Polke-Gedenken: Neue Kunst mit altem Schelm

Kunst mit Humor: Sigmar Polkes Großformat „Primavera“ (2003).

Neues wagen: Künstlertochter Anna Polke mit Kunsthallendirektor Gregor Jansen.

Alles handgemalt – auch Polkes verpixelte „Menschenmenge“ von 1969.

Mit gelber Leuchtfarbe malte Polke 1984 die „Amerikanisch-Mexikanische Grenze“.

Mit Feuer auf Fotopapieren hat der Schweizer Raphael Hefti gearbeitet.

Wenn ein Star der Malerei 80 Jahre alt wird, und erst recht, wenn er schon in den Ewigen Kunstgründen weilt wie Sigmar Polke (1941-2010), kommt die Stunde der Erzähler. Anekdoten werden ausgetauscht aus den wilden Sixties, als der junge Polke mit seinem Akademie-Kumpel Gerhard Richter in der Badewanne saß und neuen Schabernack wie den Kapitalistischen Realismus ersann. Es gibt zahlreiche Schnappschüsse und nostalgische Gefühle. Aber nicht in der Ausstellung „Produktive Bildstörung“, die Polkes Tochter Anna jetzt in der Kunsthalle Düsseldorf initiiert hat – mit wissenschaftlicher Ausrichtung und einem Fokus auf aktuelle Positionen.

Okay, das hätte man amüsanter machen können, zumal Polke selbst, ein netter, verschmitzter Mann, mehr als mancher seiner Verehrer zum Scherz aufgelegt war. Nicht ohne Grund nannte ihn die Zeitschrift Monopol einen „wunderbar albernen Andachtsschreck“. Man durfte ruhig lachen über den berühmten Bild-Gag von 1969, als er auf eine weiße Fläche schrieb: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ und das dann auch tat. Der höhere Kunstmarkt hat derweil dafür gesorgt, dass Polke-Bilder zu zweistelligen Millionenpreisen gehandelt werden, und da hört der Spaß auf.

Das Feuer entfachen

Tochter Anna Polke (57), eine ernsthafte Theaterschauspielerin, die ihrem Papa übrigens sehr ähnlich sieht, will die Geschäfte nicht weiter anheizen. Sie hat 2018 in Köln eine gemeinnützige Stiftung gegründet, die das Werk des Vaters seriös erforschen und mit neuer Kunst verknüpfen soll. Denn, so variiert sie ein Zitat, das schon Thomas Morus, Benjamin Franklin und Papst Johannes zugeschrieben wurde: „Man soll das Feuer entfachen, nicht die Asche bewachen.“ Und so würdigen Schau und Katalog acht jüngere Künstler*innen nahezu gleichberechtigt neben Meister Polke, der auf einem einzigen seltsamen Foto im Unterhemd durch einen Halbedelstein linst und kaum zu erkennen ist.

Das hätte ihm wahrscheinlich gefallen, Polke amüsierte sich ganz gern aus dem Hintergrund. An der Rampe stehen die Kunsthistorikerinnen Kathrin Barutzki und Nelly Gawellek, beide von der Stiftung als Kuratorinnen engagiert. Eine „gemeinsame Haltung gegenüber dem Bild“ haben die Damen bei Polke und seinen aktiven Kollegen aus der Gegenwart entdeckt. Das heißt, schon Polke bediente sich, ganz wie viele jüngere Leute, in der Welt der Medien. Seine rätselhaft-skurrilen Bilder zeigen fast immer Motive, die er in Zeitungen oder Büchern gefunden hatte. Alles nur geklaut – verändert und in ein Eigenes verwandelt.

Klarheit aus der Distanz

„Sieht man ja, was es ist“: Das ist so ein Polke-Spruch, der immerhin als Überschrift am oberen Saal steht. Natürlich ironisch gemeint. Denn er war einer, der die Bilder aus der Realität bis zur Unkenntlichkeit verfremdet hat. Erst aus der Entfernung erkennt man, dass sich das 1969 handgemalte schwarz-graue Raster, ein Gewimmel von Punkten, zu einer „Menschenmenge“ zusammensetzt. Die Pixel eines gedruckten Fotos wirken in der malerischen Vergrößerung wie eine Abstraktion. Gleich daneben, gewissermaßen in Augenhöhe, hängt eine Reihe von Siebdrucken digitaler Collagen der französischen Künstlerin Camille Henrot (43).

Auch sie hat sich bedient, bei Fotografien und in der Malerei, nur die Technik ist anders. Digital halt. Ob die Skizze eines langnasigen Männleins unter dem Bild einer Nacktkatze ursprünglich von der Künstlerin selbst gezeichnet wurde, kann man nicht sehen. Keiner hantiert mehr mit giftigen Farben wie Polke. Die neuen Techniken sind glatter, perfekter. Das denkt man sogar angesichts der schwebenden Malerei aus edelmatten Wandfarben in Premium-Qualität, die Max Schulze als „Wunsch zu verschwinden“ betitelt.

Das Rätsel des Bildes

Den Wunsch, ein anderes Leben zu führen, haben die Flüchtlinge an der „Amerikanisch-Mexikanischen Grenze“, die Polke 1984 auf einem großen Bild in Schatten auf leuchtendem Neongelb verwandelte. Man ahnt nur, was man sieht – das muss genügen. Polke war zu individualistisch, um ein eindeutig politisch agierender Künstler zu sein. Das Geheimnis des Bildes war ihm wichtiger als die Aufklärung. Er spielte mit seinen Vorlagen.

So malträtierte er die Negative von Fotografien der „Desastres de la guerra“ so lange mit Kaffee, Schnaps und Spülmittel, bis daraus in der Dunkelkammer die nahezu abstrakte Edition „Destastres und andere bare Wunder“ wurde. Den wabernden „Teufel von Berlin“ beschwor Polke 1987, indem er eine Zeichnung immer wieder mit Schwung durch den Fotokopierer zog. Eine witzige, subtile Angelegenheit.

Nackter Mann im Frühling

Bombastisch prangen dagegen gegenüber an der Wand im zweistöckigen Kinosaal die raumhohen, glänzenden Fotogramme des Schweizers Raphael Hefti. Die flammenden Strukturen entstanden durch das Verbrennen von Moos-Sporen auf Fotopapier. Das sieht toll aus, aber man guckt trotzdem lieber auf ein Großformat vom Original-Polke, der 2003 Dekostoff und transparentes Polyestergewebe über einen sichtbaren Keilrahmen spannte und darauf das Foto eines nackten Mannes hinter einem Pferdepflug malte: „Primavera“ ist ein Prachtwerk der künstlerischen Ironie.

Bevor Polke an der Akademie zum freien Künstler wurde, hatte der gebürtige Schlesier, der nach dem Krieg mit der Familie nach Düsseldorf zog, eine Lehre als Glasmaler in Kaiserswerth gemacht. Daher liebte er es, mit Glas und Licht zu experimentieren. „Strahlen Sehen“ heißt eine fast dreidimensionale Bilderserie hinter geriffeltem Polyester. Noch 2009, kurz vor seinem Tod, schuf Polke aus geschnittenen Achaten überwältigend schöne Kirchenfenster für das Großmünster in Zürich. Die in New York lebende Hamburgerin Kerstin Brätsch bezieht sich darauf mit einer Installation aus fragilen, linear gemusterten Glasplatten nebst kleinem Video. Sehr hübsch, aber ohne die Kraft des Sigmar Polke und seiner Zeit.

Was, wann und wo:

„Produktive Bildstörung: Sigmar Polke und aktuelle künstlerische Positionen“: bis 6. Februar 2022 in der Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Zutritt nur für Geimpfte und Genesene mit Schutzmaske. Es ist ein Katalog im Distanz Verlag erschienen. www.kunsthalle-duesseldorf.de

Schwarzes Feuer: Lynette Yiadom-Boakye im K20

Betrachter vor zwei großen Mannsbildern der Malerin Lynette Yiadom-Boakye.

Dialog der Bilder: Nachdenkliche junge Frau neben schönem Mann mit Hut.

Neuer Impressionismus: Kinder am Strand und ein Musikerbild.

Ganz genau hinsehen: Schwarz hat viele Nuancen im Werk von Yiadom-Boakye.

Unbestimmte Welt: Die Hintergründe bleiben bei Lynette Yiadom-Boakye abstrakt.

