließen. Aus der Traum von nächtlichen Partys. Zu hohe Infektionsgefahr. Doch es gibt noch einen Ort in Düsseldorf, an dem die Beats lustig weiterhämmern. Und das ist: der Kunstpalast, der sich in diesen Corona-Zeiten unversehens in ein Museum des versunkenen Lifestyles verwandelt hat. Unten stöckeln die Supermodels in Claudia Schiffers Show „Captivate“ über den Laufsteg der Erinnerung, oben wird in einer deutsch-französischen Co-Produktion das Leben auf dem Dancefloor gefeiert: „Electro. Von Kraftwerk bis Techno“.

Wer hier Ruhe und Malerei sucht, hat gerade Pech gehabt. Sicher ist es pandemischen Planverschiebungen geschuldet, dass im Kunstpalast, dessen Sammlungsteil wegen Umbaus geschlossen ist, in diesem Winter überhaupt keine Kunst im herkömmlichen Sinn zu sehen ist. Immerhin gibt es, findet Generaldirektor Felix Krämer, durch den integrierten Schumann-Saal im Haus so etwas wie eine natürliche Verbindung zur Musik. Auf jeden Fall hat Krämer keine Angst, bildungsbürgerliche Erwartungen zu durchbrechen und ein weiteres Experiment zu wagen, nämlich, so sagt er vergnügt, „eine der lautesten Ausstellungen, die Sie je besucht haben“.

Wir sind die Roboter

Die Idee, den Spirit der elektronischen Musik und ihrer Clubs zu würdigen, hatte Kurator Jean-Yves Leloup im Pariser Musée de la Musique, von wo aus die Schau zunächst nach Venedig und London wanderte, ehe sie hier von Alain Bieber um rheinische Besonderheiten ergänzt wurde. Schließlich stammt die vielleicht legendärste Electro-Formation der Welt, „Kraftwerk“, aus Düsseldorf. In ihrem berühmten Kling Klang Studio starteten Ralf Hütter und Florian Schneider 1970 das Multimedia-Projekt, in dem vier Musiker („Wir sind die Roboter“) nur Teil eines Gesamtkunstwerks waren.

Zu vorwärtstreibenden Rhythmen und mechanisch klingendem Gesang gab es in Kraftwerk-Shows und Videos immer auch eine computeranimierte Lightshow, die nicht nur auf Kiffer hypnotisch wirkte. Hinter einem Vorhang unter phosphoreszierenden Kraftwerk-Puppen finden Fans eine Extra-Show mit 3-D-Animationen und den „Best of“ der acht Konzeptalben der Gruppe. Bis zum 18. Dezember wird es zudem allabendlich draußen im Ehrenhof an der Tonhalle eine Laser-Sound-Inszenierung von Klaus Gendrung zum „Trans Europa Express“ von Kraftwerk geben. „Das bringt Schwung in die Kiste“, verspricht Bieber.

Hingabe auf dem Dance-Floor

Das gilt für das ganze Erlebnis. Dösen geht gar nicht, denn der stampfende Soundtrack, den der erfahrene französische DJ Laurent Garnier (55) für die Ausstellung komponierte, dröhnt ununterbrochen. Da hilft nur eins: sich darauf einlassen. Schon wippt das Knie. Ein Riesen-Smiley am Eingang hebt die Laune, im lila Licht stellt sich Club-Feeling ein. „Can a sound without words say anything?“, kann ein Sound ohne Worte irgendetwas ausdrücken, fragt ein Kapuzenfinsterling auf einer Cover-Zeichnung von Underground Resistance, und man denkt sich: Yeah! Mehr als 120 Beats pro Minute drücken Entschlossenheit aus, Freiheit, Bewegung, Jugend. Das spürt auch, wer in der Jugend lieber Dylan-Songs zur Klampfe sang und sich nicht so recht auskennt mit Detroit Techno, Chicago House und der Geschichte des Hip-Hop zwischen New-York und Berlin.

Auf dem Dance-Floor gelten nicht die Regeln des altvorderen Tanzparketts. Hier werden keine auswendig gelernten Schritte gezählt, hier wird den Instinkten gefolgt. Es geht um Rhythmus, Hingabe, Entfesselung. Nicht alle haben dabei die Paarbildung im Sinn, manche sind ganz auf das eigene Körpergefühl konzentriert. Das sieht man auf zahlreichen Fotografien, die in den schummrig beleuchteten Kojen der discohaft aufgebauten Ausstellung von unbefangenen Massenbewegungen erzählen.

