Das Supermodel als Kuratorin im Kunstpalast

 

Claudia Schiffer und die anderen Golden Girls glänzen im Kunstpalast.

Bilder von Bildern: Fotografinnen in Aktion.

Sexy Versace-Reklame von Richard Avedon, Lindbergh-Foto für Calvin Klein.

In einer persönlichen Ecke erinnert sich Claudia Schiffer an ihre "90s".

Ellen von Unwerth fotografierte Claudia Schiffer als "Real Barbie".

Ach, Darlings, was für eine Enttäuschung für die Glitzerbranche und ihre von der Pandemie frustrierten Paparazzi! Claudia Schiffer, Deutschlands einziges wahres Supermodel, kam nun doch nicht aus England nach Düsseldorf, um im Kunstpalast ihre Ausstellung „Captivate! Modefotografie der 90er“ mit diesem hellblonden Lächeln zu eröffnen. Maskenpflicht und Quarantäne-Blues könnten ja den ganzen Glamour verderben. Aber die inzwischen 51-jährige Beauty hat im Londoner Home-Office fleißig an dem Projekt gearbeitet. Und Museumschef Felix Krämer präsentiert dem Publikum nun eine Schau, die an die Zeit erinnert, als das Leben noch eine große Party war.

Abstands- und Hygieneregeln? So etwas gab es natürlich nicht im Getümmel der guten Laune gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Nach dem Mauerfall feierte der Westen unbefangen den Erfolg eines übermütigen Kapitalismus. Schließlich musste man damals noch keine Hasstiraden aus den sogenannten Social Media ertragen. Instagram, der virtuelle Jahrmarkt von jedermanns Eitelkeiten, war noch nicht erfunden. Sogar jene Mannequins, die man Supermodels nannte, weil man ihre Namen kannte, hatten noch eine Art Rückzugsgebiet, ihr Privatleben.

Die Lady blieb makellos

In einer Düsseldorfer Disco, dem „Checkers“, war die 17-jährige Claudia Schiffer aus Rheinberg 1987 von einem Model-Agenten angesprochen worden. Der Typ machte keine leeren Versprechungen. Dank seiner Aufmerksamkeit zog die frische Blondine aus Germany nach Paris und gehörte bald zur Clique der internationalen Fashion-Stars. Und sie ist offenbar mit viel Fun und Disziplin unbeschadet durch die strapaziöse Karriere gekommen. In ihrer Videobotschaft für die Düsseldorfer sitzt sie makellos im Plisseekleid neben fein arrangierten Hortensien auf einer Marmorstufe und erklärt, sie wollte mit ikonischen Bildern „das typische 90er-Jahre-Gefühl vermitteln“. Und deshalb hätte sie nach „einer bestimmten Energie“ gesucht.

Und die gibt’s reichlich in der schick arrangierten Show, die ihren Titel „Captivate!“ (bestechen, bezaubern) zu Recht trägt. Gleich vorne strahlen und kuscheln fünf der berühmten Mädels in blitzweißen Shorts und bauchfreien roten Ringelpullis auf einem überlebensgroß plakatierten Foto, das Herb Ritts 1993 für die amerikanische Vogue schoss. Claudia liegt da vor Helena Christensen, Stephanie Seymour, Christy Turlington und Naomi Campbell. Sexy sehen sie aus, zugleich aber auf eine schlanke Weise prall und gesund. „Der Geist dieses Bildes ist euphorisch, er ist optimistisch“, stellte die legendäre Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour fest. Von Schatten (noch) keine Spur.

Wo die Girls golden glänzen

Das durfte glänzen und funkeln wie auf einem Bild von Doug Ordway, der 14 Models in goldenen Versace-Kettenhemdkleidern 1995 backstage vor goldener Stoffwand posieren ließ. Carla Bruni, die spätere Gattin eines französischen Präsidenten, ist übrigens auch dabei. Der Fotograf Peter Lindbergh (1944-2019), der erst im letzten Jahr vom Kunstpalast gewürdigt wurde, bevorzugte eine andere Ästhetik. Er zeigte die Girls ernster, privater, am liebsten in Schwarz-Weiß. „Wild at heart“ stehen sie da mit Schlägermützen, Lederjacken und Stiefeln in einer verregneten Straße. Doch sie tragen dabei niedliche Miniröcke und bleiben doch immer die Prinzessinnen ihrer Epoche.

Mit einer himmelblauen Robe aus einer Versace-Modenschau 1994 erinnert Madame Claudia an einen ihrer „Lieblingsmomente“. Sie lief zu einem Song von Prince über den Catwalk – und sah, dass der Popstar selbst in der ersten Reihe saß. Wow! In dem Raum „My 90s“ zeigt die Kuratorin einige ihrer zahllosen Covers aus der eigenen Sammlung. In einer Vitrine liegt eine Birthday-Zeichnung von Karl Lagerfeld, der ihr 1993 „ein wunderbares neues Lebensjahr“ wünschte und die Lady in Claudia entdeckte. Auf Fotos aus dem zentralen Jahr 1995 trägt sie eine kinnlange Wellenfrisur und zeigt ausnahmsweise nicht die Zähne, sondern einen leicht hochmütigen Gesichtsausdruck, passend zur Chanel-Kollektion.

Keine Angst vor dem Laufsteg

Über einen Laufsteg mit Spiegeln, Lichtern und Videos, wo die modische Haltlosigkeit der meisten Besucher peinlich offenbar wird, geht es weiter zu einem wandhohen Bild, das man heute mit gemischten Gefühlen sieht. Richard Avedon fotografierte Nadja, Christy, Claudia, Cindy und Stephanie als Lolitas, die Söckchen in ihren Pumps tragen und mit sexualisierter Kindchen-Pose ihre Versace-Minis lupfen. So etwas löst heutzutage gleich säuerliche Moraldebatten aus. Wir haben die Unbefangenheit verloren und sehen mit nostalgischem Blick auf das bunte Spiel der Freiheit in den 90ern, als Claudia Schiffer in einer Fotostrecke von Ellen von Unwerth mit steifen Ärmchen und gigantischen Haaren als Barbie-Puppe („Real Barbie“) inszeniert wurde. Alle hatten ihren Spaß daran.

Statt Smartphones gab es damals noch die Sofortkamera Polaroid – ein ganzer Raum ist mit solchen Schnappschüssen gestaltet. Gleich dahinter reckt Amber Valletta in einem roten Bikini die Arme in die Höhe und lacht fröhlich in der Sonne zwischen den Beach-Boys von Rio de Janeiro. Shooting-Reisen rund um die Welt waren natürlich noch völlig normal, nur Sonderlinge hatten ökologische Bedenken. Was trotz aller Kritik gleich blieb, ist der Konsum. Dem kann man gleich im Museumsshop frönen, wo Vintage-Modemagazine für 30 Euro und T-Shirts aus Claudia Schiffers „Super Réal“ Kollektion für 100 Euro angeboten werden. Das 90er-Jahre-Gefühl hat seinen Preis.

Das Supermodel ist museumsreif

„Captivate! Modefotografie der 90er, kuratiert von Claudia Schiffer“: bis 9. Januar 2022 im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Der Eintrittspreis von 12 Euro gilt auch für die parallele Kunstausstellung „Barock Modern“ (Bericht unten). Zu „Captivate“ ist im Prestel-Verlag ein luxuriös gestalteter, in Leinen gebundener Katalog erschienen: 55 Euro, Museumsausgabe 48 Euro. Öffentliche Führungen für 5 Euro extra: Do. 18 Uhr und Sa. 14 Uhr. Anmeldung erforderlich. Informationen und Begleitprogramm unter www.kunstpalast.de

Technik und Traum:

"Paradies" am Ehrenhof 

Wald der Träume: Installation in der Paradies-Schau des NRW-Forum.

Raus aus dem Käfig will die Avatarin der Künstlerin Paola Pinna.

Mit der 3D-Vision lässt Vesela Stanoeva die "Innere Sonne" aufgehen.

"Between the Clouds": Nebelmaschine des Künstlerteams Murakami/Groves.

Alles Illusion: Virtueller Brunnen mit Tänzerin bei der AR Biennale.

Das wahre Leben ist ja gerade nicht so lustig: Pandemie, globale Krisen, Klimakatastrophen. Zur Ablenkung guckt der Mensch tagein tagaus aufs Smartphone, aber das erzeugt ein schales Gefühl. Wie gut, dass es das NRW-Forum gibt, wo der künstlerische Leiter Alain Bieber beweist: Mit Hilfe von smarter Technologie können auch wahrhaftige Erlebnisse geschaffen werden. Die AR Biennale schickt Spaziergänger auf die Suche nach virtuellen Kunstwerken in echter Natur. Und im Haus gibt es einen ganz besonderen Abenteuerspielplatz aus optischen Illusionen und handfesten Installationen: „Willkommen im Paradies“.

Das gefällt garantiert auch dem Nachwuchs, der keinen Bock auf Museen hat – und die ältere Generation trainiert nebenbei ihre technischen Fähigkeiten. Also: Frisch gewagt! An der Kasse sollte man sich erst einmal zwei Apps herunterladen: für die Augmented Reality (AR) draußen und eine kleine Pixeljagd („Alpha“) drinnen. Denn nur, wer an vier verschiedenen Stellen in zwei Sälen genügend schwarze Pixelpunkte sammelt, besitzt am Ende den kompletten QR-Code für einen letzten Raum, wo der Franzose Fabien Prioville mit seiner Tanzkompanie eine Video-Vorstellung gibt.

Zeit der inneren Befreiung

Aber zuerst gehen wir im Erdgeschoss links durch einen Vorhang in eine Dunkelheit, wo es leuchtet, raunt und rasselt. Gleich vorne tritt, von der Italienerin Paola Pinna programmiert, eine puppenhafte Avatarin aus dem metaphorischen Käfig ihrer Empfindungen, während die Stimme einer spirituellen You-Tube-Lehrerin mahnt: „The time has come to set yourself free.“ Zeit, sich zu befreien. Wir sind so frei und schleichen um die Ecke, wo der Schwarzlichtmaler Eugen Schramm auf der Wand diamantengleiche Sterne schweben lässt. Links lädt Co-Kuratorin Vesela Stanoeva zur Entdeckung der „Inneren Sonne“ in einem lila leuchtenden Spiralraum. Rechts bewegt sich ein großes Mobile, das die Mülheimer RaumZeitPiraten aus Röhren, Kabeln, Lichtern, allerlei flirrenden Elementen, Steckdosen und Motörchen konstruiert haben.