Pardon? Eine junge schwarze Malerin aus London stellt im Düsseldorfer K20 aus? Da oben, im zweiten Stock? In den heiligen Hallen der Klassischen Moderne? Auf Augenhöhe mit Picasso, Matisse, Ernst, Klee und den anderen alten weißen Göttern aus dem Kunst-Olymp des 20. Jahrhunderts? Ja, Leute, so ist es! Und dabei geht es nicht (nur) um die politisch korrekte Balance. Lynette Yiadom-Boakye (44), Migrantenkind mit ghanesischen Wurzeln, Turner-Preisträgerin, hat die Ehre verdient. Wer ihre figurativen Ölbilder in Ruhe betrachtet, wird hingerissen sein.

Ihr einziges Motiv ist der Mensch. Der schwarze Mensch, um genau zu sein. Völlig normal für eine schwarze Malerin. Nach dem Besuch dieser Ausstellung wird man es künftig eher irritierend finden, dass die Gemäldegalerien der abendländischen Kultur so gut wie nur weiße Gesichter zeigen. Lynette Yiadom-Boakye, Absolventin der Royal Academy, hat diese Kultur sorgfältig studiert. Tatsächlich bezieht sie sich in ihrem Werk auf traditionelle westliche Malerei vom Renaissance-Porträt bis zur impressionistischen Szene. Und verzaubert ihr Publikum unter dem poetischen Titel „Fliegen im Verbund mit der Nacht“. Denn sie ist auch eine Dichterin.

Cool in der Welt stehen

So präsentiert sie uns eine Schar von Personen, die individuelle Züge haben, aber fiktiv sind, wie die Künstlerin betont. Sie machen nichts Besonderes, sie sitzen, schauen, warten, rauchen, posieren ein bisschen oder auch gar nicht in einer unbestimmten Umgebung. Nachdenklich wirken sie, manchmal amüsiert und dabei ganz entspannt oder, wie die Künstlerin selbst sagt, „von der Welt, aber nur ... befasst mit dem Teil, der ihnen Leben gibt, weniger beunruhigt durch den Rest“. Trotz dieser Coolness oder gerade deshalb fesseln Lynettes Figuren das Publikum – wie gute Jazzmusik. Nicht ohne Grund zitiert Kuratorin Andrea Schlieker, die diese Schau schon in der Londoner Tate Britain betreut hat, den großen Trompeter und Bandleader Miles Davis, der freien, kontemplativen Jazz einmal als „stilles Feuer“ bezeichnete.

So etwas haben auch die Menschen, die Lynette Yiadom-Boakye mit ihren Bildern in die Welt setzt. Sie ziehen uns an und offenbaren doch nie ihr Geheimnis. Wie der Mann, der mit leichtem Grinsen im Dunkeln hockt und einen langen roten Schlafrock trägt nach Art des Modearztes der Pariser Belle Époque, „Dr. Pozzi“, auf einem berühmten Porträt von Jon Singer Sargent. „Any Number Of Preoccupations“ (etwa: „Jede Menge Voreingenommenheit“) nennt Lynette das Bild. Solche Titel sind für sie ein „zusätzlicher Pinselstrich“.

Wie aus anderen Zeiten

Es darf also gerätselt werden. Geschichten erfinden ist auch erlaubt. Wohin geht der weitaus Schreitende? Läuft er davon, oder will er eine „nicht gezahlte Prämie“ abholen? „A Bounty Left Unpaid“, raunt der Titel. „Six Birds In The Bush“ („Sechs Vögel im Gebüsch“), so heißt das stolze Dreiviertelprofil eines jungen bärtigen Mannes, der eine lila Feder am Hut trägt – fast wie ein Junker auf einem altmeisterlichen Porträt. Gleich daneben haben Kuratorin und Künstlerin ein kleineres Format platziert, auf dem eine junge Frau, die zur Seite blickt, nachdenklich den Kopf auf die Hand stützt. „Penny For Them“ heißt das Bild, was sich auf den englischen Spruch „A penny for your thoughts“ bezieht, einen Penny für deine Gedanken.

„Ich wollte über einen Dialog zwischen den Werken nachdenken“, sagt Lynette Yiadom-Boakye dazu. Zwei überdimensionale, fröhlich grinsende Mannsbilder in weißen Hemden drehen einander den Rücken zu – und wirken, als wollten sie jeden Moment aufstehen und sich mit einer munteren Drehung unters Volk mischen. Überhaupt ist immer eine Ahnung von Bewegung in der Komposition. Ein Tänzer posiert anmutig vor gelb getupftem Hintergrund und macht einen feinen Fuß wie die Ballerinen von Degas. Der Titel heißt aber maliziös „Daydreaming Of Devils“, Tagträumerei von Teufeln. Auch die vier schwarzen Jungs an der Trainingsstange („Concentration“) oder zwei verspielte kleine Mädchen am Strand („Condor And The Mole“) erinnern an den Impressionismus.

Unvergleichliche Leidenschaft

Viel älter wirkt die Seele eines Jünglings mit halbem Pierrot- oder Renaissance-Kragen, der vor Grün steht und uns aus ernsten Augen anblickt: „A Passion Like No Other“, eine unvergleichliche Leidenschaft, verheißend. Gegenüber hockt ein Knabe auf einem Felsen und träumt in eine rotbraun vernebelte Umgebung – fast romantisch. Voll geheimnisvoller Gefühle ist auch die Beziehung einiger junger Männer zu Vögeln und anderen Tieren, die sie wie scheue Liebhaber tragen und ansehen. Rot leuchtet das Gefieder eines prächtigen Papageis auf der dunkelbraunen Hand seines menschlichen Gefährten, „Accompanied To The Kindness“ (zur Güte begleitet).

Festlich gestimmt sind zwei Herren im Anzug, die sich vor gelbweißem Hintergrund im Nirgendwo mit Sektgläsern zuprosten, mit Liedern im Kopf – „Songs In The Head“. Von den jazzigen Tönen, die Lynette Yiadom-Boakye liebt, kann man sich übrigens selbst beflügeln lassen. Ein QR-Code im kostenlosen Begleitheftchen führt auf ihre Playlist bei Spotify. Mit der Musik im Ohr lässt sich später bestens ihr schräger Detektivroman „Ein Gesetzeshüter“ lesen, der hinten im Katalog statt redundanter Expertentexte abgedruckt ist. Ein Vergnügen!

Was, wo und bis wann?

„Lynette Yiadom-Boakye: Fliegen im Verbund mit der Nacht“. Bis 13. Februar in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW, K20, Grabbeplatz. Unten im Haus geht es, wie berichtet, um „Georges Braque, Erfinder des Kubismus“. Eintritt für beide Ausstellungen: 12 Euro. Geöffnet Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. www.kunstsammlung.de

Sammlung Philara: die Lust auf Verwandlung

Ein Tor zwischen Gestern und Heute hat Theresa Weber bei Philara gebaut.

Ausschnitt aus einer Wandcollage der Künstlerin Arisa Purkpong.

Starke Frau, starke Kunst: Anys Reimann neben einer ihrer neuen Malcollagen.

Auf den Spuren des androgynen Pharaos Echnaton: Donja Nasseri.

Performance mit Kuchen: im poetischen „Trauercafé“ von Nara Bak.

Kuratorensprache ist kein Spaß. Politisch korrekt wird betont, dass es um „plurale Ansätze“ gehe, um „Identitätsverhandlungen“, um „Race, Gender, Intimität“, um „Neuformulierung von Körpererzählungen“ und um die strapazierten „Narrative“. Im Eifer der Absichtsformulierungen kann das Erklären von Kunst schon mal länger dauern als das Betrachten. Aber am Ende kommt Verstehen nur aus dem eigenen Erleben – wie in einer Schau von sechs vorwiegend jungen Künstlerinnen der Düsseldorfer Akademie, die unter dem sperrigen Titel „Attempts to be many“ (Versuche, viele zu sein) in der privaten Sammlung Philara für Inspirationen sorgen.

Wieder einmal wurde der Spiegelsaal der ehemaligen Glasfabrik an der Birkenstraße durch Kunst gänzlich verwandelt. Die 1996 in Düsseldorf geborene Theresa Weber hat die 16 Meter breite Wand raumhoch mit einem Wallpaper tapeziert, das der babylonischen Gottheit Ishtar huldigt. Ishtar, deren Skulptur in ornamentaler Wiederholung abgebildet ist, kann als Mann oder Frau in Erscheinung treten, symbolisiert mit üppiger Brust die weibliche Fruchtbarkeit und zieht mit Bart in Kampf und Krieg. Passt also ausgezeichnet in die aktuelle Debatte um nicht festgelegte Geschlechterzugehörigkeit. Die Künstlerin kombiniert Ishtar mit den Löwen Babylons und einem quergelegten, auf Instagram ulkig veränderten Selbstporträt.