Keine Angst vor der Nähe

Das waren noch Zeiten, als Masken nur für den schrillen Auftritt von Rave-Künstlern gedacht waren! Rave kommt aus dem Englischen und bedeutet „rasen, schwärmen“. Selbst disziplinierteste Menschen brauchen hin und wieder ein bisschen Rave. Auch Fotokünstler Andreas Gursky, berühmtester Spross der Düsseldorfer Becher-Klasse, ist fasziniert von der Techno-Szene. Er zeigt in der Ausstellung unter anderem Aufnahmen der Serie „May Day“, die zwischen 1997 und 2006 bei Rave-Events in den Dortmunder Westfalenhallen entstanden sind. Es wimmelt nur so von Menschen – ein glückliches Ameisenvolk. Ohne Angst vor Nähe.

Wenn der Beat nicht wäre, könnte man traurig werden. So geht man wippend weiter und guckt sich noch die Sammlung historischer Sound-Maschinen an, die zum Beispiel aus dem WDR-Studio für elektronische Musik stammen und eher Experten begeistern mit ihren rätselhaften Kabeln und Knöpfen. Karlheinz Stockhausen, kein Disco-Held, sondern Komponist von experimenteller Neuer Musik, entwickelte dort schon 1959 einen Rotationstisch mit beweglichem Lautsprecher zum Einfangen von Klangbewegungen, was auch immer das sein mag. Übertragen wurden Stockhausens Schöpfungen übrigens auf ein Tonbandgerät. Auch so ein Ding der Vergangenheit.

Was, wann und wo?

Die im Pariser Musée de la Musique entwickelte und in Düsseldorf erweiterte Ausstellung „Electro. Von Kraftwerk bis Techno“ ist bis 15. Mai im Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, zu sehen und zu hören. Über 500 Exponate – Maschinen, Instrumente, Fotografien, Videos, Design – sollen die Geschichte und den Geist der elektronischen Musik lebendig machen. Di. bis So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Eintritt inkl. „Captivate“: 14 Euro. Als audiovisuelles Intro präsentieren der Medienkünstler Klaus Gendrung und Kraftwerk bis zum 18. Dezember täglich von 17 bis 21.30 Uhr die Laser-Sound-Inszenierung „Trans Europa Express“ an der Tonhalle, erlebbar vom Ehrenhof aus. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, digitale Führungen und wirkliche Stadtrundgänge zum Thema „Art and Music“. Für das nächste Jahr sind „Elektro-Talks“ und ein Workshop für Jugendliche geplant. Alle Informationen auf der Website des Museums: www.kunstpalast.de

100 Jahre Beuys: Der

berühmte Unbekannte

Erinnerung: Der Journalist Joachim Umbach interviewt Beuys im Mai 1981.

Wie ein Geist erscheint Beuys im Dokumentarfilm "Celtic+" 1971.

Kleidung als Skulptur: Kuratorin Vanessa Sondermann am "Filzanzug".

Kreuzbronzen des Mataré-Schülers Beuys um 1950 in der Akademie-Galerie.

Eigenes Beuys-Buch: Birgit Kölgen und der "Bienenfleiß" (Galerie Wilmsen).

Könnte sein, dass manche schon die Augen verdrehen, wenn sie den Namen Beuys schon wieder hören oder lesen. Zur Feier seines 100. Geburtstages wurde dem vielleicht umstrittensten Meister der Nachkriegs-Avantgarde in diesem Jahr schon bis zum Überdruss gehuldigt. Allein in Nordrhein-Westfalen, dem Stammland des Meisters, widmen sich 20 Museen und andere Kulturinstitutionen dem Denken und Schaffen des Joseph Beuys – obgleich die Ausstellungen der Corona-Krise wegen bisher kaum gesehen werden. Und sogar der Heimatverein der Düsseldorfer Jonges, sonst eher ein brünnleinstiftender Männerclub mit konservativem Kunstgeschmack, stiftete eine Gedenktafel für die Fassade des Oberkasseler Hauses Drakeplatz 4, wo Beuys lebte, arbeitete und weltberühmt wurde.