Irgendwie scheint das Ding auf die Annäherung der Besucher empfindlich zu reagieren. Es zuckt so mit den Gliedern. „Guerilla-Performance-Maschinen“ nennt das kreative Team diese witzig-moderne Sorte kinetischer Kunst. Die Britin Hazel Brill will tiefer in das menschliche Gemüt eindringen. In ihrer Video-Installation „Greetings“ sieht man innerhalb einer brustkorbartigen Skulptur unter anderem eine geisterhafte Hand beim Zeichnen, ein außerirdisch wirkendes Wesen spielt die Geige, Farben und Formen vermischen sich zu einem irritierenden Traumspiel. Aber es kommt noch viel wundersamer. Durch eine Dornröschenhecke aus blutroten Foto-Geflechten (Dagmar Hugk) geht es weiter in einen Märchenwald mit Wow-Effekt.

Baden im Fluss aus Licht

Die PriseSalz Crew aus dem Ruhrgebiet hat aus allerlei Recycling-Material einen riesigen Baum und viele kleine Ranken und Büsche gepflanzt. Wie Laternen hängen leuchtende kleine Hausgebilde in den Zweigen – doch die Stadt ist fern, nicht mehr als eine Erinnerung. Eine Projektion versetzt uns in die „Woodlands“, eine menschenleere, sonnendurchflutete Ur-Landschaft mit Wäldern, Wasserfall und Bergen, die Barbara Herold & Florian Huth am Computer geschaffen haben. Gegenüber strömt ein Fluss aus buntem Licht über Wand und Boden. Tina Malburg und Emil Cyrill Gerhardt vom MireviLab der Hochschule Düsseldorf sorgten für diesen interaktiven „Paradise Stream“. Man darf darin sogar baden und Farbwirbel erzeugen.

Für alle, die sich nicht satt sehen können und noch ein bisschen verweilen wollen in diesem Garten Eden der Zivilisationsflucht, haben die Kreativen der PriseSalz Crew ein Baumhaus mit gemütlichen Polsterbänken gebaut. Davor flackert und qualmt sogar die Simulation eines Lagerfeuers. Und hätte man nicht die ganze Zeit die verflixte Atemschutzmaske auf, könnte man vielleicht sogar die Naturdüfte der Firma Scentcommunication wahrnehmen.

Wo der künstliche Nebel wallt

Ein bisschen unheimlich ist sie schon, die Illusion, für die man keine Außenwelt mehr braucht. Auf der anderen Seite des NRW-Forums sieht das anders aus. Im hellen, fast grellen Licht steht da eine spröde Computerinstallation des Japaners Noriyuki Suzuki: Der Apfel (der Erkenntnis?) hängt wie ein Planet in einem astronomischen Gestell und wird virtuell zerlegt. In Audio-Programmen spottet die Österreicherin Christiane Peschek ein wenig über die Digitalisierung der Wellness- und Entspannungsindustrie, während die Französin Sandrine Deumier mit 3D-Vision in ihren virtuellen „Intimate Garden“ bittet.

Hinter verspiegelten Wänden (keine Kunst, nur Raumgestaltung) wird’s noch einmal romantisch: Da wallt ein künstlicher Nebel, in dem Ringe wie Rauchzeichen auftauchen und verschwinden. Die japanische Architektin Azusa Murakami und der britische Künstler Alexander Groves haben dazu Düfte von Früchten, Holz und Gras freigesetzt. Aber: Die Masken verhindern auch hier die Fein-Wahrnehmung.

Der unsichtbare Skulpturenpark

Aufatmen und nach Belieben schnuppern darf man hingegen bei der AR Biennale am Ehrenhof und im Hofgarten. Wer sich die AR-App aufs Smartphone oder Tablet geladen hat, besitzt den Schlüssel zu einem für das bloße Auge unsichtbaren Skulpturenpark. 19 Künstler*innen aus der Welt der „Erweiterten Wirklichkeit“ haben insgesamt 35 Werke auf Wegen und Wiesen versteckt – wie man es aus dem Pokémon-Go-Spiel kennt. Schilder mit QR-Codes markieren die Zugänge. Und natürlich: Es macht großen Spaß, auf die Pirsch zu gehen.

Ich sehe was, was du nicht siehst: ein walartiges Flugwesen über dem Museum, eine Tänzerin im Brunnen, eine Fee, die aus dem Gebüsch tanzt, einen Klabautermann, der Kunst geklaut hat. Imaginäre Blumen, schwebende Sprüche – die Kunst will nur spielen. Das Londoner Studio Above&Below stellt allerdings einen kritischen Bezug zur Realität her. Ein Schwarm vogelartiger Punkte reagiert sensortechnisch auf die aktuelle Luftverschmutzung. Je mehr Punkte, desto mieser ist die Luft am Rhein. Da holt das wahre Leben uns ein.

Was, wann und wo?

„Willkommen im Paradies“ heißt es bis zum 9. Januar 2022 im NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2. Geöffnet Di., Mi., Sa./So. 11 bis 18 Uhr, Do. und Fr. 11 bis 21 Uhr. Eintritt: 7,50 Euro. Die AR Biennale am Ehrenhof und im Hofgarten kann bis zum 20. Februar 2022 jederzeit bei Tageslicht erforscht werden. Man braucht dazu die App „AR Biennale“ (kostenlos im App-Store). Damit kann man die QR-Codes auf den Hinweisschildern scannen. Sofort erscheinen die Skulpturen und Performances auf dem Display und lassen sich auch in der App fotografieren. 13 Werke sind auf diese Weise frei zugänglich, weitere 22 Werke kann man für insgesamt 4,99 Euro freischalten. Informationen und Begleitprogramm www.nrw-forum.de

Fünf Japaner und ihre Freunde in der Kunsthalle

Kleine Köpfe in quadratischem Format gehören zum skurril-poetischen Werk von Nakahara Masao.

Keine Höhenangst: Direkt auf die Wand malt Anca Muresan (hier mit Kunsthallendirektor Gregor Jansen).

Das "Zentraal Theater" seines Lebens präsentiert der junge Künstler Arakawa Soya in einer Installation mit Video.

Garderobenvitrinen als Konzeptkunst: Karin Sander lädt das Publikum zum Mitmachen ein.

In einem vibrierenden Folienobjekt von Magdalena Jetelová spiegelt sich der „Gartenzaun“ ihrer Ex-Studentin Ando Yukako.

Jeder Mensch ist ein Künstler, das hat der alte Beuys uns beigebracht. Nur zu! Gleich am Eingang der Düsseldorfer Kunsthalle können die Klamotten zur temporären Skulptur werden. Zehn gläserne Garderobenschränke dienen nach dem Konzept von Karin Sander als Kreativräume. Ein bewusst aufgehängter Mantel und der abgelegte Rucksack zum Beispiel ergeben eine Art temporäres Selbstporträt. Sanders japanischer Kollege Takeoka Yuji hat neben einem akkuraten Jackett seine tadellos geputzten schwarzen Lederschuhe hier gelassen – in Japan betritt man Innenräume barfuß. Um Kommunikation zwischen den Kulturen geht es in der japanisch inspirierten Ausstellung „Tomodachi to: Mit Freund*innen“. Eine Freude.

Irgendwas mit Japan wollte Direktor Gregor Jansen machen. Schließlich haben wir hier mit 8400 Japanern die drittgrößte Nippon-Community Europas (früher war es mal die größte, jetzt sind London und Paris vorn). Und in diesem Jahr wird die deutsch-japanische Freundschaft offiziell 160 Jahre alt, anno 1861 wurde das erste Handelsabkommen zwischen Japan und den Preußen abgeschlossen. Obgleich in dieser verflixten Corona-Zeit kein unkompliziertes Reisen möglich ist, gibt es doch Verbindungen. Viele asiatische Talente studieren und reüssieren an der Düsseldorfer Akademie. Jansen und seine Kuratorin Alicia Holthausen suchten fünf bekannte japanische Künstler*innen (mit korrektem Gender-Sternchen) für die Schau aus und ließen diese wiederum fünf befreundete Kolleg*innen dazu einladen.

Gegensätze ziehen sich an

Was dabei entstand, ist eine überaus reizvolle Mischung. Gleich und gleich gesellt sich gern? Von wegen! Wie eine gewaltige Welle erhebt sich die zwei Etagen hohe, gestische Wandmalerei „Der Riss“ von Anca Muresan über den feenhaft zarten Pastellbildern ihrer Freundin Murase Kyoko. Die beiden Frauen studierten gemeinsam vor über 20 Jahren bei Konrad Klapheck an der hiesigen Akademie. Und obgleich die gebürtige Rumänin Muresan mit einem ganz anderen Temperament arbeitet und riesige Säle spontan mit ihren Farbschlägen, Wortskizzen und eingefügten Objekten erobert, hat Murase Kyoko sie eingeladen, die eigenen haarfeinen Figurationen zu ergänzen.

Gerade diese Art von Spannung erzeugt Aufmerksamkeit – genau wie andere Paarungen, die man einander nicht so ohne weiteres zuordnen würde. Ein riesiger „Gartenzaun“, schnörkelig geformt, neongelb lackiert, hängen mit offenen Törchen an der Wand und umschließt das weiße Nichts wie eine Verheißung. Der Zaun wurde von der Bildhauerin Ando Yukako geschaffen und spiegelt sich in einem monumentalen Folienobjekt ihrer ehemaligen Akademie-Professorin Magdalena Jetelová. Die 75-jährige Tschechin lässt die Spiegelfläche von den Bässen einer John-Cage-Komposition irritierend vibrieren, nur ein aufgedruckter Satz scheint stillzustehen: „essential is no longer visible“, das Wesentliche ist nicht mehr sichtbar.