Der Zeitgeist verändert sich

Ja, da staunt der alte Bildungsbürger: Zur „kulturellen Hybridisierung“ (Vermischung zuvor getrennter Systeme) gelangt die 25-jährige Künstlerin auch mit bunten Haarteilen, Brustpolstern, Perlen, Glitzerkram sowie künstlichen Fingernägeln (die sie selbst stolz trägt). All diese Dinge hat Theresa Weber in und an Kunstharzplatten zu einem „Transformation Gate“ verarbeitet und bezieht sich damit provokant auf das Ishtar-Tor im Berliner Pergamon-Museum. Dass die archäologischen Eroberungen der Kaiserzeit inzwischen fragwürdig erscheinen, schwebt genauso in der Luft wie andere Veränderungen des Zeitgeists. Lange Kunstnägel zum Beispiel mögen in Europa als ein bisschen vulgär gelten, in der Karibik seien sie, versichert die Künstlerin, ein Zeichen von Würde und Emanzipation, weil sie nur von Frauen getragen werden, die keine niederen Arbeiten verrichten müssen.

Alles relativ, Herrschaften! Es tut gut, eigene Denkweisen zu hinterfragen. Besonders, wenn die Kunst mit poetischen Ideen gegen die Erstarrung vorgeht. Hinter einem schwarzen Vorhang hat die Koreanerin Nara Bak ein „Trauercafé“ eingerichtet. An silbrig gedeckten Tischen werden dem Publikum in der Dunkelheit gelegentlich selbstgebackene Kuchen serviert, während flache Kerzen mit den Bildern asiatisch aussehender Kommilitoninnen langsam abbrennen. Nara Bak bezieht sich damit auf Diskriminierung und subtile Feindseligkeiten, denen Menschen mit asiatischen Gesichtszügen (verstärkt durch die den Chinesen angelastete Pandemie) ausgesetzt sind. „So westlich, glasig, kalt“, sagt eine sanfte Stimme im Soundtrack. Da kann man sich nur schämen.

Der androgyne Pharao

Im selben Saal ist auch Platz für eine Video-Arbeit von Jana Buch und Arisa Purkpong, die um Verständnis werben für die männermordende Medusa, die nach einer Vergewaltigung durch Meeresgott Poseidon nur aufgrund des Fluchs der eifersüchtigen Athene zum Monster mit Schlangenhaaren wurde. Sehr ungerecht, könnte man sagen. Ein schillerndes Schicksal hat auch die thailändische Sagengestalt Arabimba, die zum Mann wurde, bis ihr Prinz sie erlöste.

Die alten Mythen und Überlieferungen scheinen die jungen Frauen sehr zu faszinieren. Die Fotokünstlerin Donja Nasseri, 1990 in Düsseldorf geboren, hat sich dem ägyptischen Pharao Echnaton gewidmet, dem hübschen, androgyn wirkenden Gatten der berühmten Nofretete. Auf Bildern und in einem sonnigen Foto-Himmel an der Decke sieht man seine weiblich wirkenden Gesichtszüge und den weichen Bauch, den alte Skulpturen offenbaren. Große Nägel sind durch die Teile getrieben, sie erinnern an die groben Halterungen im alten Museum zu Kairo.

Der schwarze Garten wächst

Arisa Purkpong, geboren 1995, fotografierte auf einer Reise durch Thailand, wo sie sich besonders für die feministische Stiftung „Friends of Women“ interessierte. Ihre raumgreifende Collage aus zahlreichen ausgedruckten Aufnahmen offenbart jedoch ganz subjektive Eindrücke: Pflanzen, Schatten, Gläser – ein Wasserfall an Eindrücken. Anys Reimann in den nächsten Räumen zeigt ein kraftvolles, witziges, unübersehbares Werk. Die älteste unter den Künstlerinnen, 1965 in Düsseldorf geboren, hat eine bunte Biografie hinter sich, sie hatte beim Friseur und im Circus Roncalli gearbeitet, als sie mit über 40 ein Akademiestudium begann. Für Architektur, Bildhauerei und Malerei interessiert sie sich und vermischt alles mit Talent und Esprit.

Im weißen Raum, typisch für Kunsthallen, pflanzte Anys Reimann in saftiger Erde einen „Schwarzen Garten“ mit möglichst dunklen Pflanzen, die hier trotzig unter der Neonröhre wachsen sollen: Calla, Purpurglöckchen und Anturien. So schön ist das Fremdartige. Das zeigen auch Reimanns Mal-Collagen – präsente, kraftvolle Figuren. „Die Nacht“ mit schwarzem Kopf, klassischem Akt-Torso und den Beinen von Marlene Dietrich räkelt sich rauchend im Grau. Eine Person mit diversen Brüsten, breiter Hüfte und hohen Absätzen bleckt im verträumten Gesicht ein Gebiss mit Vampirzähnen. Man schmunzelt – und hat sofort Respekt.

Was, wann und wo?

„Attempts to be Many“: Kunst von Nara Bak, Jana Buch, Donja Nasseri, Arisa Purkpong, Anys Reimann, Theresa Weber. Bis 23. Januar 2022 in der Sammlung Philara, Birkenstr. 47a. Freitag 14-20 Uhr, Sa./So. 14 bis 18 Uhr. Eintrittspreis: nach Belieben. www.philara.de

Picassos wichtigster Freund: Braque im K20

Blick in den Saal: Georges Braque (1882-1963) als junger Mann im Vordergrund.

Viel Luft lässt die Braque-Ausstellung den leuchtenden frühen Bildern.

Beispiel für den Vorkubismus: „Viadukt von L’Estaque“, 1907.

Kratorin Susanne Meyer-Büser zwischen zwei kubistischen Braque-Kompositionen.

„Die Lesende“ (links) und das Stillleben „Harfe und Violine“, 1911.

Georges Braque? Das ist doch dieser Kumpel von Picasso, der mit unserem allseits vergötterten Jahrhundertgenie im alten Paris gefeiert, debattiert und die malerischen Formen zerlegt hat. Man kennt den Namen, hat einige seiner Bilder gesehen, aber immer wieder im Zusammenhang mit dem heller leuchtenden Helden der Moderne. Damit macht die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW jetzt Schluss. Eine ehrgeizige Ausstellung im K20 präsentiert Braque als „Erfinder des Kubismus“ und konzentriert sich dabei auf das Frühwerk bis 1914 unter ausführlicher Einbeziehung der historischen Zusammenhänge. Auch das Publikum muss fleißig sein. Wie sagte schon Karl Valentin? „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

Wie die übergründlich arbeitende Kuratorin Susanne Meyer-Büser einräumt, hat sie „noch nie so viel Text in einer Ausstellung untergebracht“. In etlichen Raumecken der kubistischen Saalarchitektur sind die Wände eng bedruckt mit lehrreichen Fakten und Analysen zu Themen aus dem Vorfeld des Ersten Weltkriegs wie „Flottenwettrüsten“, „Zweite Marokkokrise“ und „Dreyfus-Affäre“ bei gleichzeitiger Erläuterung von Kultur und Technik. Die Dynamik der Zeit mit ihren dramatischen Entwicklungen und bahnbrechenden Erfindungen, das Kintopp und das Automobil, all das ist nach Ansicht der Wissenschaftlerin entscheidend für den Wandel in der Kunst.

Auf der Suche nach Inspiration

Darüber hatte Georges Braque (1882-1963) vermutlich wenig nachgedacht. Er war kein politischer Mensch, sondern folgte dem Pfad von Kunst und Lebensart, als er im verheißungsvollen Jahr 1900, mitten in der Belle Époque, aus Le Havre nach Paris zog, wo die Bohème auf den Tischen tanzte. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler und einem kurzen Kunststudium an der Akademie seiner Heimatstadt suchte der Normanne nach dem Neuen. Der Impressionismus war damals schon nicht mehr der letzte Schrei. 1905 sah Braque im Pariser Herbstsalon die markanteren Bilder von Henri Matisse und seinen Mitstreitern, die von dem konservativen Kunstkritiker Vauxcelles als „fauves“ (wilde Tiere) bezeichnet wurden.

So wollte der junge Braque auch malen – mit intensiven Farben und freien Konturen. Auf Reisen suchte er Motive. „La Fenêtre sur l’Escaut, Anvers“, durchglüht von Rot und Sonnengelb, ist direkt von einem Fensterbild des bewunderten Kollegen Matisse inspiriert. Einige andere, wild bewegte farbige Landschaften aus dem südfranzösischen Estaque erinnern eher an den damals längst verstorbenen Außenseiter van Gogh. Alles glüht. Selbst bei „temps gris“, grauem Wetter, gibt Braque den Felsen von „La Calanque“ 1907 ein rosa-violettes Leben.