So viel Gemeinschaftsgefühl – dabei war Joseph Beuys gar kein Düsseldorfer Jong, sondern einer vom Niederrhein. Geboren in Krefeld am 12. Mai 1921 als einziges Kind eines Mehl- und Futtermittelhändlers, wuchs „dat Jüppken“ in ländlicher Umgebung bei Kleve auf. Ein verschrobenes Bürschchen, das die Oberschule lustlos absolvierte und lieber mit dem Hirtenstab durch die Natur streifte, um Pflanzen, Insekten und anderes Getier zu sammeln. Für die Beute, tot oder lebendig, baute er zuhause Zelte und Labyrinthe, was man schon fast als Aktionskunst bezeichnen könnte. Aber es war eine andere Zeit, und der Knabe Beuys fühlte sich schwärmerisch zur Blut- und Bodenideologie der herrschenden Nazis hingezogen.

Die Sache mit der Flamme

Da gibt es nichts zu beschönigen. Wie so viele seiner Zeitgenossen war der junge Beuys ein begeisterter Hitlerjunge. 1936 marschierte er mit dem Klever HJ-„Bann“ zum Nürnberger Reichsparteitag. Auch als er, wie er später erzählte, mit 17 einen Lehmbruck-Katalog fand und darin sein Erweckungserlebnis als Künstler sah, ging das nicht ohne sonderbares Pathos ab. Die Abbildung einer Skulptur hätte zu ihm gesprochen: „Ich hörte: Schütze die Flamme!“ Die Flamme der Kunst und der Erkenntnis? Doch erst einmal loderte das Feuer des Krieges, in den der 20-Jährige 1941 freiwillig zog. Bei der Luftwaffe wurde er zum Bordschützen und Funker ausgebildet.

Der Absturz seines Kampfflugzeugs am 16. März 1944 über der Krim gehört zur allgemein bekannten Erzählung seines Lebens. Der Pilot war sofort tot, Beuys behauptete später, er wäre von nomadisierenden Tataren gefunden und eine magische Zeit lang im Zelt gepflegt, mit Fett gesalbt, mit Filz gewärmt worden. Das heiligte seine späteren Materialien. Doch es kann nicht ganz wahr sein. Denn der Verwundete wurde, wie Forscher herausfanden, schon am nächsten Tag ins Lazarett eingeliefert.

Von der Krise ins Glück

Wie dem auch sei – der Krieg mit seiner Schuld und seinem Schrecken hinterließ tiefe Spuren im Empfinden des treuen Soldaten Beuys. Es schien alles gut zu werden, als er 1946 an der Düsseldorfer Kunstakademie aufgenommen wurde und in der Klasse des Bildhauers Ewald Mataré zum fleißigen Meisterschüler avancierte. Eine wegen Corona bisher ungesehene Ausstellung in der Akademie-Galerie zeigt, wie tief verbunden er mit dem Professor war, dessen Liebe zur stilisierten Tierfigur er teilte und an dessen kirchlichen Aufträgen er leidenschaftlich mitarbeitete. Es entstanden berückende Zeichnungen und fromme Skulpturen. Doch nach Abschluss des Studiums rutschte Beuys in eine tiefe Krise und Depression, wovon er sich erst als Gast der Bauern-, Lehrer- und Sammlerfamilie van der Grinten erholte.

Ende der 1950er-Jahre stabilisierte sich das Leben des Joseph Beuys. Er fand die Frau seines Lebens, Eva, heiratete und zog mit ihr 1961 in eine Atelierwohnung in Düsseldorf-Oberkassel, Drakeplatz. „Beuys mit seinem Lederkoffer, ich mit einem kleinen Korb meiner Großmutter“, berichtet Eva Beuys später. Der Drakeplatz, blieb sein Fuchsbau, hier entwickelte er Theorien, empfing Besucher, ließ seine Kinder Wenzel (1961) und Jessyka (1964) zwischen Fettecken spielen. Kunst und Leben, das war für ihn kein Unterschied.