Wo die bösen Kinder lauern

Sehr sichtbar sind die, so Jansen, „bösen Kinder“ des Penck-Schülers und Interim-Kölners Nara Yoshitomo (62), der in seiner Heimat zu einem Pop-Art-Superstar geworden ist. Auf einem Bild aus seiner deutschen Zeit schneidet ein garstiges Mädchen mit einer Säge ein Blümchen ab („Dead Flower“), es blutet ein bisschen. Gemein. Ein neueres Bild zeigt eine niedliche Figur mit verpflastertem Auge. Nach einer Schlägerei? Viel Aufsässigkeit steckt in den scheinbar harmlosen, comichaften Gestalten, fern der japanischen Höflichkeit und Zurückhaltung.

Auch Nakahara Masao, der von Yoshitomo eingeladen wurde, arbeitet so ganz anders, als man gemeinhin von Japanern erwartet. Er hat in den 1980er-Jahren in seiner Wahlheimat Düsseldorf unter anderem bei Dieter Krieg studiert, dem Meister einer kraftvoll ungestümen Malerei. Damals entstand ein wildes Bild seiner „Eltern“ als gesichtslose Erscheinungen. Masao wäre sicher schnell bekannt geworden. Aber er gründete eine Familie und, so schmunzelt er: „Ich musste Geld verdienen.“ Erst heute, im reiferen Alter, konzentriert sich der 65-Jährige wieder auf Kunst, soweit das zu Hause möglich ist. In der oberen Etage der Kunsthalle präsentiert er witzig-poetische Kopfbilder sowie kleine Skulpturen aus Pappmaché und Wachs, von denen nicht nur Jansen begeistert ist: „Eine Entdeckung!“

Das Strenge und das Üppige

Gegenüber an der Wand verbreitet die Minimal Art von Takeoka Yuji stille und strenge Ästhetik. Auch die Abtrennung mit Pfosten aus vergoldetem Stahl ist eine Skulptur, sie darf zwar umgangen werden, schafft aber eine gewisse innere Distanz. Der 1946 in Kyoto geborene und bis heute in Düsseldorf lebende Heerich-Schüler Yuji (der Karin Sander einlud) entwirft sachliche Abstraktionen mit dem gewissen Kick. Unter einem transparenten Acylglaskasten („Site Case“) soll nach seinem Plan ganz akkurat die Wand des jeweiligen Ausstellungsraums aufgeschnitten werden. Was zum Vorschein kommt, wird so zum Bild. In der Kunsthalle ist es eine silbern glänzende Alufoliendämmung. Das war dem Künstler absolut recht. Und der Betrachter ist beeindruckt.

Der junge Kinoshita Ryo, der erst 2018 seinen Akademie-Abschluss machte, arbeitet ganz anders – fantasievoll, ohne Angst vor Kitsch. Mit Perlen, Nieten und zuckergussartigen Farbsträngen zaubert er dekorative Reliefs, auf denen viel zu entdecken ist: Katzen, Schattenfiguren, verschlungene Wege. Außerdem konstruiert er verspielte Skulpturen mit Holzklötzchen und Plastikköpfen. Sein Freund Arakawa Soya, den Ryo zur Schau einlud, verwirklicht sich ganz anders. In einer Installation mit Erinnerungsstücken und einem textreichen Video von Aktionen am Rheinufer präsentiert der Sohn eines japanischen Töpfers und Schüler von Rita McBride „Das Zentraal Theater“ seines Lebens.

Was, wann und wo?

Die Ausstellung „Tomodachi to: Mit Freund*innen“ ist bis zum 24. Oktober in der Kunsthalle Düsseldorf am Grabbeplatz 4 zu sehen. Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 6 Euro. Masken- und Abstandspflicht. www.kunsthalle-duesseldorf.de

Kunstpalast: Barocker Blick auf die Moderne 

Das Kuratorenduo Gunda Luyken und Daniel Cremer vor einer Venus des Herman van der Mijn.

Kunstpalast-Chef Felix Krämer zwischen einem „Vanitas-Migof“ von Bernard Schultze (1915-2005) und einem barocken "Blumenstillleben mit Ecce Homo".

Jungfrau Maria aus Lindenholz (um 1700) neben einer informellen Malerei von K. O. Götz: „Giverny III/2“, 1987.

Leuchtobjekte und Feuergouachen von Zero-Mitbegründer Otto Piene (1928-2014) sollen an die Feste des Barock erinnern.

Gotthard Graubner (1930-2013), der Leinwände aufpolsterte und in Farben schwelgte, liebte die Musik von Vivaldi.

Na, was hätten Sie denn gerne? Moderne Kunst oder alte Malerei? Sowohl das vom persönlichen Geschmack geleitete Publikum als auch die hochspezialisierte Wissenschaft sind an saubere Aufteilungen gewöhnt. Dabei kann eine Mischung viel inspirierender sein. „Barock Modern“ präsentiert jetzt der Düsseldorfer Kunstpalast. Zu Ehren des Sammlers Willi Kemp (1927-2020), der dem städtischen Institut vor zehn Jahren rund 3000 Werke der Nachkriegs-Avantgarde stiftete, treten zehn Meister des späten 20. Jahrhunderts in einen ästhetisch-philosophischen Dialog mit Kollegen aus einer lang versunkenen Zeit. Barock ist ein Lockvogel – sogar für die Abstraktion.

Teuer versicherte Leihgaben und aufwändige Transporte wurden diesmal nicht benötigt, die Schau kommt gewissermaßen im Sparpaket. Die Kuratorin Gunda Luyken und Volontär Daniel Cremer bedienten sich nur aus der reichhaltigen Sammlung des Hauses, dessen musealer Teil sich zurzeit ohnehin im Umbau befindet. Das ist nachhaltig gedacht. Und brachte doch frische Erkenntnisse. Näher als erwartet sind sich die alte und die neue Kunst. Über Epochen hinweg gilt, was Gunda Luyken sagt: „Künstlerische Fragestellungen ändern sich nicht.“

Es geht um Bewegung und Energie

So verachtete man nach 1950 zwar die figurative Malerei und suchte das Heil in der Gegenstandslosigkeit, aber ganz wie im Barock ging es um Bewegung und Energie, Licht und Schatten, um den Gedanken an die Vergänglichkeit und das Fest des Lebens. Und ja, zwei völlig verschiedene Werke wie das 1967 entstandene Wandobjekt „Vanitas-Migof“ von Bernard Schultze (1915-2005) und ein „Blumenstilleben mit Ecce Homo“ des flämischen Malers Gaspar Peeter Verbruggen (1635-1681) haben eine geradezu spirituelle Verbindung. Genau, wie Verbruggen seinen leidenden Christus mit blühenden und welkenden Blumen umrankte, ließ Schultze seine „Migofs“ (eine Malerei-Skulpturen-Mischung) aus Draht, Plastik und Ölfarbe wuchern, um Werden und Vergehen leidenschaftlich auszudrücken.

Während Schultze schon mal eine Schaufensterpuppe malträtierte, bis sie wie das Opfer einer Katastrophe aussah, wobei sie ihre Contenance und das milde Lächeln behielt („Mannequin-Migof“), verwandelte der gleichaltrige Informel-Meister Karl-Otto Götz alles in malerische Gesten. Auch Landschaften. Sein „Dovre“ aus dunklen und hellen Pinselschwüngen wurde vom norwegischen Herbst beflügelt, gelb und rot blitzt sein monumentales „Giverny III“. Daneben steht eine sanfte Madonna aus Lindenholz (um 1700). Sehr anders? Wer nur die vergoldeten Falten ihres Kleides betrachtet, erkennt plötzlich abstrakte Strukturen – wie bei den Gewandstudien des italienischen Barockmeisters Giovanni Battista Gaulli (um 1698).

Himmelsstürmer und Karnickelköttel

Fallende „Himmelsstürmer“ auf alten Kupferstichen passen mit ihren haltlosen Gliedern vortrefflich zu den stürzenden Linien auf Götz-Lithografien. Und weiter hinten erzählt ein 1620 entstandenes „Stillleben mit halbiertem Hering“ einfach nur ein bisschen schöner vom Weg alles Irdischen als das „Käserennen“ von Dieter Roth, der 1971 eine Art Relief aus zähflüssigen Käsesorten klebte. Das fiese Zeug sollte sich langsam auflösen und ist als bräunliche Spur bis heute erhalten geblieben – genau wie Roths berühmte Karnickel aus Karnickelkötteln.

Der Zeitgeist der frühen 70er-Jahre verlangte solche Provokationen. Auf dem Gebiet der Erotik profilierte sich da Roths damalige Geliebte Dorothy Iannone, eine amerikanische Künstlerin, die in scheinbar dekorativen, ornamental komponierten Farbzeichnungen fröhliche Sexszenen verbarg. Eine „Singing Box“ mit Dorothys nicht zu überhörender Stimme liefert den leicht nervigen Soundtrack dazu.

Hommage an den Sammler

Weiter vorne blitzt still ein kugeliges Neonobjekt des Zero-Mitbegründers Otto Piene. An der Wand leuchten einige seiner „Feuergouachen“, ein Film dokumentiert den „Sky Event“ von 1996, als Piene über dem Ehrenhof Ballonobjekte und einen Mann im Glitzeranzug schweben ließ. Die Kuratoren fühlten sich von den Aktionen Pienes an die Feuerwerke der Barockzeit erinnert – Feste, die das Bewusstsein des Menschen von der Erdenschwere lösen sollten.

Auch der Sammler Willi Kemp, Steuerberater von Beruf, verwandelte den Alltag mit Hilfe der Kunst, wie ein 3-D-Scan seiner Wohnung zeigt. Eine kleine, von Kay Heymer arrangierte „Hommage an Willi Kemp“ mit Büchern, Fotos, Briefen erinnert an den erst kürzlich mit 93 Jahren verstorbenen Mäzen. Der alte Herr fand übrigens die Idee, seine modernen Schätze mit Barock zu verbinden, sehr reizvoll: „Ich möchte sehen, wie das wirkt“, so wird er von Museumschef Felix Krämer im Katalog zitiert. Es war ihm nicht mehr vergönnt.

Was, wann und wo?