Die Geometrisierung der Landschaft

Im selben Jahr studiert er die Bilder von Paul Cézanne und verzichtet fortan auf die Zentralperspektive mit ihrer Tiefenwirkung. „Er fing an, die Landschaft zu geometrisieren“, sagt die Kuratorin. Ein flächiges, aus Dreiecken, Vierecken und Bögen bestehendes Bild des „Viaduc à l’Estaque“ kennzeichnet kunsthistorisch den „Vorkubismus“. Nahezu abstrakt komponiert wirken fortan Bäume, Häuser und Felsen auf etlichen Bildern.

In seinem neuen Freund Pablo Picasso, den er 1907 beim Galeristen Kahnweiler kennengelernt hatte, fand Braque einen enthusiastischen Mitstreiter. Der große, sportliche Normanne, eher von ruhigem Wesen, und der kleine quirlige Spanier inspirierten einander. Sie besuchten einander fast täglich in ihren Ateliers, zogen um die Häuser und waren fasziniert von der Idee, Motive in einfache Grundformen zu zerlegen, neu zu komponieren und so dem Abbild zu entheben. Der Kubismus war erfunden. „Allein hätte Picasso das nicht hingekriegt“, glaubt Susanne Meyer-Büser.

Der Spürsinn des Gründungsdirektors

Tatsächlich waren es Bilder von Braque, die ein Kritiker 1909 als „kubische Bizzarrerien“ bezeichnete. Was als Schmähung gemeint war, wurde zum Begriff in der Kunstgeschichte. Wie die Ausstellung zeigt, blieb Braque konsequenter als sein Freund bei der Sache. Anders als Picasso war er kaum interessiert an Figuren. Selbst die „Lesende Frau“ von 1911 ist bis zur Unkenntlichkeit in geometrische Teile aufgesplittert und hat die gleiche Anmutung wie das große Stillleben „harpe et violon“ (Harfe und Violine), das Gründungsdirektor Werner Schmalenbach seinerzeit für die damalige Landesgalerie erwarb. Auch er und sein Spürsinn sollen hier nebenbei gewürdigt werden.

Die Farbe ist in jenen Jahren fast gänzlich aus Braques Werk gewichen. Alles hat die gleiche bräunlich-grau-beige Erscheinung. Warum eigentlich? Die Kuratorin glaubt an einen Einfluss der damals neuen Medien Fotografie und Film, die nur schwarz-weiße Abbildungen in die Welt setzen konnten und damit äußerst erfolgreich waren. Braque liebte das Kino. Farblos waren die Konturen der Moderne – und umso ausdrucksstärker. Um das zu zeigen, laufen einige Videos mit historischen Stummfilmen. Man sieht zum Beispiel die überblendeten Gesichter des „Fantomas“, eine Flug-Dokumentation der Brüder Wright und eine Slapstick-Nummer über einen kubistischen Maler von Georges Monca („Peintre Cubiste“, 1912).

Die Musik einer neuen Zeit

Auch Musik ist in einer Ecke zu hören, der Soundtrack der Zeit – Bartók und Ravel, Satie und Debussy. Georges Braque ging gern in Konzerte. Er war, erzählt der Saaltext, stolzer Besitzer eines Grammophons und spielte selbst Geige, Flöte, Klavier und Akkordeon. Instrumente gehören zu etlichen kubistischen Stillleben. Da zersplittern Frauen und Mandolinen, Klarinette und Rumflasche in kompositorischer Harmonie. Picasso, das große Spielkind, ließ sich von Braques Einfällen gerne mitreißen. Beide kombinierten Zeichnung und Collage in einer Serie von „papiers collés“, experimentierten mit Buchstaben und bedruckten Tapeten, mischten Sand in ihre Ölfarben.

Dass die schöne Freiheit überschattet werden könnte, kam Georges Braque nicht in den Sinn. Er erwartete keinen Krieg, kümmerte sich nicht um die Weltlage und war äußerst überrascht, als er 1914 in Südfrankreich aus der Arbeit gerissen und einberufen wurde. Seine Lebensgefährtin Marcelle und Picasso begleiten ihn zum Zug. Es ist das Ende der Unbefangenheit, der Künstlerfreundschaft – und dieser Ausstellung. Man erfährt noch, dass Braque, der die Schlachten schwer verwundet überlebte, in Frankreich zum „Patron der Moderne“ aufstieg und nach seinem Tod 1963 ein Staatsbegräbnis bekam. Aber man würde gerne die ganze Geschichte erfahren und auch die zeichenhaften Vögel sehen, die der späte Georges Braque in den Himmel der Hoffnung aufsteigen ließ.

Was, wann und wo?

„Georges Braque – Erfinder des Kubismus“: bis 23. Januar im Düsseldorfer K20, Grabbeplatz. Am ersten Tag (25. September) ist der Eintritt frei, sonst gibt es das Ticket für 12 Euro. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Ein zweisprachiger, sehr anspruchsvoller Katalog ist im Prestel Verlag erschienen und kostet im Museum 38 Euro. www.kunstsammlung.de

Das Supermodel als Kuratorin im Kunstpalast

 

Claudia Schiffer und die anderen Golden Girls glänzen im Kunstpalast.

Bilder von Bildern: Fotografinnen in Aktion.

Sexy Versace-Reklame von Richard Avedon, Lindbergh-Foto für Calvin Klein.

In einer persönlichen Ecke erinnert sich Claudia Schiffer an ihre "90s".

Ellen von Unwerth fotografierte Claudia Schiffer als "Real Barbie".

Ach, Darlings, was für eine Enttäuschung für die Glitzerbranche und ihre von der Pandemie frustrierten Paparazzi! Claudia Schiffer, Deutschlands einziges wahres Supermodel, kam nun doch nicht aus England nach Düsseldorf, um im Kunstpalast ihre Ausstellung „Captivate! Modefotografie der 90er“ mit diesem hellblonden Lächeln zu eröffnen. Maskenpflicht und Quarantäne-Blues könnten ja den ganzen Glamour verderben. Aber die inzwischen 51-jährige Beauty hat im Londoner Home-Office fleißig an dem Projekt gearbeitet. Und Museumschef Felix Krämer präsentiert dem Publikum nun eine Schau, die an die Zeit erinnert, als das Leben noch eine große Party war.

Abstands- und Hygieneregeln? So etwas gab es natürlich nicht im Getümmel der guten Laune gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Nach dem Mauerfall feierte der Westen unbefangen den Erfolg eines übermütigen Kapitalismus. Schließlich musste man damals noch keine Hasstiraden aus den sogenannten Social Media ertragen. Instagram, der virtuelle Jahrmarkt von jedermanns Eitelkeiten, war noch nicht erfunden. Sogar jene Mannequins, die man Supermodels nannte, weil man ihre Namen kannte, hatten noch eine Art Rückzugsgebiet, ihr Privatleben.

Die Lady blieb makellos

In einer Düsseldorfer Disco, dem „Checkers“, war die 17-jährige Claudia Schiffer aus Rheinberg 1987 von einem Model-Agenten angesprochen worden. Der Typ machte keine leeren Versprechungen. Dank seiner Aufmerksamkeit zog die frische Blondine aus Germany nach Paris und gehörte bald zur Clique der internationalen Fashion-Stars. Und sie ist offenbar mit viel Fun und Disziplin unbeschadet durch die strapaziöse Karriere gekommen. In ihrer Videobotschaft für die Düsseldorfer sitzt sie makellos im Plisseekleid neben fein arrangierten Hortensien auf einer Marmorstufe und erklärt, sie wollte mit ikonischen Bildern „das typische 90er-Jahre-Gefühl vermitteln“. Und deshalb hätte sie nach „einer bestimmten Energie“ gesucht.

Und die gibt’s reichlich in der schick arrangierten Show, die ihren Titel „Captivate!“ (bestechen, bezaubern) zu Recht trägt. Gleich vorne strahlen und kuscheln fünf der berühmten Mädels in blitzweißen Shorts und bauchfreien roten Ringelpullis auf einem überlebensgroß plakatierten Foto, das Herb Ritts 1993 für die amerikanische Vogue schoss. Claudia liegt da vor Helena Christensen, Stephanie Seymour, Christy Turlington und Naomi Campbell. Sexy sehen sie aus, zugleich aber auf eine schlanke Weise prall und gesund. „Der Geist dieses Bildes ist euphorisch, er ist optimistisch“, stellte die legendäre Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour fest. Von Schatten (noch) keine Spur.