Der Professor als Provokateur

Der Zeitgeist wurde wilder, und als Joseph Beuys 1961 selbst einen Lehrstuhl für Bildhauerei an seiner alten Akademie bekam, war abzusehen, dass dieser Mann kein ordnungsgemäßer Professor sein würde. Beim „Festum Fluxorum Fluxus“ 1963 in der Aula wurde der Wahnsinn mit Methode und „Antimusik“ gefeiert, zur Eröffnung der Galerie von Alfred Schmela 1965 zeigte ein goldglänzender Beuys dem staunenden Publikum, „Wie man dem toten Hasen die Kunst erklärt“. Ab 1966 wurden in öffentlichen „Ringgesprächen“ in einer anschwellenden Jüngerschar krause Theorien diskutiert. Und da Beuys die Ansicht vertrat, dass jeder ernsthaft Schaffende ein Künstler wäre, schwoll seine Klasse gegen jede Regel auf Hunderte von Studenten an.

Eine Provokation – die im Oktober 1972 in der fristlosen Entlassung des Joseph Beuys aus dem Lehramt endete. Bis 1980 dauerte der Rechtsstreit, danach durfte Beuys sein verwaistes Atelier „Raum 3“ bis zum Pensionsalter wieder benutzen. Doch da war er längst ein Weltstar der Kunst, spätestens, seit der bärenhafte Schüler und Gefährte Anatol 1973 ihn in einem selbstgeschnitzten Einbaum von Oberkassel quer über den Rhein gepaddelt hatte. „Die Heimholung des Joseph Beuys“ war ein Medienereignis.

Auch Politik kann eine Kunst sein

Fortan kannte und erkannte jedes Kind in Düsseldorf den hageren Kunsthäuptling Beuys bei seinen Auftritten mit Filzhut und Anglerweste. Gewiss, es wurde viel gespottet – zum Beispiel über die mit Pflastern und Fett verklebte Objekt-Wanne, die 1973 bei einer Feier des SPD-Ortsvereins im Schloss Morsbroich blankgeputzt und zum Gläserspülen benutzt worden war. Doch niemand ignorierte Beuys, es wurde diskutiert und gestritten, was ihm ganz recht war. Vom zurückgezogenen Künstlerleben hielt er nichts. Er wollte inspirieren und motivieren. Seine berühmte „Honigpumpe“, die er auf der Documenta in Kassel 1977 installieren ließ, diente ihm als Bühnenbild für 100 Tage Diskussion einer „Free University“, seiner Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung“.

Alles war Kunst für ihn – auch die Politik: 1979 gehörte Beuys zu den EU-Kandidaten der Grünen, ein Kumpel von Petra Kelly. Anfang 1980 war er beim Gründungsparteitag dabei und erst, als er beim Bundestagswahlkampf 1983 keinen der vorderen Listenplätze bekam, zog er sich gekränkt zurück. Beuys war ein Anführer, kein Teamplayer. Unterstützt von einer Schar meist männlicher Adoranten arbeitete er wie besessen an Installationen und Konzepten. 1979 traf er in der Galerie von Hans Mayer auf US-Star Andy Warhol, der ihn poppig porträtierte. Die Schickeria war entflammt. Der Wert Beuys’scher Werke wuchs in sechsstellige Bereiche, damals ungeheuerlich. Das Guggenheim-Museum in New York ehrte den Denker vom Rhein 1980 mit einer Einzelausstellung.

Als er 1982 auf der Documenta die langjährige Aktion „7000 Eichen“ mit alten Basaltsteinen und jungen Bäumen startete, beeindruckte Joseph Beuys auch seine beharrlichsten Kritiker. Sein Ruhm wuchs, seine Gesundheit litt. Lunge und Herz machten nicht mehr mit. Kurz nach Verleihung des Lehmbruck-Preises starb der Jong vom Niederrhein am 23. Januar 1986 in seinem Düsseldorfer Atelier.

Und noch ein Buchtipp in eigener Sache:

Aloys Wilmsen (Herausgeber): „Bienenfleiß - Joseph Beuys und die Honigpumpe aus dem Allgäu auf der Documenta 6, 1977“, mit Texten von Birgit Kölgen, Peter Schata, Raimer Jochims und Aloys Wilmsen. Verlag Galerie Wilmsen, Rheineck (Schweiz). 191 Seiten, gebunden, 27,00 Euro. Erhältlich u. a. über die Buchhandlung Walther König.