„Barock Modern“: bis 17. Oktober im Kunstpalast, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Ein Katalog ist im Wienand-Verlag erschienen und kostet 25 Euro. Zeitfenstertickets und Anmeldung für Führungen, auch digital, im Webshop unter www.kunstpalast.de

Sammlung Philara: Die Kraft der Frauenkunst

Schlüsselobjekt von Rita McBride, Textilcollagen von Yesim Akdeniz bei Philara.

Der Raum als Gesamtkunstwerk von Sabrina Fritsch.

Schattenspiel in einer Lichtinstallation von Nan Hoover.

In der Schwebe: Franka Hörnschemeyers "Transponder".

Spiegelungen von Dan Graham gibt es im Dachgarten der Sammlung Philara.

Die Absicht wird nicht so ganz klar. Nur aus einem spröde formulierten und winzig bedruckten Doppelblatt kann man schließen, dass sich die Sammlung Philara mit ihrer Ausstellung „Mirrors and Windows“ dem, so heißt es, „hundertjährigen Jubiläum der Zulassung von Frauen“ an der Akademie Düsseldorf widmet. Ein wichtiges kunsthistorisches Thema, was aber nur als Gedanke über der Präsentation schwebt. Auch über die beteiligten 18 Künstlerinnen, allesamt ehemalige und aktuelle Professorinnen, lernt man wenig. Aber die Schau in Düsseldorfs coolster Kunst-Location ist wieder mal toll.

Während in öffentlichen Institutionen die beteiligten Wissenschaftler*innen jahrelang an dicken Katalogen arbeiten, hat ein privates Haus wie die Sammlung der Familie Bronner schlankere Konzepte. Weniger Worte, weniger Didaktik, mehr pure Kunst. Ein Besuch in der umgebauten Glasfabrik an der Birkenstraße ist immer ein Erlebnis für alle, die Lust haben, sich auf zeitgenössische Ideen einlassen und selbst darüber nachzudenken.

Die Schlüssel zur Macht

Gleich vorne, in der verspiegelten Eingangshalle, hängt ein riesiger Schlüsselbund an einem Industrie-Karabiner von der Decke: ein Objekt der Bildhauerin Ritas McBride, die mit diesem einfachen Symbol über Teilhabe und Macht reflektiert. Wer die Kontrolle über die Schlüssel hat, kann entscheiden, welche Tür offensteht, wer dabei sein darf. Die Amerikanerin selbst hatte es bekanntlich geschafft: Nach Gastprofessuren in München und Paris war sie von 2013 bis 2017 Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie, erst die zweite Frau nach Irmin Kamp, die in den 1980er-Jahren an der Spitze der renommierten Hochschule stand.

An der Wand hängen monumentale Textilcollagen, mit denen die 43-jährige Professorin Yesim Akdeniz ein ironisches „Selfportrait as an Orientalist Carpet“ (Selbstporträt als Orientteppich) geschaffen hat. In der Serie verarbeitet sie Polsterstoffe mit Knöpfen, Fransen, Reißverschlüssen, benutzt also Materialien häuslicher Gemütlichkeit und führt sie ad absurdum. In den Nebenräumen wird die Atmosphäre noch dichter. Malerei-Professorin Sabrina Fritsch (42), die im letzten Jahr als Landsberg-Preisträgerin einen Saal des Kunstpalastes spektakulär verwandelt hatte, schafft hier durch eine konstruktivistisch klare Bemalung von vier Wänden eine einmalige Umgebung für ihre abstrakten Bilder, die das Auge durch feine Unschärfe irritieren.

Schattenspiel im roten Licht

Hinter einem Vorhang öffnet sich ein zweiter Raum als Gesamtkunstwerk: Aus schwarzen Stelen und roter Beleuchtung wurde die Installation „Metropolis“ rekonstruiert. 2006, zwei Jahre vor ihrem Tod, hatte die amerikanische Video- und Lichtkünstlerin Nan Hoover (1931-2008), eine emeritierte Düsseldorfer Akademie-Professorin, dieses magische Werk entworfen. Die Schatten der Besucher spielen mit. Sie huschen wie flüchtige Passanten zwischen den dunklen Blöcken, die an Hochhäuser erinnern.

In den white cubes auf der anderen Seite geht es strenger zu. Aus Transportkisten und Stahlseilen hat die in Berlin lebende und in Düsseldorf lehrende Bildhauerin Franka Hörnschemeyer eine Konstruktion gemacht, die schwere Dinge scheinbar in der Schwebe hält („Transponder 121“). Die Israelin Keren Cytter (43), Professorin für Freie Kunst, kombiniert feine Zeichnungen mit beunruhigenden Videos über einen Streit zwischen Liebenden, der offenbar blutig endet.

Gefühle aus der Vergangenheit

Ganz still kommt die Erzählung der ebenfalls mehrfach begabten Bildhauerei-Professorin Dominique Gonzalez-Foerster (56). Sie zelebrierte „Nos Années 70“ (unsere 70er-Jahre) 1992 mit einer rot bezogenen Matratze vor einer lila Wand. Ein paar private Fotos, ein paar Bücher in der Ecke und ein leicht kitschiger Wandbehang ergänzen das Denkmal für ein vergangenes Lifestyle-Gefühl. Beängstigend sind frühe Ölbilder der heute 83-jährigen Professorin Rissa, bürgerlich Karin Götz, die Ende der 1960er-Jahre ganz dezent ihre Visionen von Gewalt malte: eine Hand, rot von der Flamme einer „Kerze“, eine andere Hand, deren Finger gleich von einem „Messer“ zerschnitten werden könnten.

Manche der beteiligten Frauen sind weltberühmt geworden. Hilla Becher (1931-2007) leitete mit ihrem Mann Bernd die Fotografie-Klasse der späteren Stars. Jede*r kennt auch Katharina Grosse, die nach ihrer Professur in Düsseldorf nun in Berlin und dem Rest der Welt viel Aufsehen erregt durch kraftvolle Farbmalerei, von der man bei Philara ein Beispiel sieht. Oder Rosemarie Trockel, 2016 emeritierte Professorin, die ihre Konzepte stricken ließ. Von ihr stammt ein 1986 entstandenes Objekt aus einem platten Torso-Kleiderbügel und wollenen Pulloverärmel mit blutrotem Bündchen, gewidmet den lieben, vermutlich männlichen Kollegen: „My Dear Colleagues“. Maliziös ...

Was, wann, und wo?

Die Sammlung Philara mit der Sonderausstellung „Mirrors and Windows“ (bis 3. Oktober) ist vier Tage in der Woche geöffnet: Do. 14 bis 18 Uhr, Fr. 14 bis 20 Uhr, Sa. und So. 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt in das Haus im Hof der Birkenstraße 47a ist frei, Spenden werden begrüßt. Zu empfehlen ist auch ein Besuch des Skulpturengartens auf der Dachterrasse, wo ganz hinten ein Glaspavillon von Dan Graham für spiegelndes Vergnügen sorgt. Stärkung gibt es danach im Bulle Bistro, wo nicht nur der Käsekuchen köstlich schmeckt. www.philara.de

Kunst ist Lebensart:

LRRH_Aerial Altstadt

Die Absicht wird nicht so ganz klar. Nur aus einem spröde formulierten und winzig bedruckten Doppelblatt kann man schließen, dass sich die Sammlung Philara mit ihrer Ausstellung „Mirrors and Windows“ dem, so heißt es, „hundertjährigen Jubiläum der Zulassung von Frauen“ an der Akademie Düsseldorf widmet. Ein wichtiges kunsthistorisches Thema, was aber nur als Gedanke über der Präsentation schwebt. Auch über die beteiligten 18 Künstlerinnen, allesamt ehemalige und aktuelle Professorinnen, lernt man wenig. Aber die Schau in Düsseldorfs coolster Kunst-Location ist wieder mal toll.

Während in öffentlichen Institutionen die beteiligten Wissenschaftler*innen jahrelang an dicken Katalogen arbeiten, hat ein privates Haus wie die Sammlung der Familie Bronner schlankere Konzepte. Weniger Worte, weniger Didaktik, mehr pure Kunst. Ein Besuch in der umgebauten Glasfabrik an der Birkenstraße ist immer ein Erlebnis für alle, die Lust haben, sich auf zeitgenössische Ideen einlassen und selbst darüber nachzudenken.

Die Schlüssel zur Macht

Gleich vorne, in der verspiegelten Eingangshalle, hängt ein riesiger Schlüsselbund an einem Industrie-Karabiner von der Decke: ein Objekt der Bildhauerin Ritas McBride, die mit diesem einfachen Symbol über Teilhabe und Macht reflektiert. Wer die Kontrolle über die Schlüssel hat, kann entscheiden, welche Tür offensteht, wer dabei sein darf. Die Amerikanerin selbst hatte es bekanntlich geschafft: Nach Gastprofessuren in München und Paris war sie von 2013 bis 2017 Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie, erst die zweite Frau nach Irmin Kamp, die in den 1980er-Jahren an der Spitze der renommierten Hochschule stand.

An der Wand hängen monumentale Textilcollagen, mit denen die 43-jährige Professorin Yesim Akdeniz ein ironisches „Selfportrait as an Orientalist Carpet“ (Selbstporträt als Orientteppich) geschaffen hat. In der Serie verarbeitet sie Polsterstoffe mit Knöpfen, Fransen, Reißverschlüssen, benutzt also Materialien häuslicher Gemütlichkeit und führt sie ad absurdum. In den Nebenräumen wird die Atmosphäre noch dichter. Malerei-Professorin Sabrina Fritsch (42), die im letzten Jahr als Landsberg-Preisträgerin einen Saal des Kunstpalastes spektakulär verwandelt hatte, schafft hier durch eine konstruktivistisch klare Bemalung von vier Wänden eine einmalige Umgebung für ihre abstrakten Bilder, die das Auge durch feine Unschärfe irritieren.