Wo die Girls golden glänzen

Das durfte glänzen und funkeln wie auf einem Bild von Doug Ordway, der 14 Models in goldenen Versace-Kettenhemdkleidern 1995 backstage vor goldener Stoffwand posieren ließ. Carla Bruni, die spätere Gattin eines französischen Präsidenten, ist übrigens auch dabei. Der Fotograf Peter Lindbergh (1944-2019), der erst im letzten Jahr vom Kunstpalast gewürdigt wurde, bevorzugte eine andere Ästhetik. Er zeigte die Girls ernster, privater, am liebsten in Schwarz-Weiß. „Wild at heart“ stehen sie da mit Schlägermützen, Lederjacken und Stiefeln in einer verregneten Straße. Doch sie tragen dabei niedliche Miniröcke und bleiben doch immer die Prinzessinnen ihrer Epoche.

Mit einer himmelblauen Robe aus einer Versace-Modenschau 1994 erinnert Madame Claudia an einen ihrer „Lieblingsmomente“. Sie lief zu einem Song von Prince über den Catwalk – und sah, dass der Popstar selbst in der ersten Reihe saß. Wow! In dem Raum „My 90s“ zeigt die Kuratorin einige ihrer zahllosen Covers aus der eigenen Sammlung. In einer Vitrine liegt eine Birthday-Zeichnung von Karl Lagerfeld, der ihr 1993 „ein wunderbares neues Lebensjahr“ wünschte und die Lady in Claudia entdeckte. Auf Fotos aus dem zentralen Jahr 1995 trägt sie eine kinnlange Wellenfrisur und zeigt ausnahmsweise nicht die Zähne, sondern einen leicht hochmütigen Gesichtsausdruck, passend zur Chanel-Kollektion.

Keine Angst vor dem Laufsteg

Über einen Laufsteg mit Spiegeln, Lichtern und Videos, wo die modische Haltlosigkeit der meisten Besucher peinlich offenbar wird, geht es weiter zu einem wandhohen Bild, das man heute mit gemischten Gefühlen sieht. Richard Avedon fotografierte Nadja, Christy, Claudia, Cindy und Stephanie als Lolitas, die Söckchen in ihren Pumps tragen und mit sexualisierter Kindchen-Pose ihre Versace-Minis lupfen. So etwas löst heutzutage gleich säuerliche Moraldebatten aus. Wir haben die Unbefangenheit verloren und sehen mit nostalgischem Blick auf das bunte Spiel der Freiheit in den 90ern, als Claudia Schiffer in einer Fotostrecke von Ellen von Unwerth mit steifen Ärmchen und gigantischen Haaren als Barbie-Puppe („Real Barbie“) inszeniert wurde. Alle hatten ihren Spaß daran.

Statt Smartphones gab es damals noch die Sofortkamera Polaroid – ein ganzer Raum ist mit solchen Schnappschüssen gestaltet. Gleich dahinter reckt Amber Valletta in einem roten Bikini die Arme in die Höhe und lacht fröhlich in der Sonne zwischen den Beach-Boys von Rio de Janeiro. Shooting-Reisen rund um die Welt waren natürlich noch völlig normal, nur Sonderlinge hatten ökologische Bedenken. Was trotz aller Kritik gleich blieb, ist der Konsum. Dem kann man gleich im Museumsshop frönen, wo Vintage-Modemagazine für 30 Euro und T-Shirts aus Claudia Schiffers „Super Réal“ Kollektion für 100 Euro angeboten werden. Das 90er-Jahre-Gefühl hat seinen Preis.

Das Supermodel ist museumsreif

„Captivate! Modefotografie der 90er, kuratiert von Claudia Schiffer“: bis 9. Januar 2022 im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Der Eintrittspreis von 12 Euro gilt auch für die parallele Kunstausstellung „Barock Modern“ (Bericht unten). Zu „Captivate“ ist im Prestel-Verlag ein luxuriös gestalteter, in Leinen gebundener Katalog erschienen: 55 Euro, Museumsausgabe 48 Euro. Öffentliche Führungen für 5 Euro extra: Do. 18 Uhr und Sa. 14 Uhr. Anmeldung erforderlich. Informationen und Begleitprogramm unter www.kunstpalast.de

Technik und Traum:

"Paradies" am Ehrenhof 

Wald der Träume: Installation in der Paradies-Schau des NRW-Forum.

Raus aus dem Käfig will die Avatarin der Künstlerin Paola Pinna.

Mit der 3D-Vision lässt Vesela Stanoeva die "Innere Sonne" aufgehen.

"Between the Clouds": Nebelmaschine des Künstlerteams Murakami/Groves.

Alles Illusion: Virtueller Brunnen mit Tänzerin bei der AR Biennale.

Das wahre Leben ist ja gerade nicht so lustig: Pandemie, globale Krisen, Klimakatastrophen. Zur Ablenkung guckt der Mensch tagein tagaus aufs Smartphone, aber das erzeugt ein schales Gefühl. Wie gut, dass es das NRW-Forum gibt, wo der künstlerische Leiter Alain Bieber beweist: Mit Hilfe von smarter Technologie können auch wahrhaftige Erlebnisse geschaffen werden. Die AR Biennale schickt Spaziergänger auf die Suche nach virtuellen Kunstwerken in echter Natur. Und im Haus gibt es einen ganz besonderen Abenteuerspielplatz aus optischen Illusionen und handfesten Installationen: „Willkommen im Paradies“.

Das gefällt garantiert auch dem Nachwuchs, der keinen Bock auf Museen hat – und die ältere Generation trainiert nebenbei ihre technischen Fähigkeiten. Also: Frisch gewagt! An der Kasse sollte man sich erst einmal zwei Apps herunterladen: für die Augmented Reality (AR) draußen und eine kleine Pixeljagd („Alpha“) drinnen. Denn nur, wer an vier verschiedenen Stellen in zwei Sälen genügend schwarze Pixelpunkte sammelt, besitzt am Ende den kompletten QR-Code für einen letzten Raum, wo der Franzose Fabien Prioville mit seiner Tanzkompanie eine Video-Vorstellung gibt.

Zeit der inneren Befreiung

Aber zuerst gehen wir im Erdgeschoss links durch einen Vorhang in eine Dunkelheit, wo es leuchtet, raunt und rasselt. Gleich vorne tritt, von der Italienerin Paola Pinna programmiert, eine puppenhafte Avatarin aus dem metaphorischen Käfig ihrer Empfindungen, während die Stimme einer spirituellen You-Tube-Lehrerin mahnt: „The time has come to set yourself free.“ Zeit, sich zu befreien. Wir sind so frei und schleichen um die Ecke, wo der Schwarzlichtmaler Eugen Schramm auf der Wand diamantengleiche Sterne schweben lässt. Links lädt Co-Kuratorin Vesela Stanoeva zur Entdeckung der „Inneren Sonne“ in einem lila leuchtenden Spiralraum. Rechts bewegt sich ein großes Mobile, das die Mülheimer RaumZeitPiraten aus Röhren, Kabeln, Lichtern, allerlei flirrenden Elementen, Steckdosen und Motörchen konstruiert haben.

Irgendwie scheint das Ding auf die Annäherung der Besucher empfindlich zu reagieren. Es zuckt so mit den Gliedern. „Guerilla-Performance-Maschinen“ nennt das kreative Team diese witzig-moderne Sorte kinetischer Kunst. Die Britin Hazel Brill will tiefer in das menschliche Gemüt eindringen. In ihrer Video-Installation „Greetings“ sieht man innerhalb einer brustkorbartigen Skulptur unter anderem eine geisterhafte Hand beim Zeichnen, ein außerirdisch wirkendes Wesen spielt die Geige, Farben und Formen vermischen sich zu einem irritierenden Traumspiel. Aber es kommt noch viel wundersamer. Durch eine Dornröschenhecke aus blutroten Foto-Geflechten (Dagmar Hugk) geht es weiter in einen Märchenwald mit Wow-Effekt.