Schattenspiel im roten Licht

Hinter einem Vorhang öffnet sich ein zweiter Raum als Gesamtkunstwerk: Aus schwarzen Stelen und roter Beleuchtung wurde die Installation „Metropolis“ rekonstruiert. 2006, zwei Jahre vor ihrem Tod, hatte die amerikanische Video- und Lichtkünstlerin Nan Hoover (1931-2008), eine emeritierte Düsseldorfer Akademie-Professorin, dieses magische Werk entworfen. Die Schatten der Besucher spielen mit. Sie huschen wie flüchtige Passanten zwischen den dunklen Blöcken, die an Hochhäuser erinnern.

In den white cubes auf der anderen Seite geht es strenger zu. Aus Transportkisten und Stahlseilen hat die in Berlin lebende und in Düsseldorf lehrende Bildhauerin Franka Hörnschemeyer eine Konstruktion gemacht, die schwere Dinge scheinbar in der Schwebe hält („Transponder 121“). Die Israelin Keren Cytter (43), Professorin für Freie Kunst, kombiniert feine Zeichnungen mit beunruhigenden Videos über einen Streit zwischen Liebenden, der offenbar blutig endet.

Gefühle aus der Vergangenheit

Ganz still kommt die Erzählung der ebenfalls mehrfach begabten Bildhauerei-Professorin Dominique Gonzalez-Foerster (56). Sie zelebrierte „Nos Années 70“ (unsere 70er-Jahre) 1992 mit einer rot bezogenen Matratze vor einer lila Wand. Ein paar private Fotos, ein paar Bücher in der Ecke und ein leicht kitschiger Wandbehang ergänzen das Denkmal für ein vergangenes Lifestyle-Gefühl. Beängstigend sind frühe Ölbilder der heute 83-jährigen Professorin Rissa, bürgerlich Karin Götz, die Ende der 1960er-Jahre ganz dezent ihre Visionen von Gewalt malte: eine Hand, rot von der Flamme einer „Kerze“, eine andere Hand, deren Finger gleich von einem „Messer“ zerschnitten werden könnten.

Manche der beteiligten Frauen sind weltberühmt geworden. Hilla Becher (1931-2007) leitete mit ihrem Mann Bernd die Fotografie-Klasse der späteren Stars. Jede*r kennt auch Katharina Grosse, die nach ihrer Professur in Düsseldorf nun in Berlin und dem Rest der Welt viel Aufsehen erregt durch kraftvolle Farbmalerei, von der man bei Philara ein Beispiel sieht. Oder Rosemarie Trockel, 2016 emeritierte Professorin, die ihre Konzepte stricken ließ. Von ihr stammt ein 1986 entstandenes Objekt aus einem platten Torso-Kleiderbügel und wollenen Pulloverärmel mit blutrotem Bündchen, gewidmet den lieben, vermutlich männlichen Kollegen: „My Dear Colleagues“. Maliziös ...

Was, wann, und wo?

Die Sammlung Philara mit der Sonderausstellung „Mirrors and Windows“ (bis 3. Oktober) ist vier Tage in der Woche geöffnet: Do. 14 bis 18 Uhr, Fr. 14 bis 20 Uhr, Sa. und So. 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt in das Haus im Hof der Birkenstraße 47a ist frei, Spenden werden begrüßt. Zu empfehlen ist auch ein Besuch des Skulpturengartens auf der Dachterrasse, wo ganz hinten ein Glaspavillon von Dan Graham für spiegelndes Vergnügen sorgt. Stärkung gibt es danach im Bulle Bistro, wo nicht nur der Käsekuchen köstlich schmeckt. www.philara.de

Hereinspaziert: Kunst und Kaffee im "LRRH_Aerial", Kapuzinergasse 24.

Heitere Kunst: Björn Schülke konstruiert kinetische Skulpturen.

Textildesignerin Daniela Görgens mit einer Kunstkappe von Rosemarie Trockel.

Kleines Glitzern: Kurator Wilko Austermann zeigt ein Stück der Schülke-Edition.

Daniela Görgens zwischen Flagge und Halsschmuck von Katharina Grosse.

Manche Düsseldorfer*innen zögern ja schon, durch die Altstadt zu gehen: zu viel Sauftouristen, Imbissbuden, Schmuddelecken. Umso wertvoller ist alles, was zwischen Akademie und Karlplatz zur Düsseldorfer Kultur beiträgt: K20, die Kunsthalle, ein paar beharrliche Galerien und jetzt das LRRH_Aerial im schicken Glashaus an der Kapuzinergasse 24. Wo im letzten Jahr der alte Kunstaktivist HA Schult seine Trash People zeigte, hat die Inhaber-Familie Görgens einen offenen Raum für die Begegnung von Kunst, Mode und Lebensgefühl geschaffen. Mit Espresso-Bar nach italienischer Art.

LRRH_Aerial? Ja, das muss man sich erst mal merken. Also, LRRH ist eine Abkürzung für Little Red Riding Hood, englisch für Grimms Rotkäppchen. So hieß das erste eigene Label der Kölner Designerin und Textilunternehmerin Daniela Görgens. Und das mit einer Underline verbundene „Aerial“ heißt Antenne, bedeutet aber auch frei schwebend, zur Luft gehörend. In heller, luftiger Atmosphäre sollen hier Ideen, Editionen und ein leckerer Cappuccino die Gäste inspirieren.

Eine Maschine zur Freude

Im ersten Abschnitt („chapter_1“) geht es ein Jahr lang um „metal mesh“, Metallgewebe, das Daniela Görgens für renommierte Künstler produziert. Der Kölner Bildhauer oder besser Objekte-Erfinder Björn Schülke hat für den haushohen, mit Glas überdachten Lichthof eine seiner „absurden Maschinen“ gebaut: „Solar Mesh Dance“. Eine silbern glitzernde Schlaufe aus kleinen Plättchen hängt da an einem Ring, der von Bewegungsmeldern und Solarplatten sanft in Bewegung gesetzt wird. Schülke nennt zwar den Schweizer Jean Tinguely (1925-91) mit seinen kuriosen Konstruktionen als Vorbild, aber die kinetische Skulptur erinnert eher an ein anderes Phänomen des 20. Jahrhunderts: das mit Licht und Leere spielende Konzept der Düsseldorfer Gruppe Zero.

Für Sammler gibt es Mini-Versionen der „Mesh Machine“, die man als kleinen Zauber an die Wand hängen kann (900 Euro). Zu entdecken sind sie in der weißen „Box“ im hinteren Teil des Raums, wo Daniela Görgens mit Hilfe von Kurator Wilko Austermann eine Schau von rund 30 künstlerischen Auflagen-Objekten arrangiert hat. Teuerstes Stück ist eine prächtig-malerische Fahne in glühenden Farben von Katharina Grosse (6400 Euro), gefolgt von den witzigen „NoCaps“ von Rosemarie Trockel, die bedrucktes Metallgewebe wie einen Schleier über Schirmkappen gelegt hat (ab 1900 Euro), und einer „Reifentasche Audi“ von Johannes Wohnseifer (2100 Euro). „Shopping Bags“ von May Hands gibt es für 100 Euro. Kunst, zeigt das LRRH_Aerial, darf auch mal angefasst werden und ein Leichtes sein.

Was, wann und wo?

Das LRRH_Aerial an der Kapuzinergasse 24 mit der Ausstellung „chapter_1: metal mesh“ ist Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Es gibt eine Stehbar mit Kaltgetränken, Tee, Kaffee und Kunstliteratur. www.lrrh.de

Nur Mut! Isa Genzken und Schlingensief

Erleuchtet: Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz im K20.

Künstlergeist: Christoph Schlingensief in einem Fernsehbericht.

Seltsame Begegnungen: Besuch in "Kaprow City".

Stiller Saal mit dem Frühwerk von Isa Genzken im K21.

Institutsleiterin Susanne Gaensheimer und die Puppen von Isa Genzken.

Ja, Freunde, es bleibt anstrengend: Zeitfenster, Abstand, Maskenzwang, Ermahnungen. Aber wir wollen doch mal hoffen, dass die ersten Öffnungen, die uns die Pandemie in Düsseldorf gestattet, nicht nur zum Shoppen und zum Biertrinken auf zugigen Terrassen genutzt werden. Man sollte sich auch vom Sofa erheben, um sich wieder einmal direkt mit der Kunst auseinanderzusetzen. Gerade, wenn es schwierige, unpopuläre Kunst ist wie die Installation „Kaprow City“ von Christoph Schlingensief im K20 und die verrückten Figuren der Isa Genzken im K21. Susanne Gaensheimer, die Chefin der Kunstsammlung NRW, fordert uns mal wieder heraus. Und das ist gut so.

Er war eigentlich ein braver Junge: Apothekersohn, geboren 1960 in Oberhausen, mit Inbrunst katholisch. Und er war ein netter Kerl, so ein sympathischer Wuschelkopf, Typ Muttis Liebling. Dennoch kannte er in seiner Kunst kein Tabu. Getrieben von immer neuen Ideen und einem seltsamen Offenbarungsdrang mischte Christoph Schlingensief überall mit. Als Filmer, Autor, Regisseur, bildender Künstler, Politclown und Master seiner Lebensshow. Er nervte das bürgerliche Publikum und durfte trotzdem in Bayreuth den „Parsifal“ inszenieren. Als er sehr krank wurde – Lungenkrebs – entwarf er eine „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ mit seinen Röntgenbildern. Kurz vor seinem Tod im Sommer 2010 wollte er noch ein Operndorf in Burkina Faso bauen. Und nicht locker lassen.

Verwandlung eines Bühnenbilds

Posthum wurde Schlingensief 2011 zum Gestalter des Deutschen Pavillons der Biennale in Venedig. Kuratorin war damals Susanne Gaensheimer, die ihn nie vergessen hat. Unterstützt von seiner Witwe und Gralshüterin Aino Laberenz präsentiert sie jetzt im K20 eine Installation, die eigentlich Kulisse war für ein theatralisches Happening, das Schlingensief 2006 an der Volksbühne Berlin inszeniert hatte. „Kaprow City“ hieß es nach dem amerikanischen Happening-Pionier Allan Kaprow. Auf einer Drehbühne ging es damals unter anderem um gemischte Befindlichkeiten und den Tod von Lady Di, dargestellt vom Boulevard-Starlet Jenny Elvers-Elbertzhagen. Aber, so betont die Witwe: „Das muss nicht komplett erklärt werden.“

Schlingensief selbst bewahrte die wild bemalten und beschrifteten Bretterbüdchen des Bühnenbilds, um das Ganze in eine lautlose, durch Filmprojektionen wild bewegte Installation umzuwandeln, die 2007 im Züricher Migros Museum ausgestellt und nun sorgfältig in Düsseldorf wiederaufgebaut wurde. „Kein Zuschauer sieht alles“, bemerkte der Künstler damals in einem Schweizer Fernsehbeitrag. Aber jeder Zuschauer sieht genug auf diesem Abenteuerspielplatz einer getriebenen Seele: Totenköpfe und Pimmelmänner, eine abstruse Kreuzigungs-Performance mit behinderten Mitwirkenden, Schmalfilm-Kindheitserinnerungen, abgeschrammten Tafeln und Türen, über und über bekritzelt mit intimen Auskünften wie: „Am liebsten schlafe ich mit mir selbst.“

Am Übervater abgearbeitet

Was so improvisiert wirkt, war, wie Aino Laberenz versichert, „sehr genau“ ausgedacht. Und passt durchaus zu den „Kosmopolitischen Übungen mit Joseph Beuys“ in der großen Halle gegenüber. Wie für Beuys existierte für Schlingensief keine Grenze zwischen Alltag, Kunst und politischem Handeln. Er gab sich ganz dem Lebens-Werk hin und hat sich, so Susanne Gaensheimer, auf seine Art am „Übervater“ Beuys „abgearbeitet“.

Die Bildhauerin Isa Genzken, geboren 1948 als Hamburger Arzttochter, gehört zu einer Generation, die sich im männlich dominierten Kunstbetrieb an vielen Übervätern abarbeiten musste. Sie heiratete 1982 den Professor, deren Meisterschülerin an der Düsseldorfer Akademie sie in den 1970er-Jahren gewesen war: Gerhard Richter. Vielleicht war es gerade die tiefe Krise nach der Scheidung 1993, die ihr eigenes Profil schärfte. Nach großen Auftritten bei der Biennale in Venedig, wo sie den Deutschen Pavillon 2007 in eine irrwitzige Baustelle verwandelte, und im New Yorker MoMA, wo man sie 2013 mit einer Retrospektive ehrte, gehört sie zu den internationalen Starkünstler*innen der Gegenwart.

Die Waffen der Studentin

Wie Isa Genzken begann und wohin die Freiheit sie führte, kann man jetzt in einer Doppelausstellung im modernen Haus der Kunstsammlung NRW, dem K21, sehen. Im Souterrain dehnt sich die Vergangenheit in Form von gelochtem Endlospapier, auf dem die Studentin Genzken ihren Halt entlang schwankender Linien suchte. Sie probierte sich aus – in feinen, nervösen Skizzen ebenso wie in einer unscharf dokumentierten, für sie eher untypischen Entkleidungs-Performance. Und sie fand zumindest formale Ruhe in der Abstraktion. Die aus dem Baseler Kunstmuseum übernommene Ausstellung des Frühwerks zeigt einige konstruktive grafische Serien und bemerkenswerte Skulpturen, die auf dem Boden liegen: stabartige, etwa sechs Meter lange Gebilde aus Holz, handwerklich geschnitten und makellos lackiert. Sie haben entweder trichterförmige Enden, dann heißen sie Hyperbolos, oder laufen beidseitig spitz zu, als Ellipsoide.

Wie Susanne Gaensheimer erzählt, wurden Isa Genzkens perfekte bildhauerische Werke von männlichen Kollegen als „Haarnadeln“ verspottet. Dabei wirken sie eher wie die Lanzen einer Kunstkriegerin, die sich Abstand und Respekt verschaffen will. In reifen Jahren sind diese Objekte verschwunden. Isa Genzken hat sich, so Gaensheimer, „immer wieder ganz neu erfunden“. Das Alterswerk, zu sehen in der Bel Ètage des K21, wirkt tatsächlich jünger. Viel jünger. Man könnte manchmal sogar meinen, ein Kunst-Leistungskurs mit begabten Teenagern hätte sich da ausprobiert.

Rätselhafte Aufstellung

Denn Isa Genzken arbeitet vorzugsweise mit Schaufensterpuppen, die sie „Schauspieler“ nennt und wild mit Klamotten und Requisiten ausstattet. Dabei geht es natürlich nicht um Mode, sondern um Irritation. Am „Film Set“ von 2015 verrenkt sich eine Bande mit bunten Perücken und Leuchtwesten. „Ohne Titel“ stehen vier große Glatzköpfe und eine Kinderpuppe im Kreis mit emporgereckten Armen und nackten Beinen. Sie tragen zerschnittene Hemden, wurden still malträtiert mit Schlauch, Kabelbindern, Schlafmasken, jecken Hüten, verschleiert mit Folien, bespickt mit rätselhaften Zetteln. Was machen die da bloß? Jubeln? Um Hilfe rufen? Man weiß es nicht.

Eine Revue der Verunsicherung hat Isa Genzken mit ihren Puppen inszeniert – jeder könnte da mitspielen. Aber Susanne Gaensheimer legt großen Wert auf die Feststellung, dass der improvisierte Eindruck trügt. Jedes Detail der Verkleidung, jede Stellung eines Plastikgelenks, jede Blickrichtung sei genau konzipiert – „sehr präzise“. Das gilt auch für die Collagen von selbstklebenden Absperrbändern auf Alu-Platten, die in der Tat eine kraftvolle Präsenz haben. Und es gilt für die Installation „Poverty“, 2009 entworfen. Ein paar schäbige Decken, unter denen kaum wahrnehmbare Gestalten zu ahnen sind, eine kollabierende Zeltplane, ein paar Münzen am Boden – das Elend, an dem wir zu oft vorübergehen.

Was, wann und wo?

Die Kunstsammlung NRW zeigt „Christoph Schlingensief: Kaprow City“ bis 17. Oktober im K20 am Grabbeplatz. Im K21, Ständehausstr. 1, gibt es bis 5. September zwei Ausstellungen über Isa Genzken – „Werke von 1973 bis 1983“ im Souterrain sowie „Hier und Jetzt“ in der Bel Étage. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen 11 bis 18 Uhr. Der Shuttle-Service zwischen den beiden Häusern wurde wegen Corona eingestellt. Besucher brauchen derzeit keinen negativen Corona-Test, müssen aber eine medizinische Maske tragen und ein Zeitfenster buchen. www.kunstsammlung.de

100 Jahre Beuys: Der berühmte Unbekannte

Erinnerung: Der Journalist Joachim Umbach interviewt Beuys im Mai 1981.

Wie ein Geist erscheint Beuys im Dokumentarfilm "Celtic+" 1971.

Kleidung als Skulptur: Kuratorin Vanessa Sondermann am "Filzanzug".

Kreuzbronzen des Mataré-Schülers Beuys um 1950 in der Akademie-Galerie.

Eigenes Beuys-Buch: Birgit Kölgen und der "Bienenfleiß" (Galerie Wilmsen).

Könnte sein, dass manche schon die Augen verdrehen, wenn sie den Namen Beuys schon wieder hören oder lesen. Zur Feier seines 100. Geburtstages wurde dem vielleicht umstrittensten Meister der Nachkriegs-Avantgarde in diesem Jahr schon bis zum Überdruss gehuldigt. Allein in Nordrhein-Westfalen, dem Stammland des Meisters, widmen sich 20 Museen und andere Kulturinstitutionen dem Denken und Schaffen des Joseph Beuys – obgleich die Ausstellungen der Corona-Krise wegen bisher kaum gesehen werden. Und sogar der Heimatverein der Düsseldorfer Jonges, sonst eher ein brünnleinstiftender Männerclub mit konservativem Kunstgeschmack, stiftete eine Gedenktafel für die Fassade des Oberkasseler Hauses Drakeplatz 4, wo Beuys lebte, arbeitete und weltberühmt wurde.

So viel Gemeinschaftsgefühl – dabei war Joseph Beuys gar kein Düsseldorfer Jong, sondern einer vom Niederrhein. Geboren in Krefeld am 12. Mai 1921 als einziges Kind eines Mehl- und Futtermittelhändlers, wuchs „dat Jüppken“ in ländlicher Umgebung bei Kleve auf. Ein verschrobenes Bürschchen, das die Oberschule lustlos absolvierte und lieber mit dem Hirtenstab durch die Natur streifte, um Pflanzen, Insekten und anderes Getier zu sammeln. Für die Beute, tot oder lebendig, baute er zuhause Zelte und Labyrinthe, was man schon fast als Aktionskunst bezeichnen könnte. Aber es war eine andere Zeit, und der Knabe Beuys fühlte sich schwärmerisch zur Blut- und Bodenideologie der herrschenden Nazis hingezogen.

Die Sache mit der Flamme

Da gibt es nichts zu beschönigen. Wie so viele seiner Zeitgenossen war der junge Beuys ein begeisterter Hitlerjunge. 1936 marschierte er mit dem Klever HJ-„Bann“ zum Nürnberger Reichsparteitag. Auch als er, wie er später erzählte, mit 17 einen Lehmbruck-Katalog fand und darin sein Erweckungserlebnis als Künstler sah, ging das nicht ohne sonderbares Pathos ab. Die Abbildung einer Skulptur hätte zu ihm gesprochen: „Ich hörte: Schütze die Flamme!“ Die Flamme der Kunst und der Erkenntnis? Doch erst einmal loderte das Feuer des Krieges, in den der 20-Jährige 1941 freiwillig zog. Bei der Luftwaffe wurde er zum Bordschützen und Funker ausgebildet.

Der Absturz seines Kampfflugzeugs am 16. März 1944 über der Krim gehört zur allgemein bekannten Erzählung seines Lebens. Der Pilot war sofort tot, Beuys behauptete später, er wäre von nomadisierenden Tataren gefunden und eine magische Zeit lang im Zelt gepflegt, mit Fett gesalbt, mit Filz gewärmt worden. Das heiligte seine späteren Materialien. Doch es kann nicht ganz wahr sein. Denn der Verwundete wurde, wie Forscher herausfanden, schon am nächsten Tag ins Lazarett eingeliefert.