Baden im Fluss aus Licht

Die PriseSalz Crew aus dem Ruhrgebiet hat aus allerlei Recycling-Material einen riesigen Baum und viele kleine Ranken und Büsche gepflanzt. Wie Laternen hängen leuchtende kleine Hausgebilde in den Zweigen – doch die Stadt ist fern, nicht mehr als eine Erinnerung. Eine Projektion versetzt uns in die „Woodlands“, eine menschenleere, sonnendurchflutete Ur-Landschaft mit Wäldern, Wasserfall und Bergen, die Barbara Herold & Florian Huth am Computer geschaffen haben. Gegenüber strömt ein Fluss aus buntem Licht über Wand und Boden. Tina Malburg und Emil Cyrill Gerhardt vom MireviLab der Hochschule Düsseldorf sorgten für diesen interaktiven „Paradise Stream“. Man darf darin sogar baden und Farbwirbel erzeugen.

Für alle, die sich nicht satt sehen können und noch ein bisschen verweilen wollen in diesem Garten Eden der Zivilisationsflucht, haben die Kreativen der PriseSalz Crew ein Baumhaus mit gemütlichen Polsterbänken gebaut. Davor flackert und qualmt sogar die Simulation eines Lagerfeuers. Und hätte man nicht die ganze Zeit die verflixte Atemschutzmaske auf, könnte man vielleicht sogar die Naturdüfte der Firma Scentcommunication wahrnehmen.

Wo der künstliche Nebel wallt

Ein bisschen unheimlich ist sie schon, die Illusion, für die man keine Außenwelt mehr braucht. Auf der anderen Seite des NRW-Forums sieht das anders aus. Im hellen, fast grellen Licht steht da eine spröde Computerinstallation des Japaners Noriyuki Suzuki: Der Apfel (der Erkenntnis?) hängt wie ein Planet in einem astronomischen Gestell und wird virtuell zerlegt. In Audio-Programmen spottet die Österreicherin Christiane Peschek ein wenig über die Digitalisierung der Wellness- und Entspannungsindustrie, während die Französin Sandrine Deumier mit 3D-Vision in ihren virtuellen „Intimate Garden“ bittet.

Hinter verspiegelten Wänden (keine Kunst, nur Raumgestaltung) wird’s noch einmal romantisch: Da wallt ein künstlicher Nebel, in dem Ringe wie Rauchzeichen auftauchen und verschwinden. Die japanische Architektin Azusa Murakami und der britische Künstler Alexander Groves haben dazu Düfte von Früchten, Holz und Gras freigesetzt. Aber: Die Masken verhindern auch hier die Fein-Wahrnehmung.

Der unsichtbare Skulpturenpark

Aufatmen und nach Belieben schnuppern darf man hingegen bei der AR Biennale am Ehrenhof und im Hofgarten. Wer sich die AR-App aufs Smartphone oder Tablet geladen hat, besitzt den Schlüssel zu einem für das bloße Auge unsichtbaren Skulpturenpark. 19 Künstler*innen aus der Welt der „Erweiterten Wirklichkeit“ haben insgesamt 35 Werke auf Wegen und Wiesen versteckt – wie man es aus dem Pokémon-Go-Spiel kennt. Schilder mit QR-Codes markieren die Zugänge. Und natürlich: Es macht großen Spaß, auf die Pirsch zu gehen.

Ich sehe was, was du nicht siehst: ein walartiges Flugwesen über dem Museum, eine Tänzerin im Brunnen, eine Fee, die aus dem Gebüsch tanzt, einen Klabautermann, der Kunst geklaut hat. Imaginäre Blumen, schwebende Sprüche – die Kunst will nur spielen. Das Londoner Studio Above&Below stellt allerdings einen kritischen Bezug zur Realität her. Ein Schwarm vogelartiger Punkte reagiert sensortechnisch auf die aktuelle Luftverschmutzung. Je mehr Punkte, desto mieser ist die Luft am Rhein. Da holt das wahre Leben uns ein.

Was, wann und wo?

„Willkommen im Paradies“ heißt es bis zum 9. Januar 2022 im NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2. Geöffnet Di., Mi., Sa./So. 11 bis 18 Uhr, Do. und Fr. 11 bis 21 Uhr. Eintritt: 7,50 Euro. Die AR Biennale am Ehrenhof und im Hofgarten kann bis zum 20. Februar 2022 jederzeit bei Tageslicht erforscht werden. Man braucht dazu die App „AR Biennale“ (kostenlos im App-Store). Damit kann man die QR-Codes auf den Hinweisschildern scannen. Sofort erscheinen die Skulpturen und Performances auf dem Display und lassen sich auch in der App fotografieren. 13 Werke sind auf diese Weise frei zugänglich, weitere 22 Werke kann man für insgesamt 4,99 Euro freischalten. Informationen und Begleitprogramm www.nrw-forum.de

Kunst ist Lebensart:

LRRH_Aerial Altstadt

Hereinspaziert: Kunst und Kaffee im "LRRH_Aerial", Kapuzinergasse 24.

Heitere Kunst: Björn Schülke konstruiert kinetische Skulpturen.

Textildesignerin Daniela Görgens mit einer Kunstkappe von Rosemarie Trockel.

Kleines Glitzern: Kurator Wilko Austermann zeigt ein Stück der Schülke-Edition.

Daniela Görgens zwischen Flagge und Halsschmuck von Katharina Grosse.

Manche Düsseldorfer*innen zögern ja schon, durch die Altstadt zu gehen: zu viel Sauftouristen, Imbissbuden, Schmuddelecken. Umso wertvoller ist alles, was zwischen Akademie und Karlplatz zur Düsseldorfer Kultur beiträgt: K20, die Kunsthalle, ein paar beharrliche Galerien und jetzt das LRRH_Aerial im schicken Glashaus an der Kapuzinergasse 24. Wo im letzten Jahr der alte Kunstaktivist HA Schult seine Trash People zeigte, hat die Inhaber-Familie Görgens einen offenen Raum für die Begegnung von Kunst, Mode und Lebensgefühl geschaffen. Mit Espresso-Bar nach italienischer Art.

LRRH_Aerial? Ja, das muss man sich erst mal merken. Also, LRRH ist eine Abkürzung für Little Red Riding Hood, englisch für Grimms Rotkäppchen. So hieß das erste eigene Label der Kölner Designerin und Textilunternehmerin Daniela Görgens. Und das mit einer Underline verbundene „Aerial“ heißt Antenne, bedeutet aber auch frei schwebend, zur Luft gehörend. In heller, luftiger Atmosphäre sollen hier Ideen, Editionen und ein leckerer Cappuccino die Gäste inspirieren.

Eine Maschine zur Freude

Im ersten Abschnitt („chapter_1“) geht es ein Jahr lang um „metal mesh“, Metallgewebe, das Daniela Görgens für renommierte Künstler produziert. Der Kölner Bildhauer oder besser Objekte-Erfinder Björn Schülke hat für den haushohen, mit Glas überdachten Lichthof eine seiner „absurden Maschinen“ gebaut: „Solar Mesh Dance“. Eine silbern glitzernde Schlaufe aus kleinen Plättchen hängt da an einem Ring, der von Bewegungsmeldern und Solarplatten sanft in Bewegung gesetzt wird. Schülke nennt zwar den Schweizer Jean Tinguely (1925-91) mit seinen kuriosen Konstruktionen als Vorbild, aber die kinetische Skulptur erinnert eher an ein anderes Phänomen des 20. Jahrhunderts: das mit Licht und Leere spielende Konzept der Düsseldorfer Gruppe Zero.

Für Sammler gibt es Mini-Versionen der „Mesh Machine“, die man als kleinen Zauber an die Wand hängen kann (900 Euro). Zu entdecken sind sie in der weißen „Box“ im hinteren Teil des Raums, wo Daniela Görgens mit Hilfe von Kurator Wilko Austermann eine Schau von rund 30 künstlerischen Auflagen-Objekten arrangiert hat. Teuerstes Stück ist eine prächtig-malerische Fahne in glühenden Farben von Katharina Grosse (6400 Euro), gefolgt von den witzigen „NoCaps“ von Rosemarie Trockel, die bedrucktes Metallgewebe wie einen Schleier über Schirmkappen gelegt hat (ab 1900 Euro), und einer „Reifentasche Audi“ von Johannes Wohnseifer (2100 Euro). „Shopping Bags“ von May Hands gibt es für 100 Euro. Kunst, zeigt das LRRH_Aerial, darf auch mal angefasst werden und ein Leichtes sein.

Was, wann und wo?

Das LRRH_Aerial an der Kapuzinergasse 24 mit der Ausstellung „chapter_1: metal mesh“ ist Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Es gibt eine Stehbar mit Kaltgetränken, Tee, Kaffee und Kunstliteratur. www.lrrh.de

100 Jahre Beuys: Der berühmte Unbekannte

Erinnerung: Der Journalist Joachim Umbach interviewt Beuys im Mai 1981.