Von der Krise ins Glück

Wie dem auch sei – der Krieg mit seiner Schuld und seinem Schrecken hinterließ tiefe Spuren im Empfinden des treuen Soldaten Beuys. Es schien alles gut zu werden, als er 1946 an der Düsseldorfer Kunstakademie aufgenommen wurde und in der Klasse des Bildhauers Ewald Mataré zum fleißigen Meisterschüler avancierte. Eine wegen Corona bisher ungesehene Ausstellung in der Akademie-Galerie zeigt, wie tief verbunden er mit dem Professor war, dessen Liebe zur stilisierten Tierfigur er teilte und an dessen kirchlichen Aufträgen er leidenschaftlich mitarbeitete. Es entstanden berückende Zeichnungen und fromme Skulpturen. Doch nach Abschluss des Studiums rutschte Beuys in eine tiefe Krise und Depression, wovon er sich erst als Gast der Bauern-, Lehrer- und Sammlerfamilie van der Grinten erholte.

Ende der 1950er-Jahre stabilisierte sich das Leben des Joseph Beuys. Er fand die Frau seines Lebens, Eva, heiratete und zog mit ihr 1961 in eine Atelierwohnung in Düsseldorf-Oberkassel, Drakeplatz. „Beuys mit seinem Lederkoffer, ich mit einem kleinen Korb meiner Großmutter“, berichtet Eva Beuys später. Der Drakeplatz, blieb sein Fuchsbau, hier entwickelte er Theorien, empfing Besucher, ließ seine Kinder Wenzel (1961) und Jessyka (1964) zwischen Fettecken spielen. Kunst und Leben, das war für ihn kein Unterschied.

Der Professor als Provokateur

Der Zeitgeist wurde wilder, und als Joseph Beuys 1961 selbst einen Lehrstuhl für Bildhauerei an seiner alten Akademie bekam, war abzusehen, dass dieser Mann kein ordnungsgemäßer Professor sein würde. Beim „Festum Fluxorum Fluxus“ 1963 in der Aula wurde der Wahnsinn mit Methode und „Antimusik“ gefeiert, zur Eröffnung der Galerie von Alfred Schmela 1965 zeigte ein goldglänzender Beuys dem staunenden Publikum, „Wie man dem toten Hasen die Kunst erklärt“. Ab 1966 wurden in öffentlichen „Ringgesprächen“ in einer anschwellenden Jüngerschar krause Theorien diskutiert. Und da Beuys die Ansicht vertrat, dass jeder ernsthaft Schaffende ein Künstler wäre, schwoll seine Klasse gegen jede Regel auf Hunderte von Studenten an.

Eine Provokation – die im Oktober 1972 in der fristlosen Entlassung des Joseph Beuys aus dem Lehramt endete. Bis 1980 dauerte der Rechtsstreit, danach durfte Beuys sein verwaistes Atelier „Raum 3“ bis zum Pensionsalter wieder benutzen. Doch da war er längst ein Weltstar der Kunst, spätestens, seit der bärenhafte Schüler und Gefährte Anatol 1973 ihn in einem selbstgeschnitzten Einbaum von Oberkassel quer über den Rhein gepaddelt hatte. „Die Heimholung des Joseph Beuys“ war ein Medienereignis.

Auch Politik kann eine Kunst sein

Fortan kannte und erkannte jedes Kind in Düsseldorf den hageren Kunsthäuptling Beuys bei seinen Auftritten mit Filzhut und Anglerweste. Gewiss, es wurde viel gespottet – zum Beispiel über die mit Pflastern und Fett verklebte Objekt-Wanne, die 1973 bei einer Feier des SPD-Ortsvereins im Schloss Morsbroich blankgeputzt und zum Gläserspülen benutzt worden war. Doch niemand ignorierte Beuys, es wurde diskutiert und gestritten, was ihm ganz recht war. Vom zurückgezogenen Künstlerleben hielt er nichts. Er wollte inspirieren und motivieren. Seine berühmte „Honigpumpe“, die er auf der Documenta in Kassel 1977 installieren ließ, diente ihm als Bühnenbild für 100 Tage Diskussion einer „Free University“, seiner Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung“.

Alles war Kunst für ihn – auch die Politik: 1979 gehörte Beuys zu den EU-Kandidaten der Grünen, ein Kumpel von Petra Kelly. Anfang 1980 war er beim Gründungsparteitag dabei und erst, als er beim Bundestagswahlkampf 1983 keinen der vorderen Listenplätze bekam, zog er sich gekränkt zurück. Beuys war ein Anführer, kein Teamplayer. Unterstützt von einer Schar meist männlicher Adoranten arbeitete er wie besessen an Installationen und Konzepten. 1979 traf er in der Galerie von Hans Mayer auf US-Star Andy Warhol, der ihn poppig porträtierte. Die Schickeria war entflammt. Der Wert Beuys’scher Werke wuchs in sechsstellige Bereiche, damals ungeheuerlich. Das Guggenheim-Museum in New York ehrte den Denker vom Rhein 1980 mit einer Einzelausstellung.

Als er 1982 auf der Documenta die langjährige Aktion „7000 Eichen“ mit alten Basaltsteinen und jungen Bäumen startete, beeindruckte Joseph Beuys auch seine beharrlichsten Kritiker. Sein Ruhm wuchs, seine Gesundheit litt. Lunge und Herz machten nicht mehr mit. Kurz nach Verleihung des Lehmbruck-Preises starb der Jong vom Niederrhein am 23. Januar 1986 in seinem Düsseldorfer Atelier.

Und noch ein Buchtipp in eigener Sache:

Aloys Wilmsen (Herausgeber): „Bienenfleiß - Joseph Beuys und die Honigpumpe aus dem Allgäu auf der Documenta 6, 1977“, mit Texten von Birgit Kölgen, Peter Schata, Raimer Jochims und Aloys Wilmsen. Verlag Galerie Wilmsen, Rheineck (Schweiz). 191 Seiten, gebunden, 27,00 Euro. Erhältlich u. a. über die Buchhandlung Walther König.

Trip ins Unterbewusste: die Stoschek Collection

Drohnenflug: Ein Hongkong-Video des New Yorker Studios WangShui.

Performance in New York: die Künstlerin Klara Lidén in ihrem Video „Grounding“.

Bitte hinhören: Soundinstallation „Hunky Bluff“ von Lina Lapelytė.

Gruselige Clowns in der Finsternis: bewegliches Bild von Mike Kelley.

Untersuchung des menschlichen Gefühls: Video und Wallpaper von Jeremy Shaw.

Der Körper ist in dieser Krise ja ausreichend gefüttert worden. Aber auch der vom Dauerfernsehen erschlaffte Geist braucht seine Nahrung. Mit Begeisterung nutzen die Düsseldorfer die vorsichtigen Öffnungen der Ausstellungshäuser. Die Julia Stoschek Collection (JSC) an der Schanzenstraße hat die mediale Kunst wieder eingeschaltet – und obgleich nichts Populäres dort gezeigt wird, waren die Zeitfenster für das erste Wochenende sofort ausgebucht. Filme und Sound von zwölf Künstler/innen der Collection („JSC on View“) sowie die anspruchsvollen Konzepte des Kanadiers Jeremy Shaw fordern die intelligente Aufmerksamkeit des Publikums. Nur Mut!

Die Chefin Julia Stoschek, Sammlerin „zeitbasierter Medienkunst“ und Profi im Global Play, hat für die neue Präsentation eigens eine aufstrebende Kuratorin aus New York für eine „Forschungs- und Arbeitsresidenz“ nach Düsseldorf eingeladen: Rachel Vera Steinberg. Die junge Expertin konnte coronabedingt jetzt nicht zur Öffnung der Schau kommen, hat aber in der zweisprachigen Ausstellungsbroschüre schwer gescheite Texte hinterlassen: „Die Arbeiten bedienen sich unterschiedlicher kultureller Narrative und vermitteln einen Eindruck davon, in welchem Sinn sie ein Inkubator für soziale Mythologien sein können.“

Auf die innere Reise gehen

Nun, Videokunst wird ja gerne mit einem anstrengenden intellektuellen Überbau geliefert. Dabei arbeitet sie ganz suggestiv mit bewegten Bildern, Stimmen und Geräuschen. Man muss nicht alles verstehen, sondern sich eher darauf einlassen wie auf einen Traum. Schön passt dazu ein Satz aus einem ziemlich poetischen Kunstfilm, den Laure Prouvost 2019 für den französischen Pavillon bei der Biennale von Venedig geschaffen hat: „Wir machen einen Road-Trip durch das Unterbewusstsein.“ Die umgebauten Fabrikräume der Stoschek Collection sind dafür besonders geeignet. Denn dank gläserner Wände und Türen, die den Schall dämpfen, erlauben sie sowohl faszinierende Durchblicke als auch eine Konzentration auf einzelne Werke. Stuhlreihen oder schöne Lederbänke laden zum Platznehmen ein. Und so kann man ganz gemütlich auf die innere Reise gehen.

Erste Station ist Hongkong, wo im Stadtteil Bel-Air luxuriöse Wohntürme nach Feng-Shui-Art gebaut wurden – mit eigenartigen Durchbrüchen für den Flug der imaginären Drachen zum Fluss. Die Stimme eines nicht näher bezeichneten Künstlers vom New Yorker Studio WangShui erzählt von alten Märchen und Traditionen inmitten modernster Architektur. Und lässt uns mit Hilfe einer Drohnenkamera langsam auf die bläulich schimmernden Fassaden zufliegen und durch die Öffnung hinaus ins Freie.

Alles ist Performance

Dahinter erscheint der Engländer Mark Leckey mit seinem Lockenkopf vor einer filmischen „Parade“ aus Werbefiguren in unwirklichen Räumen und führt in einem weiteren Video „Fiorucci made me Hardcore“ mit Archivmaterial in die Tanz-Subkultur der 1970er- bis 90er-Jahre. Eine Zeit, als es die knallharte Genderdiskussion der Gegenwart noch nicht gab. Die in Berlin und USA lebende Skandinavierin Klara Lidén legt Wert auf einen „ambivalent gegenderten“ Körper. Man meint, in ihrem Video „Grounding“ einen jungen Mann zu sehen, der durch den schicken New Yorker Finanzdistrikt spaziert und Passanten irritiert, weil er immer wieder hinfällt, ein Stück weit kriecht, aufsteht und weiterläuft, zu rhythmischer Musik.