Wie ein Geist erscheint Beuys im Dokumentarfilm "Celtic+" 1971.

Kleidung als Skulptur: Kuratorin Vanessa Sondermann am "Filzanzug".

Kreuzbronzen des Mataré-Schülers Beuys um 1950 in der Akademie-Galerie.

Eigenes Beuys-Buch: Birgit Kölgen und der "Bienenfleiß" (Galerie Wilmsen).

Könnte sein, dass manche schon die Augen verdrehen, wenn sie den Namen Beuys schon wieder hören oder lesen. Zur Feier seines 100. Geburtstages wurde dem vielleicht umstrittensten Meister der Nachkriegs-Avantgarde in diesem Jahr schon bis zum Überdruss gehuldigt. Allein in Nordrhein-Westfalen, dem Stammland des Meisters, widmen sich 20 Museen und andere Kulturinstitutionen dem Denken und Schaffen des Joseph Beuys – obgleich die Ausstellungen der Corona-Krise wegen bisher kaum gesehen werden. Und sogar der Heimatverein der Düsseldorfer Jonges, sonst eher ein brünnleinstiftender Männerclub mit konservativem Kunstgeschmack, stiftete eine Gedenktafel für die Fassade des Oberkasseler Hauses Drakeplatz 4, wo Beuys lebte, arbeitete und weltberühmt wurde.

So viel Gemeinschaftsgefühl – dabei war Joseph Beuys gar kein Düsseldorfer Jong, sondern einer vom Niederrhein. Geboren in Krefeld am 12. Mai 1921 als einziges Kind eines Mehl- und Futtermittelhändlers, wuchs „dat Jüppken“ in ländlicher Umgebung bei Kleve auf. Ein verschrobenes Bürschchen, das die Oberschule lustlos absolvierte und lieber mit dem Hirtenstab durch die Natur streifte, um Pflanzen, Insekten und anderes Getier zu sammeln. Für die Beute, tot oder lebendig, baute er zuhause Zelte und Labyrinthe, was man schon fast als Aktionskunst bezeichnen könnte. Aber es war eine andere Zeit, und der Knabe Beuys fühlte sich schwärmerisch zur Blut- und Bodenideologie der herrschenden Nazis hingezogen.

Die Sache mit der Flamme

Da gibt es nichts zu beschönigen. Wie so viele seiner Zeitgenossen war der junge Beuys ein begeisterter Hitlerjunge. 1936 marschierte er mit dem Klever HJ-„Bann“ zum Nürnberger Reichsparteitag. Auch als er, wie er später erzählte, mit 17 einen Lehmbruck-Katalog fand und darin sein Erweckungserlebnis als Künstler sah, ging das nicht ohne sonderbares Pathos ab. Die Abbildung einer Skulptur hätte zu ihm gesprochen: „Ich hörte: Schütze die Flamme!“ Die Flamme der Kunst und der Erkenntnis? Doch erst einmal loderte das Feuer des Krieges, in den der 20-Jährige 1941 freiwillig zog. Bei der Luftwaffe wurde er zum Bordschützen und Funker ausgebildet.

Der Absturz seines Kampfflugzeugs am 16. März 1944 über der Krim gehört zur allgemein bekannten Erzählung seines Lebens. Der Pilot war sofort tot, Beuys behauptete später, er wäre von nomadisierenden Tataren gefunden und eine magische Zeit lang im Zelt gepflegt, mit Fett gesalbt, mit Filz gewärmt worden. Das heiligte seine späteren Materialien. Doch es kann nicht ganz wahr sein. Denn der Verwundete wurde, wie Forscher herausfanden, schon am nächsten Tag ins Lazarett eingeliefert.

Von der Krise ins Glück

Wie dem auch sei – der Krieg mit seiner Schuld und seinem Schrecken hinterließ tiefe Spuren im Empfinden des treuen Soldaten Beuys. Es schien alles gut zu werden, als er 1946 an der Düsseldorfer Kunstakademie aufgenommen wurde und in der Klasse des Bildhauers Ewald Mataré zum fleißigen Meisterschüler avancierte. Eine wegen Corona bisher ungesehene Ausstellung in der Akademie-Galerie zeigt, wie tief verbunden er mit dem Professor war, dessen Liebe zur stilisierten Tierfigur er teilte und an dessen kirchlichen Aufträgen er leidenschaftlich mitarbeitete. Es entstanden berückende Zeichnungen und fromme Skulpturen. Doch nach Abschluss des Studiums rutschte Beuys in eine tiefe Krise und Depression, wovon er sich erst als Gast der Bauern-, Lehrer- und Sammlerfamilie van der Grinten erholte.

Ende der 1950er-Jahre stabilisierte sich das Leben des Joseph Beuys. Er fand die Frau seines Lebens, Eva, heiratete und zog mit ihr 1961 in eine Atelierwohnung in Düsseldorf-Oberkassel, Drakeplatz. „Beuys mit seinem Lederkoffer, ich mit einem kleinen Korb meiner Großmutter“, berichtet Eva Beuys später. Der Drakeplatz, blieb sein Fuchsbau, hier entwickelte er Theorien, empfing Besucher, ließ seine Kinder Wenzel (1961) und Jessyka (1964) zwischen Fettecken spielen. Kunst und Leben, das war für ihn kein Unterschied.

Der Professor als Provokateur

Der Zeitgeist wurde wilder, und als Joseph Beuys 1961 selbst einen Lehrstuhl für Bildhauerei an seiner alten Akademie bekam, war abzusehen, dass dieser Mann kein ordnungsgemäßer Professor sein würde. Beim „Festum Fluxorum Fluxus“ 1963 in der Aula wurde der Wahnsinn mit Methode und „Antimusik“ gefeiert, zur Eröffnung der Galerie von Alfred Schmela 1965 zeigte ein goldglänzender Beuys dem staunenden Publikum, „Wie man dem toten Hasen die Kunst erklärt“. Ab 1966 wurden in öffentlichen „Ringgesprächen“ in einer anschwellenden Jüngerschar krause Theorien diskutiert. Und da Beuys die Ansicht vertrat, dass jeder ernsthaft Schaffende ein Künstler wäre, schwoll seine Klasse gegen jede Regel auf Hunderte von Studenten an.

Eine Provokation – die im Oktober 1972 in der fristlosen Entlassung des Joseph Beuys aus dem Lehramt endete. Bis 1980 dauerte der Rechtsstreit, danach durfte Beuys sein verwaistes Atelier „Raum 3“ bis zum Pensionsalter wieder benutzen. Doch da war er längst ein Weltstar der Kunst, spätestens, seit der bärenhafte Schüler und Gefährte Anatol 1973 ihn in einem selbstgeschnitzten Einbaum von Oberkassel quer über den Rhein gepaddelt hatte. „Die Heimholung des Joseph Beuys“ war ein Medienereignis.

Auch Politik kann eine Kunst sein

Fortan kannte und erkannte jedes Kind in Düsseldorf den hageren Kunsthäuptling Beuys bei seinen Auftritten mit Filzhut und Anglerweste. Gewiss, es wurde viel gespottet – zum Beispiel über die mit Pflastern und Fett verklebte Objekt-Wanne, die 1973 bei einer Feier des SPD-Ortsvereins im Schloss Morsbroich blankgeputzt und zum Gläserspülen benutzt worden war. Doch niemand ignorierte Beuys, es wurde diskutiert und gestritten, was ihm ganz recht war. Vom zurückgezogenen Künstlerleben hielt er nichts. Er wollte inspirieren und motivieren. Seine berühmte „Honigpumpe“, die er auf der Documenta in Kassel 1977 installieren ließ, diente ihm als Bühnenbild für 100 Tage Diskussion einer „Free University“, seiner Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung“.

Alles war Kunst für ihn – auch die Politik: 1979 gehörte Beuys zu den EU-Kandidaten der Grünen, ein Kumpel von Petra Kelly. Anfang 1980 war er beim Gründungsparteitag dabei und erst, als er beim Bundestagswahlkampf 1983 keinen der vorderen Listenplätze bekam, zog er sich gekränkt zurück. Beuys war ein Anführer, kein Teamplayer. Unterstützt von einer Schar meist männlicher Adoranten arbeitete er wie besessen an Installationen und Konzepten. 1979 traf er in der Galerie von Hans Mayer auf US-Star Andy Warhol, der ihn poppig porträtierte. Die Schickeria war entflammt. Der Wert Beuys’scher Werke wuchs in sechsstellige Bereiche, damals ungeheuerlich. Das Guggenheim-Museum in New York ehrte den Denker vom Rhein 1980 mit einer Einzelausstellung.

Als er 1982 auf der Documenta die langjährige Aktion „7000 Eichen“ mit alten Basaltsteinen und jungen Bäumen startete, beeindruckte Joseph Beuys auch seine beharrlichsten Kritiker. Sein Ruhm wuchs, seine Gesundheit litt. Lunge und Herz machten nicht mehr mit. Kurz nach Verleihung des Lehmbruck-Preises starb der Jong vom Niederrhein am 23. Januar 1986 in seinem Düsseldorfer Atelier.

Und noch ein Buchtipp in eigener Sache:

Aloys Wilmsen (Herausgeber): „Bienenfleiß - Joseph Beuys und die Honigpumpe aus dem Allgäu auf der Documenta 6, 1977“, mit Texten von Birgit Kölgen, Peter Schata, Raimer Jochims und Aloys Wilmsen. Verlag Galerie Wilmsen, Rheineck (Schweiz). 191 Seiten, gebunden, 27,00 Euro. Erhältlich u. a. über die Buchhandlung Walther König.

Trip ins Unterbewusste: die Stoschek Collection

Drohnenflug: Ein Hongkong-Video des New Yorker Studios WangShui.

Performance in New York: die Künstlerin Klara Lidén in ihrem Video „Grounding“.

Bitte hinhören: Soundinstallation „Hunky Bluff“ von Lina Lapelytė.

Gruselige Clowns in der Finsternis: bewegliches Bild von Mike Kelley.

Untersuchung des menschlichen Gefühls: Video und Wallpaper von Jeremy Shaw.

Der Körper ist in dieser Krise ja ausreichend gefüttert worden. Aber auch der vom Dauerfernsehen erschlaffte Geist braucht seine Nahrung. Mit Begeisterung nutzen die Düsseldorfer die vorsichtigen Öffnungen der Ausstellungshäuser. Die Julia Stoschek Collection (JSC) an der Schanzenstraße hat die mediale Kunst wieder eingeschaltet – und obgleich nichts Populäres dort gezeigt wird, waren die Zeitfenster für das erste Wochenende sofort ausgebucht. Filme und Sound von zwölf Künstler/innen der Collection („JSC on View“) sowie die anspruchsvollen Konzepte des Kanadiers Jeremy Shaw fordern die intelligente Aufmerksamkeit des Publikums. Nur Mut!

Die Chefin Julia Stoschek, Sammlerin „zeitbasierter Medienkunst“ und Profi im Global Play, hat für die neue Präsentation eigens eine aufstrebende Kuratorin aus New York für eine „Forschungs- und Arbeitsresidenz“ nach Düsseldorf eingeladen: Rachel Vera Steinberg. Die junge Expertin konnte coronabedingt jetzt nicht zur Öffnung der Schau kommen, hat aber in der zweisprachigen Ausstellungsbroschüre schwer gescheite Texte hinterlassen: „Die Arbeiten bedienen sich unterschiedlicher kultureller Narrative und vermitteln einen Eindruck davon, in welchem Sinn sie ein Inkubator für soziale Mythologien sein können.“

Auf die innere Reise gehen

Nun, Videokunst wird ja gerne mit einem anstrengenden intellektuellen Überbau geliefert. Dabei arbeitet sie ganz suggestiv mit bewegten Bildern, Stimmen und Geräuschen. Man muss nicht alles verstehen, sondern sich eher darauf einlassen wie auf einen Traum. Schön passt dazu ein Satz aus einem ziemlich poetischen Kunstfilm, den Laure Prouvost 2019 für den französischen Pavillon bei der Biennale von Venedig geschaffen hat: „Wir machen einen Road-Trip durch das Unterbewusstsein.“ Die umgebauten Fabrikräume der Stoschek Collection sind dafür besonders geeignet. Denn dank gläserner Wände und Türen, die den Schall dämpfen, erlauben sie sowohl faszinierende Durchblicke als auch eine Konzentration auf einzelne Werke. Stuhlreihen oder schöne Lederbänke laden zum Platznehmen ein. Und so kann man ganz gemütlich auf die innere Reise gehen.

Erste Station ist Hongkong, wo im Stadtteil Bel-Air luxuriöse Wohntürme nach Feng-Shui-Art gebaut wurden – mit eigenartigen Durchbrüchen für den Flug der imaginären Drachen zum Fluss. Die Stimme eines nicht näher bezeichneten Künstlers vom New Yorker Studio WangShui erzählt von alten Märchen und Traditionen inmitten modernster Architektur. Und lässt uns mit Hilfe einer Drohnenkamera langsam auf die bläulich schimmernden Fassaden zufliegen und durch die Öffnung hinaus ins Freie.

Alles ist Performance

Dahinter erscheint der Engländer Mark Leckey mit seinem Lockenkopf vor einer filmischen „Parade“ aus Werbefiguren in unwirklichen Räumen und führt in einem weiteren Video „Fiorucci made me Hardcore“ mit Archivmaterial in die Tanz-Subkultur der 1970er- bis 90er-Jahre. Eine Zeit, als es die knallharte Genderdiskussion der Gegenwart noch nicht gab. Die in Berlin und USA lebende Skandinavierin Klara Lidén legt Wert auf einen „ambivalent gegenderten“ Körper. Man meint, in ihrem Video „Grounding“ einen jungen Mann zu sehen, der durch den schicken New Yorker Finanzdistrikt spaziert und Passanten irritiert, weil er immer wieder hinfällt, ein Stück weit kriecht, aufsteht und weiterläuft, zu rhythmischer Musik.

Es geht der Künstlerin um die Reaktion auf Hautfarbe und Geschlecht. Als weißer Mann, glaubt sie, bleibt man unbehelligt. Doch ganz abgesehen von der politischen Botschaft zeigt sie eine nahezu tänzerische Performance zu rhythmischer Musik. Man ist fasziniert – genau wie von den knöchellangen roten Haaren, die eine feenhafte Schauspielerin in Mika Rottenbergs Video „Chasing Waterfalls“ vor den Niagara-Fällen flattern lässt. Das Spiel geht weiter mit den grotesk verkleideten, ziemlich sadistischen Clowns in einem Video des 2012 verstorbenen Mike Kelley. Dagegen ist die Dokumentation über einen queeren Club in Los Angeles von Wu Tsang („Wildness“) schon richtig seriös.

Gefühle der Vergangenheit

Manche Werke kommen auch ohne Bild aus – wie die Soundinstallation „Hunky Bluff“ von Lina Lapelytė. In einem langen Flur kann man unter Klangglocken die Aufzeichnung einer Opernperformance aus London hören und sich optisch ein bisschen erholen, bevor man in die obere Etage zur Ausstellung von Jeremy Shaw geht: „Quantification Trilogy“. Der in Berlin lebende Kanadier hat so etwas wie eine Zukunftswelt konzipiert, in der eine vollkommen rational agierende Menschheit die Gefühlsausbrüche der Vergangenheit wissenschaftlich untersucht. In altmodisch anmutenden Filmen, auf großen Wallpapers und auf Fotos unter Prismenglas sieht man Menschen tanzen, beten, wirres Zeug erzählen.

Die vom Haus gelieferten Erklärungen sind leider ebenfalls wirr und wahnsinnig kompliziert. Es empfiehlt sich, die Ästhetik der Installation einfach auf sich wirken zu lassen und eigene Assoziationen zuzulassen. Es riecht nach neuem Teppich. Perfektionist Shaw hat sogar die Auslegeware für sein Arrangement ausgesucht. Zum Abschluss kann man noch ins Kellerkino gehen und dort elf Minuten lang unverwandt dem alten Kunstguru Joseph Beuys (1921-1986) in die gelegentlich blinzelnden Augen schauen. Der Filmer Lutz Mommartz würdigte mit dem lebenden Standbild 1969 die Beuys’sche Idee von der „Sozialen Plastik“. Ein Düsseldorfer Klassiker.

Wann, wo und wie?

Die neue Präsentation der Stoschek Collection „JSC on View: Mythologists“, die „Quantification Trilogy“ von Jeremy Shaw sowie der Beuys-Film „Soziale Plastik“ von Lutz Mommartz können bis zum 19. Dezember 2021 jeweils an den Wochenenden besucht werden. Der Eintritt ist frei. Auf der Website www.jsc.art gibt es auch Zugang zu einem virtuellen Bestandskatalog von zahlreichen Video-Werken aus der Sammlung Stoschek.