Es geht der Künstlerin um die Reaktion auf Hautfarbe und Geschlecht. Als weißer Mann, glaubt sie, bleibt man unbehelligt. Doch ganz abgesehen von der politischen Botschaft zeigt sie eine nahezu tänzerische Performance zu rhythmischer Musik. Man ist fasziniert – genau wie von den knöchellangen roten Haaren, die eine feenhafte Schauspielerin in Mika Rottenbergs Video „Chasing Waterfalls“ vor den Niagara-Fällen flattern lässt. Das Spiel geht weiter mit den grotesk verkleideten, ziemlich sadistischen Clowns in einem Video des 2012 verstorbenen Mike Kelley. Dagegen ist die Dokumentation über einen queeren Club in Los Angeles von Wu Tsang („Wildness“) schon richtig seriös.

Gefühle der Vergangenheit

Manche Werke kommen auch ohne Bild aus – wie die Soundinstallation „Hunky Bluff“ von Lina Lapelytė. In einem langen Flur kann man unter Klangglocken die Aufzeichnung einer Opernperformance aus London hören und sich optisch ein bisschen erholen, bevor man in die obere Etage zur Ausstellung von Jeremy Shaw geht: „Quantification Trilogy“. Der in Berlin lebende Kanadier hat so etwas wie eine Zukunftswelt konzipiert, in der eine vollkommen rational agierende Menschheit die Gefühlsausbrüche der Vergangenheit wissenschaftlich untersucht. In altmodisch anmutenden Filmen, auf großen Wallpapers und auf Fotos unter Prismenglas sieht man Menschen tanzen, beten, wirres Zeug erzählen.

Die vom Haus gelieferten Erklärungen sind leider ebenfalls wirr und wahnsinnig kompliziert. Es empfiehlt sich, die Ästhetik der Installation einfach auf sich wirken zu lassen und eigene Assoziationen zuzulassen. Es riecht nach neuem Teppich. Perfektionist Shaw hat sogar die Auslegeware für sein Arrangement ausgesucht. Zum Abschluss kann man noch ins Kellerkino gehen und dort elf Minuten lang unverwandt dem alten Kunstguru Joseph Beuys (1921-1986) in die gelegentlich blinzelnden Augen schauen. Der Filmer Lutz Mommartz würdigte mit dem lebenden Standbild 1969 die Beuys’sche Idee von der „Sozialen Plastik“. Ein Düsseldorfer Klassiker.

Wann, wo und wie?

Die neue Präsentation der Stoschek Collection „JSC on View: Mythologists“, die „Quantification Trilogy“ von Jeremy Shaw sowie der Beuys-Film „Soziale Plastik“ von Lutz Mommartz können bis zum 19. Dezember 2021 jeweils an den Wochenenden besucht werden. Der Eintritt ist frei, es müssen allerdings Zeitfenster gebucht werden. Auf der Website www.jsc.art gibt es auch Zugang zu einem virtuellen Bestandskatalog von zahlreichen Video-Werken aus der Sammlung Stoschek.

Hammer der Poesie: Uecker bei Goethe

Der maskierte Günther Uecker vor seinem Grafik-Zyklus „Huldigung an Hafez“.

Poesie und Farbe vereinen sich in Ueckers Grafik-Zyklus.

Kuratorin Barbara Steingießer zeigt genagelte Druckplatten für Prägedrucke.

Corona-Look: Der Künstler im Garten des Goethe-Museums.

Im ersten Stock: Ueckers großes Objekt „Trommeln“.

Während die Kunstsammlung NRW und die städtische Kunsthalle vorwiegend spröde Konzepte verfolgen, macht uns das kleine, vernachlässigte Goethe-Museum wieder einmal glücklich mit einer lyrisch-malerischen Ausstellung von einem der wirklich großen Düsseldorfer Künstler. Nach Heinz Mack 2018 huldigt nun Günther Uecker im Schloss Jägerhof dem Geist der Poesie und zeigt Werke, die der Schönheit des Wortes gewidmet sind. Wie einst Goethe liebt Uecker besonders die Verse des altpersischen Dichters Hafis (auch Hãfez, 1315-1319), ihm widmete er ein farbenglühendes Mappenwerk. Man kann davon nur schwärmen.

Gewiss, die derzeitigen Lebensbedingungen machen Begegnungen nicht leicht. In den engen Sälen des Schlösschens wird streng auf Abstand und Hygiene geachtet. Nur kleine Gruppen dürfen eintreten. Zur Pressekonferenz mit dem Künstler mussten die frisch desinfizierten Medienleute bei strömendem Regen in den lückenhaft beschirmten Garten gehen. Es war äußerst ungemütlich, aber der 90-jährige Uecker selbst ließ sich davon nicht irritieren. Er zog sogar kurz die Maske ab und zeigte sein altes Uecker-Lächeln, zuvor zitierte er einen seiner Lieblingsverse von Hafis: „Den Glanz deiner Schönheit entfachte das Licht in der Ewigkeit. Die Liebe entstand und setzte in Flammen die Welt.“ Seufz ...

 Wie Spuren im Schnee

Die Welt kennt Uecker als kernigen Kerl, der Eisennägel einschlägt und daraus markante Objekte macht. Aber die kraftvolle Geste war bei ihm immer mit sensiblen Ideen verbunden. Wie ein Kornfeld, vom Wind sanft bewegt, so wirken manche Nagelfelder. „Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht“, so zitiert er gern den russischen Futuristen Wladimir Majakowski. Die weißen Prägedrucke, die er von Nagelreliefs zieht, sind, so Kuratorin Barbara Steingießer, „so zart wie Spuren im Schnee“. Aber Uecker schwelgt auch in Farbe. Die 31 Siebdrucke aus der Grafik-Edition „Huldigung an Hafiz“ verbinden das Wort des Dichters mit blühenden, glühenden Zeichen, die an Blätter, Blumen, Sonnenschein erinnern.

Sie sind auch, wie Uecker es nennt, „geschriebene Bilder“. Denn seine Schreibschrift, groß und schwungvoll, ist einer Zeichnung gleich. Er setzt sie schwarz auf seine Farben, und es ist, als sei die uralte Poesie des Persers Hafis direkt aus Ueckers Hand geflossen: „Vor Einsamkeit stirbt fast das Herz mir“, so klagt es da auf einem gelben Züngeln. Und über rosafarbenen Fantasieblüten heißt es: „Oh, du meine duftende Rose sollst nicht deine Nachtigall quälen ...“ Uecker kann nicht genug bekommen von den Versen eines „wundersamen Dichters“, den schon Goethe, wie Museumsdirektor Christof Wingertszahn bemerkt, als „lieblichen Lebensbegleiter“ bezeichnet hat.

Auf dem West-Östlichen Divan

So passen literarische Schätze des Hauses auf innige Weise zu Ueckers Werk. In den Vitrinen des ersten Stocks liegen Handschriften Goethes, darunter das mit zwei gepressten Blättern versehene Gedicht an den „Ginkgo biloba“. Und da ist eine 1819 erschienene Erstausgabe seiner berühmten, von Hafis inspirierten Lyrik-Sammlung „West-Östlicher Divan“, ein Geschenkexemplar für Goethes Kölner Freund Boisserée mit handkoloriertem Kupferstich auf der Titelseite.

Auch Günther Uecker besitzt kostbare Bücher – unter anderem aus Persien. Für ihn ist Poesie ein Quell seiner Schöpfungskraft. „Sobald ich lese, muss ich auch malen“, sagt er. Oder witzige Objekte erfinden, die mit dem Sujet spielen wie ein „Scharfes Buch“, dessen Seiten mit Rasierklingen gekennzeichnet sind, das mit einem roten Kissen zusammengenagelte „Kissenbuch“ oder ein zum „e“ gebogener Nagel als „Buch-stab-e“.

 Das verborgene Wort

Oft geht es dem Künstler ganz ernsthaft um das verborgene oder unverstandene Wort. Das zugenagelte „Bleibuch“ bewahrt sein Geheimnis. Schon 1974 entstand die Idee einer raumfüllenden Skulptur „Zum Schweigen der Schrift“. Von vier großen, in einem Gerüst befestigten Rollen („Trommeln“) hängen Stoff- oder Papierbahnen, die mit unkenntlichen Zeichen bedeckt sind. Uecker hatte damals auf einer Reise in Laos versucht, die ihm unbekannte Schrift zeichnerisch nachzuvollziehen. „Das Befremdende, das möchte ich ergründen“, so wird er zitiert.

Seine „Huldigung an Hafez“ blieb übrigens im Orient nicht unbemerkt. Im Gegenteil: Kunstinteressierte Iraner lieben das Grafikwerk. Uecker hat die großen malerischen Blätter mittlerweile nicht nur in der Hauptstadt Teheran, sondern auch an sieben anderen Orten ausstellen können, zuletzt auf der Insel Kisch, von wo er erst im Februar kurz vor dem Ausbruch der Pandemie zurückkehrte. Jede Ausstellung wurde von Werken örtlicher Künstler ergänzt, die ihr Werk nun in der Düsseldorfer Galerie Breckner zeigen. Obgleich sie wegen Corona trotz Visa nicht einreisen konnten, soll der west-östliche Dialog nicht abreißen. Denn, so schrieb schon der große Hafis: „Durch das Feuer der Worte kann man spüren des Herzens Flammenglut.“

Was, wann und wo:

„Uecker – Hafis – Goethe: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“. Die Ausstellung mit wortbezogenen Werken von Günther Uecker ist bis 26. September verlängert worden. Schloss Jägerhof, Jacobistr. 2. Geöffnet Di.-Fr. und So. 11 bis 17 Uhr, Sa. 13 bis 17 Uhr. Eintritt: 4 Euro. www.goethe-museum.com